Venezuelas Innenminister nimmt nach den verheerenden Erdbeben in dem südamerikanischen Land eine wichtige Rolle ein. Ein Blick in seine Vergangenheit offenbart jedoch dunkle Schatten. Erst allmählich zeigt sich das volle Ausmaß der beiden Erdbeben in Venezuela vom vergangenen Mittwoch. Die Zahl der Toten steigt und liegt Berichten zufolge aktuell bei 235. Mindestens 1.500 weitere wurden verletzt. Hunderte werden noch vermisst. In der Region La Guaira, dem Epizentrum der Beben, liegen ganze Straßenzüge in Trümmern, in Caracas stürzten Gebäude ein. Viele Länder, darunter Deutschland, haben schnelle Hilfe versprochen. Auch US-Präsident Donald Trump sicherte "unseren neuen und großartigen Freunden" Unterstützung zu. Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez hat einen Generalstab eingerichtet, der die Rettungs- und Hilfsmaßnahmen leiten soll. An dessen Spitze steht Juan Sulbarán Quintero, Generalmajor der Bolivarischen Nationalgarde. Doch öffentlich in Erscheinung tritt bisher ein anderer: Venezuelas Innenminister Diosdado Cabello. Erdbeben in Venezuela: Hochhäuser stürzen ein – aus den Trümmern dringen Schreie Im Video: Der Moment der Venezuela-Beben Der präsentierte sich wenige Stunden nach den Erdbeben als entschlossener Katastrophenmanager. Im Fernsehen sprach Cabello von einer "äußerst alarmierenden Situation" und warnte vor Nachbeben. Gleichzeitig ordnete er an, die Gasversorgung zu unterbrechen, um Explosionen zu verhindern. Um Cabello scheint niemand herumzukommen. Doch wer ist der Mann, auf den die US-Regierung noch vor einem Jahr ein Kopfgeld von bis zu 25 Millionen Dollar ausgesetzt hat? Die Präsidenten gehen – Cabello bleibt Diosdado Cabello gehörte in den späten 1980er-Jahren zu den Offizieren, die sich um Hugo Chávez sammelten. So nahm er auch an dem Putschversuch von 1992 teil, mit dem Chávez die Regierung von Präsident Carlos Andrés Pérez stürzen wollte. Chávez scheiterte und wurde verhaftet. Cabello blieb im Hintergrund. Chávez gründete nach seiner Haftentlassung eine Partei, gewann 1998 die Wahl und mit ihm begann auch Cabellos politischer Aufstieg. Cabello übernahm zahlreiche Schlüsselpositionen – unter anderem als Gouverneur, mehrfacher Minister, Präsident der Nationalversammlung und Vizepräsident. Unter Chávez wurden Schlüsselindustrien verstaatlicht, seine Politik zunehmend autokratisch. Drei Mal wurde er wiedergewählt. Ein "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" war das erklärte Ziel, während die Wirtschaft einbrach und die Bevölkerung immer mehr verarmte. Cabello blieb in dieser Zeit stets treu an Chávez' Seite. Als im April 2002 ein Militärputsch Chávez vorübergehend aus dem Amt drängte, war Cabello für wenige Stunden sogar amtierender Präsident Venezuelas. Doch mit Chávez' Rückkehr gab der loyale Weggefährte das Amt wieder ab. Nach dessen Tod 2013 galt Cabello zeitweise sogar als möglicher Nachfolger. Die Präsidentschaft übernahm dann aber sein innerparteilicher Rivale Nicolás Maduro, der Chávez' autoritären Kurs nicht nur fortführte, sondern weiter verschärfte. Cabello baute unterdessen seinen Einfluss innerhalb der Regierungspartei PSUV aus. Im August 2024 ernannte Maduro ihn zum Minister für Inneres, Justiz und Frieden – womit er die Kontrolle über Polizei, Gefängnisse und den Sicherheitsapparat übernahm. Der "Krake" als Schlüsselfigur des Übergangs Cabellos Einfluss gründet nicht zuletzt auf einem über Jahrzehnte gewachsenen Netzwerk innerhalb des Staates. Der britische "Guardian" beschrieb ihn Anfang 2026 als "Krake", dessen Arme Partei, Behörden und Staatsunternehmen erreichen. Das zeigte sich auch im Januar 2026, als US-Truppen überfallartig in Venezuela eindrangen, Präsident Maduro festnahmen und in die USA verschleppten. Doch ansonsten blieben Maduros Leute an der Macht: Die frühere Vizepräsidentin Rodríguez stieg mit Trumps Segen zur Präsidentin auf. Und auch Cabello blieb im Amt. