Spanien ist Weltmeister. Eine Teamleistung, die ihresgleichen sucht. Gespickt mit Superstars wie Lamine Yamal und Rodri erspielte sich die "Furia Roja" den Titel. Aber auch ein Spieler aus der zweiten Reihe ist äußerst beliebt. Der Plaza de Cibeles in Madrid, etwa 120.000 Menschen und der spanische Weltmeister: das Rezept für eine Titelfeier der Extraklasse am Montagabend. Mittendrin steht Nationalspieler Borja Iglesias – mit einer speziellen Rolle an diesem von Euphorie geprägten Abend. Iglesias stellt sich kurzerhand hinter das Mischpult auf der Bühne und wird vom Profi-Fußballer zum DJ. Wenig später schnappt er sich noch das Mikrofon und rappt den begeisterten Zuschauern einen spanischen Song vor. Iglesias ist in Spanien schon lange ein echter Publikumsliebling. Bei der Weltmeisterschaft stand er allerdings gerade mal eine Minute auf dem Platz. Ein Profi der anderen Art Borja Iglesias hat sich diese WM vielleicht nicht unbedingt fußballerisch in die Herzen der Fans gespielt, doch in Spanien gilt er schon lange als Sympathieträger. Der in Santiago de Compostela geborene Mittelstürmer steht aktuell bei Celta Vigo unter Vertrag und fällt dort nicht nur als Profisportler auf, sondern sticht auch aus anderen Gründen heraus. Im spanischen Fußball zählt er zu den stärksten Stimmen gegen gesellschaftliche Missstände. Jüngst kritisierte er etwa die Fifa im Hinblick auf die extrem hohen Ticketpreise der WM in den USA, Kanada und Mexiko. Unmittelbar vor dem WM-Finale gegen Argentinien veröffentlichte Iglesias eine Instagram-Story mit einem Foto der Preise und betitelte es mit den Worten "Una vergüenza", was übersetzt "Eine Schande" bedeutet. Zudem positionierte er sich deutlich zu den Äußerungen des früheren spanischen Premierministers Mariano Rajoy. Dieser hatte behauptet, die meisten Spieler der französischen Nationalmannschaft seien keine Franzosen – und dabei auf die familiäre Herkunft vieler Spieler verwiesen. Bei DAZN entgegnete Iglesias: "Zu behaupten, jemand sei kein Franzose, weil seine Eltern oder Großeltern aus einem anderen Land stammen, ist eine sehr schwerwiegende Aussage. Wenn diese Person dort geboren wurde oder die französische Staatsangehörigkeit besitzt, ist sie Franzose und vertritt ihr Land wie jeder andere auch." Regelmäßig spricht sich der 33-Jährige außerdem öffentlich gegen Homophobie, Misogynie und Rassismus aus und trifft damit nicht immer auf Zuspruch. "Ich hasse Fußball, aber ich liebe Borja Iglesias" Erst Anfang des Jahres sah sich der Spanier mit heftigen Anfeindungen konfrontiert. Nach einem Auswärtssieg von Celta Vigo gegen FC Sevilla machte ein Video die Runde, welches Iglesias dabei zeigt, wie er vor dem Stadion jemandem, vermutlich einem Fan, ein Trikot schenkt. Im Hintergrund sind Sevilla-Fans zu hören, die dem Stürmer homophobe Beleidigungen an den Kopf werfen. "Scheißschwuchtel", "Geh doch deine Nägel lackieren" und "Schwuchteln, raus aus dem Fußball" ertönt es in dem Video. Er selbst kommentierte den Vorfall mit einem ironischen Ton in den sozialen Medien: "Wie seltsam, sowas passiert doch nie im Fußball", schrieb er. Sein Verein reagierte solidarisch und rief seine Fans dazu auf, beim nächsten Spiel mit lackierten Fingernägeln ins Stadion zu kommen. Dem Aufruf kamen nicht nur die Fans, sondern auch seine Mitspieler nach, die bei der Partie gegen Rayo Vallecano mit bunten Nägeln aufliefen. Borja Iglesias eckt an – und sieht sich regelmäßig mit solchen homophoben Äußerungen konfrontiert. In einem Interview mit der französischen Zeitung "L'Équipe" erklärte er, dass diese ihn anfangs noch sehr getroffen hätten, er es nach reiflicher Überlegung nun aber anders sehe. "Wenn jemand mir so etwas sagt, dann denke ich immer: Lieber wäre ich 'Schwuchtel' als jemand voller Hass, der nichts Besseres zu tun hat, als Menschen nach einem Fußballspiel zu beleidigen", entgegnete er. Außerdem beweise die Unterstützung, die bekommt, dass viele Menschen seine Werte teilen: "Ich sehe viele Nachrichten, die mich bewegen, wie zum Beispiel: 'Ich hasse Fußball, aber ich liebe Borja Iglesias', oder von schwulen Männern, die mir schreiben: 'Weil ich mit jemandem des gleichen Geschlechts schlafe, muss ich meine Leidenschaft, den Fußball, aufgeben.'" Nationalteam-Rücktritt aus Überzeugung Iglesias' Engagement endet nicht beim Einsatz für homosexuelle Menschen – auch der Frauenfußball und der Kampf gegen Misogynie sind ihm ein Anliegen. Das bewies er unter anderem, als er im August 2023 aus Protest aus der spanischen Nationalmannschaft zurückgetreten ist. Hintergrund war der Übergriff des spanischen Verbandschefs Luis Rubiales, der Nationalspielerin Jennifer Hermoso ungefragt bei den Feierlichkeiten zum WM-Titel auf den Mund küsste. Als klar wurde, dass Rubiales nicht zurücktreten werde, entschied sich Borja Iglesias, sich aus Spaniens Nationalmannschaft zurückzuziehen. "Als Spieler und Mensch fühle ich mich durch das, was passiert ist, nicht repräsentiert", schrieb der Stürmer damals auf der Plattform X. Zurück kam er erst, als der Verbandschef nicht mehr im Amt war. Weltmeisterliches Engagement Borja Iglesias ist ein etwas anderer Fußballprofi. Zwar trägt er, wie andere Spieler auch, den Fußball tief in seinem Herzen. Er liebe den Sport, betonte er im Gespräch mit "L'Équipe". Gleichzeitig habe er wiederkehrende innere Konflikte in einer Fußballwelt, die nicht alle seine Werte widerspiegelt. Deshalb engagiert sich der Spanier, wo er kann – sei es eben gegen Homophobie, Rassismus oder Misogynie. "Ich hoffe, wir können ein Umfeld schaffen, in dem jeder tun kann, was er will, ohne dafür verurteilt zu werden. Ich glaube, wir sind diesem Ziel näher als je zuvor, aber leider noch weit davon entfernt", erklärte er. Mit seinem Engagement könnte er nicht nur ein Vorbild für Mitspieler, sondern auch für den Nachwuchs sein.