Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, Mittelfeldstrategen organisieren die Mannschaft, Stürmer sorgen fürs Spektakel, aber entschieden wird ein Fußballspiel in der Abwehr. Wenn die Verteidiger geschlossen zusammenstehen, die Räume eng machen, Dribbeltricks der gegnerischen Angreifer im richtigen Moment mit einer Grätsche vereiteln und obendrein mit Köpfchen und Sprungkraft den Luftraum über dem eigenen Strafraum beherrschen, verleihen sie dem gesamten Team die Stabilität, die es braucht, um sogar schwierige Partien zu gewinnen. Ich weiß, wovon ich rede. Schließlich war ich selbst Verteidiger und habe oft genug erlebt, was geschieht, wenn all das, was ich oben so fachkundig notiert habe, nicht klappt. Dann bricht ruckzuck Chaos aus. Ich habe nicht mitgezählt, wie oft mir pfeilschnelle Gegner davonliefen und meiner Mannschaft ein Ding nach dem anderen reinhauten. Während eines superwichtigen Klassenkicks war ich einmal so frustriert, dass ich mich mitten auf dem Platz einem Gegenspieler einfach vor die Füße fallen ließ. Unglücklicherweise nahm mein als Schiedsrichter fungierender Vater die Rolle des Unparteiischen ernst und pfiff einen Freistoß für die anderen: Anlauf, Flanke, Schuss – zack, hatten wir die nächste Kiste gefangen. Und schuld war die Abwehr um den kleinen Harms. Die Blicke meiner Kameraden werde ich nicht vergessen. Immerhin weiß ich seither, worauf es im Fußball ankommt: Hinten dichthalten, komme, was wolle! Bei dieser Erkenntnis weiß ich mich einig mit Thomas Helmer. Der war im Gegensatz zu mir ein spektakulär guter Kicker; Ende der Achtziger- und in den Neunzigerjahren zählte er zu den besten Innenverteidigern der Welt: Nicht nur hielt er bei Borussia Dortmund und dem FC Bayern hinten die Reihen geschlossen, er erzielte auch noch Tore – allein fünf Stück in der Nationalmannschaft. Einmal schoss er sogar ein Tor, das gar keins war, Fußballfreunde reden heute noch davon. Der Mann weiß also, wie man auf dem Platz gewinnt, das macht ihn heute zu einem gefragten Sportkommentator. Bei allem Respekt für den Deutschen Fußball-Bund ist daher festzustellen: Wenn einer wie Thomas Helmer zum Start der Fußball-Weltmeisterschaft in Amerika kritische Worte über Bundestrainer Julian Nagelsmann verliert, dann ist etwas faul in der Nationalmannschaft. Dabei könnte die Atmosphäre bei dieser Mega-WM ohnehin nicht angespannter sein. Co-Gastgeber Donald Trump und Fifa-Pate Gianni Infantino haben das Sportereignis zu einer mafiös anmutenden Gelddruckmaschine umfunktioniert. Trotz maximalem Marketing bleiben viele Zuschauerplätze unbesetzt, was die Partystimmung trübt. Viele Spiele finden aus europäischer Sicht zu absurden Zeiten statt. Und dann leistet sich der Bundestrainer auch noch seltsame Entscheidungen. Umso ernster nehme ich die Kritik, die Thomas Helmer im Tagesanbruch-Podcast äußert – respektvoll, aber gut begründet. Gemeinsam mit unserem Sportchef Andreas Becker und Moderatorin Christin Brauer analysiert er die Chancen und Probleme der deutschen Mannschaft, diskutiert über den politischen Schatten, der über dieser WM liegt, und erzählt von seiner größten Niederlage als Spieler. Tatsächlich lässt sich auch daraus etwas lernen. Es lohnt sich also, dieses Gespräch anzuhören: Anschließend wünsche ich Ihnen ein beschwingtes Wochenende mit spannenden Spielen. Das deutsche Team tritt am Sonntagabend um 19 Uhr zum ersten Mal an. Gegen Curaçao ist trotz mancher Personaldiskussionen was zu holen, sollte man meinen. Aber natürlich nur, wenn die Abwehr dichthält. Herzliche Grüße Ihr Florian Harms Chefredakteur t-online