Südafrika ist zurück auf der WM-Bühne, doch die "Bafana Bafana" reist mal wieder als krasser Außenseiter an. Nach dem Auftaktsspiel gegen Mexiko liegt kein Stein mehr auf dem anderen. Starcomedian Trevor Noah, der aus Südafrika stammt, hat über "seine" Nationalmannschaft und ihre Fans einmal gesagt: "Das Gute daran, Südafrikaner zu sein, ist: Unsere Herzen sind von vornherein gebrochen. Wir haben ohnehin keine Hoffnung". Was der ehemalige Moderator der "Daily Show" meint: So sehr die Fans vom Kap der Guten Hoffnung auch mit ihrer Nationalelf mitfiebern, sie sind ein schwaches Abschneiden gewohnt. Doch so erbarmungswürdig wie bei der Auftaktniederlage gegen Mexiko hätte wohl auch Noah die "Bafana Bafana" nicht erwartet. Haarsträubende Schnitzer hinten, harmloses Spiel nach vorn, selbst den TV-Experten im südafrikanischen Fernsehen blieben die Worte nach der Partie im Hals stecken. Nationaltrainer Hugo Broos steht in der Heimat schon jetzt stark in der Kritik: Experten fordern eine taktische Neuausrichtung. Doch ob sie noch einmal die Wende bringen kann? So hat sich Südafrika für die Weltmeisterschaft qualifiziert Der Weg nach Nordamerika war ein Ritt auf der Rasierklinge. Südafrika gewann die Quali-Gruppe C – und das trotz eines handfesten Skandals. Teboho Mokoena, eigentlich gesperrt, lief gegen Lesotho auf. Die FIFA wertete das Spiel als 0:3, zog drei Punkte ab und belegte den Verband mit einer Geldstrafe. Plötzlich war Nigeria wieder im Rennen. Doch "Bafana Bafana" hielt stand, schlug Ruanda 3:0 und sicherte sich das Ticket. Die Entscheidung fiel erst am letzten Spieltag, weil Hauptkonkurrent Benin gegen Nigeria patzte. Die Mannschaft musste sich nicht nur auf dem Platz beweisen, sondern auch gegen die eigenen Funktionäre. Visa-Probleme vor der Abreise, interne Schuldzuweisungen, öffentliche Kritik – Südafrika qualifizierte sich trotzdem. Das sind Südafrikas Vorrunden-Gegner in der WM-Gruppe A Südafrika spielt in der Gruppe A gegen Mexiko, Tschechien und Republik Korea. Mexiko – Mexiko-Stadt, 11. Juni, Endergebnis 0:2): Zum Auftakt im Aztekenstadion ging für Südafrika alles schief, was nur schiefgehen konnte. Ein haarsträubender Fehler im Aufbau schenkte den Mexikanern die Führung. Im Spiel nach vorn offenbarte die "Bafana Bafana" eine Harmlosigkeit, die beinahe Mitleid erregte. Gegen Tschechien geht es jetzt schon um alles. Tschechien – Atlanta, 18. Juni, 18 Uhr (MESZ): Tschechien bringt europäische Organisation und robuste Zweikampfführung mit. Weite Teile des Kaders spielen regelmäßig bei guten Vereinen in Europas Topligen. Die Defensive steht tief, das Umschaltspiel ist schnell. Für Südafrika heißt das: Geduld, Kompaktheit, auf Fehler warten. Die Chance liegt in der eigenen Fitness und im schnellen Umschalten. Südkorea – Monterrey, 25. Juni, 3 Uhr (MESZ): Die Koreaner sind laufstark, technisch stark, im Angriff variabel. Das Team von Heung-min Son (ehemals beim HSV und Tottenham Hotspur) sucht das Eins-gegen-Eins, attackiert schnell über die Flügel. Für Südafrika wird es darauf ankommen, die Räume eng zu halten und Umschaltmomente zu nutzen. Die Reiseroute – Mexiko-Stadt, Atlanta, Monterrey – verlangt dem Kader alles ab: Klimawechsel, Flugstress, Höhenunterschiede, wenig Regeneration. Das sind Südafrikas wichtigste Spieler Ronwen Williams (Mamelodi Sundowns, Marktwert ca. 800.000 Euro): Er ist ein Vorbild für viele junge Südafrikaner. Williams wuchs in schwierigen Verhältnissen auf, wurde bei SuperSport United groß und ist heute der Mann, der im Tor die Nerven behalten soll. wenn es zählt. Im Spielaufbau unter Druck aber nicht immer souverän, das zeigte sich auch im Eröffnungsspiel: Gegen Mexiko war er am ersten Tor alles andere als unschuldig. Teboho Mokoena (Mamelodi Sundowns, Marktwert ca. 2,8 Millionen Euro): Mokoena ist das Herz des Mittelfelds. Im Aufbau als zentraler Mann spielt er gezielt Diagonalbälle hinter die Abwehr, ist der Taktgeber im Ballbesitzspiel. In der Qualifikation stand er im Zentrum eines Skandals, als er trotz Sperre auflief. Die Kritik war heftig, auch privat. Auf dem Platz bleibt er trotzdem einer der wichtigsten Spieler. Lyle Foster (Burnley, Marktwert ca. 8 Millionen Euro): Foster ist der Zielspieler, der Mann für die Tore. In der Premier League hat er sich durchgebissen, bei "Bafana Bafana" ist er gesetzt. Nach einer mental schwierigen Phase 2023 sprach er offen über Depressionen und Angst: "Es ist wichtig, Menschen zu haben, denen man sich anvertrauen kann." Auf dem Platz ist er wieder da, trifft, legt auf, zieht