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete später, Vertreter der Trump-Regierung hätten bereits vor der Operation Kontakt zu ihm aufgenommen. Demnach betrachteten die US-Amerikaner ihn als Gefahr für den Übergang, weil er den Sicherheitsapparat und die regimenahen Milizen kontrolliert, und warnten ihn davor, diese Macht gegen die Opposition einzusetzen. Offiziell bestätigt wurde der Bericht nicht. Venezuelas brutale Motorradgangs Seit vielen Jahren wird Cabello mit den sogenannten Colectivos in Verbindung gebracht. Dabei handelt es sich um ein Netzwerk regierungsnaher Gruppen, die paramilitärisch organisiert sind und häufig auf Motorrädern Oppositionelle angreifen und entführen. Auch außergerichtliche Hinrichtungen werden den Colectivos vorgeworfen. Immer wieder tauchten in der Vergangenheit bei Demonstrationen Gruppen von Motorradfahrern auf, die nach Angaben von Nichtregierungsorganisationen wahllos in die Menge geschossen oder Menschen verprügelt haben sollen. Diosdado Cabello bestreitet, die Colectivos unmittelbar zu koordinieren. Seine Nähe zu ihnen ist aber offenkundig: Nach der Festnahme Maduros rief Cabello im Fernsehen die Parole "Alarm, Motorradfahrer in Alarmbereitschaft" aus. Diese errichteten daraufhin Kontrollpunkte an den Straßen von Caracas, um regimekritische Bürger aufzuspüren. Wenig später mahnte Cabello, Ruhe zu bewahren, und bestritt auf der Webseite seines Ministeriums, dass solche Kontrollpunkte existierten. "Mit dem Knüppel draufhauen" Seit über zehn Jahren moderiert Cabello eine wöchentliche Sendung im venezolanischen Staatsfernsehen namens "Con el Mazo Dando" ("Mit dem Knüppel draufhauen"). Dabei liegt ein großer hölzerner Knüppel vor ihm auf dem Schreibtisch. In dem Format kommentiert Cabello die politische Lage, greift Oppositionspolitiker und Journalisten an und präsentiert regelmäßig Informationen, die nach seinen Angaben aus dem Umfeld staatlicher Sicherheitsbehörden stammen. Die Forschungsorganisation ProBox beschreibt die Sendung als Instrument zur Einschüchterung politischer Gegner. Auch die Interamerikanische Menschenrechtskommission (IAKMR) kritisiert, dass Menschen nach ihrer Erwähnung in der Sendung aufgegriffen, eingeschüchtert und diskreditiert würden. Internationale Vorwürfe International steht Cabello seit Jahren im Mittelpunkt verschiedener Ermittlungen. Das US-Justizministerium erhob 2020 Anklage unter anderem wegen sogenannten Narkoterrorismus und Drogenschmuggels. Das US-Außenministerium erhöhte die Belohnung für Hinweise zu seiner Festnahme Anfang 2025 auf bis zu 25 Millionen Dollar. Darüber hinaus wirft das US-Finanzministerium ihm vor, gemeinsam mit Verwandten ein weitreichendes Korruptions- und Geldwäschenetz aufgebaut zu haben. Innerhalb seiner Familie bekleiden mehrere Angehörige hohe staatliche Ämter: Seine Ehefrau Marleny Contreras war Ministerin und Abgeordnete, sein Bruder José David Cabello leitet seit Jahren die venezolanische Steuer- und Zollbehörde SENIAT. Anfang 2026 wurde zudem seine Tochter Daniella Cabello Tourismusministerin. Auch in anderen Ländern laufen Verfahren gegen Cabello. Argentinien hat einen internationalen Haftbefehl gegen ihn beantragt, wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. In Chile nennen Ermittler ihn als möglichen Auftraggeber im Fall des entführten und ermordeten venezolanischen Oppositionellen Ronald Ojeda.