die Abwehr auseinander. Ohne Foster fehlt dem Angriff die Wucht. Seine Durchbrüche und Läufe in die Tiefe sind für das System unverzichtbar. Relebohile Mofokeng (Orlando Pirates, Marktwert ca. 3 Millionen Euro): Mofokeng ist das Versprechen auf die Zukunft. In der heimischen Liga ist er Top-Torschütze und bester Vorlagengeber, seine Pässe hinter die Abwehr und seine eigenen Läufe in die Tiefe sind ein Schlüssel dafür. Technisch stark, spielintelligent, ausgebildet im wichtigsten Fußball-Internet des Landes. Trainer Broos sieht ihn als mitspielenden Neuner: "Seine Qualität ist das Passspiel, nicht das Dribbling am Flügel." Gegen schwächere Gegner kann er aber auch außen spielen. Die Bühne der WM soll sein Sprungbrett nach Europa werden. Mbekezeli Mbokazi (Chicago Fire, Marktwert ca. 3,5 Millionen Euro): Der 20-Jährige ist robust, linksfüßig und kompromisslos. Hat sich in der Viererkette festgespielt, besticht durch Ruhe und Sicherheit und könnte mit dem Hannoveraner Ime Okon (22 Jahre) das jüngste Innenverteidiger-Duo der WM stellen. Sein Wechsel in die MLS sorgte für Ärger mit Broos, der lieber einen Transfer nach Europa gesehen hätte. Disziplinprobleme gab es auch: kam zu spät ins Trainingslager und kassierte eine öffentliche Rüge vom Coach. Das ist der Trainer: Hugo Broos WM – das kann Hugo Broos. Als eisenharter Innenverteidiger gehörte er 1986 in Mexiko zu jener grandiosen belgischen Mannschaft, die erst im Halbfinale Maradonas Argentiniern unterlag. Broos, zweimal Europapokalsieger mit dem RSC Anderlecht, Afrika-Cup-Sieger mit Kamerun und seit bald 40 Jahren Trainer-Weltenbummler, ist heute 74 Jahre alt, aber immer noch drahtig wie einst und feurig wie immer. Seit 2021 trainiert er nun Südafrika und führte das Land zur ersten WM-Qualifikation seit der Heim-WM 2010. Öffentlich scheut er keinen Konflikt – weder mit Spielern noch mit dem Verband oder der Presse. Die ließ nach dem bestürzenden Auftritt gegen Mexiko kein gutes Haar an ihm. Spielsystem und Taktik Südafrika agiert im 4-2-3-1. Die Defensive steht tief, die Außenverteidiger sichern ab, im Zentrum räumt Mokoena auf. Umschalten ist das Zauberwort: Nach Ballgewinn geht es schnell über Mofokeng oder Foster nach vorn. Umso rätselhafter, warum Broos beim so wichtigen WM-Auftakt plötzlich auf eine Fünferkette umstellte, an die seine Spieler nicht gewöhnt sind. Im Aufbau riss zwischen Abwehr und Mittelfeld eine große Lücke auf, die Abstände stimmten nicht mehr. Alle drei zentralen Spieler und auch Torhüter Williams fanden keine Anspielstationen nach vorn mehr und verloren sich selbst und den Ball im aggressiven Pressing der Mexikaner. Broos' Umstellung entlarvte die taktischen Beschränktheiten seines eigenen Teams und machte den Gegner stark. Die Presse zu Hause fordert bereits vehement eine Rückkehr zum eingeübten System mit mehr Optionen im Mittelfeld. Die Mannschaft lebt ohnehin eher von Fitness und Teamgeist als von taktischer Variabilität, Standards sind eine Waffe – oder besser: könnten es sein, denn offensiv fehlt es an Präzision bei Hereingaben, defensiv ist das Team nach hohen Flanken und beim zweiten Ball anfällig. Im Aufbau sucht Südafrika das flache Spiel, die Innenverteidiger und die Doppelsechs bilden Dreiecke, Mokoena ist der Dreh- und Angelpunkt. Die Offensivspieler kommen dem Ball entgegen, attackieren aber auch die Tiefe. Das Passspiel dient immer dazu, Räume im zweiten und letzten Drittel zu öffnen. Problematisch auch: Mit Zwane und dem besonders unglücklich agierenden Sithole fehlen gegen Tschechien zwei personelle Optionen nach ihren Platzverweisen gegen Mexiko. Broos' Aufgabe, das Mittelfeld zu stärken, wird dadurch nicht leichter. Dort haben beide ihren Platz. So hat Südafrika bei früheren Weltmeisterschaften abgeschnitten Drei Teilnahmen, dreimal Vorrundenaus. 1998 das Debüt, 2002 das Aus gegen Paraguay und Spanien, 2010 als Gastgeber der große Moment – und doch das frühe Ende. Immerhin: Der Sieg gegen Frankreich bleibt unvergessen. Nur zwei WM-Siege stehen insgesamt zu Buche, der letzte gegen Frankreich 2010. Als erster Gastgeber schied Südafrika damals in der Vorrunde aus. Warum eigentlich "Bafana Bafana"? Der Spitzname stammt aus dem isiZulu und heißt "die Jungs, die Jungs". Entstanden ist er Anfang der 1990er, als Südafrika nach der Apartheid wieder international spielen durfte. Fans und Medien griffen den Namen auf, er wurde zum Symbol für den Neuanfang. Heute steht "Bafana Bafana" für Stolz, Identität und die Hoffnung, dass die nächste Generation es besser macht.