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Sozialismus-Trend: Warum US-Amerikaner jetzt den Kapitalismus hinterfragen

Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, ausgerechnet das Heimatland des Kapitalismus wird sozialistisch. Zumindest könnte man das glauben, wenn man dieser Tage die amerikanische Politik beobachtet. Nicht nur in der größten Stadt des Landes regiert mit Zohran Mamdani seit Monaten ein Demokrat, der explizit sozialistische Politik betreiben will. In immer mehr Teilen des Landes gewinnen politische Vertreter an Zuspruch, die ähnlich wie Mamdani ticken. Gerade junge US-Amerikaner lassen sich vom Wort "Sozialismus" bemerkenswerterweise nicht abschrecken. Ein Drittel der Demokraten und der demokratisch gesinnten Wähler bezeichnet sich laut Umfragen inzwischen als "demokratische Sozialisten". Laut einer Umfrage von Gallup hatten bereits im Jahr 2025 zwei Drittel der Demokraten eine positive Meinung vom Sozialismus, aber nur 42 Prozent eine positive Meinung vom Kapitalismus. Und laut der Harvard Youth-Umfrage aus demselben Jahr unterstützten die 18- bis 29-jährigen Amerikaner nur noch zu 39 Prozent den Kapitalismus. 2020 waren es noch 45 Prozent. In diesem Jahr setzt sich dieser Trend fort und lässt sich an Wahlsiegen festmachen. Politiker, die offen über staatliche Kontrolle, kostenlose Gesundheitsversorgung oder eine radikale Umverteilung sprechen, sind längst keine politischen Exoten mehr – wie der langjährige, unabhängige Senator Bernie Sanders. Für deutsche Ohren mag das absurd klingen. Wer hierzulande von Sozialismus spricht, denkt womöglich an die ehemalige DDR, an Planwirtschaft und andere sozialistische Diktaturen. In den USA aber bedeutet das Wort für viele junge Menschen inzwischen etwas, das in Deutschland im Kern als sozialdemokratisch gilt. Es geht ihnen um bezahlbare Wohnungen, um Krankenversicherung für alle, kostenlose Hochschulen, eine stärkere Macht der Gewerkschaften und auch um höhere Steuern für Reiche. Die Republikaner um Donald Trump reagieren auf diese Entwicklung, indem sie Angst schüren. Die USA, so das Schreckensszenario, könnten sich über Nacht in Kuba oder in die Sowjetunion verwandeln. Doch bei immer weniger Menschen verfängt diese antiquierte Furcht vor dem kaum noch existenten Klassenfeind. Bei Exil-Kubanern mag das noch funktionieren. Rund jeder dritte heute lebende Amerikaner wurde nach dem Ende des Kalten Krieges geboren. Für diese Generation ist die Sowjetunion keine persönliche Erinnerung, sondern – wenn überhaupt – längst vergangene Geschichte aus dem Schulbuch. Die meisten, die sich in den USA Sozialisten nennen, fordern tatsächlich auch keine zentral gesteuerte Wirtschaft. Sie möchten nicht den Kapitalismus abschaffen. Aber sie wollen, dass die USA die immer offenkundigeren Auswüchse eines Systems korrigieren, das sie persönlich und in ihrem Umfeld als ungerecht und als das Gegenteil des viel beschworenen amerikanischen Traums erleben. Das demokratische Establishment musste längst lernen, dass es diese Entwicklung nicht mehr einfach ignorieren kann. Weder politische Netzwerke noch immense Spendensummen noch etablierte Kandidatinnen und Kandidaten schützen sie vor dem Erfolg der neuen, aufstrebenden Linken aus dem eigenen Lager. Wie sehr das für die Partei zum Problem werden kann, zeigt sich besonders schmerzhaft beim Thema Israel und der Nahostpolitik. Denn die Anti-Eliten-Kandidaten sprechen sich vielfach für einen harten Umgang mit dem wichtigsten US-Verbündeten im Nahen Osten aus. Und trotz teils als antisemitisch wahrgenommener Untertöne gewinnen sie bei den Wählerinnen und Wählern wie Abdul El-Sayed im Bundesstaat Michigan . Doch auch die Republikaner müssen sich in den kommenden Monaten dieser Realität stellen, wenn sie Wahlen gewinnen wollen. Das Schreckgespenst des Kommunismus aus der Kiste von Omas Dachboden zu holen, wird dafür nicht ausreichen. Denn hinter diesem neuen amerikanischen Sozialismus steckt keine irre Wirtschaftstheorie und auch keine Ideologie. Er wurzelt in einem tiefen Vertrauensverlust in die Lösungsfähigkeit beider Parteien, wenn es um die Probleme der Menschen geht. Ein heute 25-Jähriger kennt keinen Eisernen Vorhang. Er kennt auch kein Wettrennen zum Mond und womöglich auch keine James-Bond-Filme, in denen am Ende immer der Westen gegen die rückständigen Sowjets gewinnt. Aber er hat die Finanzkrise von 2008 als Kind erlebt. Er hat vielleicht gesehen, wie seine Eltern ihre Jobs und ihre Häuser verloren, während der Staat die Banken rettete, die genau diese Krise mit ihrer Zockerei erst verursacht hatten. Und jetzt spürt und erlebt diese Generation eine Wirtschaft, in der Künstliche Intelligenz ganze Berufsfelder verändert und sogar vernichten könnte. Ein eigenes Haus – das wirkt für immer mehr US-Amerikaner längst wie ein Luxusgut. Und selbst der Wocheneinkauf für Lebensmittel treibt immer mehr Leuten aus der Mittelschicht die Wut ins Gesicht, wenn sie den zu zahlenden Betrag an der Kasse sehen. Es ist eine Wut, die auch im Lager der MAGA-Anhänger verfängt . Das Wort Sozialismus hat in den USA nicht nur seine historisch begründete Warnfunktion verloren. Es ruft keine Bilder von leeren Supermarktregalen, von politischer Zensur oder von einem Staat hervor, der seinen Bürgern vorschreibt, wie sie zu leben haben und sie einsperrt und bespitzelt. Bei "Sozialismus" denken US-Amerikaner heute eher an Dänemark, Norwegen, Schweden oder eben Deutschland. Die US-Amerikaner haben nicht nur zunehmend ihr Vertrauen in die Parteien und ihre Politiker verloren. Es trifft nicht nur den Präsidenten und den Kongress. Auch die Medien und die Gerichte und ihre Rechtsprechung sind überall im Land von diesem Vertrauensverlust betroffen. Der Kitt der Demokratie erodiert. Und wer nicht mehr an funktionierende Institutionen glaubt, wird offen für radikalere politische Antworten. Am Ende dieser Entwicklung könnte für die USA aber womöglich etwas Positives herauskommen. Denn die Chance auf radikale gesellschaftliche Verbesserungen war vielleicht noch nie so groß wie jetzt. Amerikas Sozialisten haben eine Sprache gefunden für die Unzufriedenheit einer neuen Generation. Ob sie mit allen politischen Ideen erfolgreich sein können, muss sich erst zeigen. Der Rückenwind aus der breiten Bevölkerung aber ist da. Das Meinungsforschungsinstitut Pew Research kam Ende 2025 zu einem bemerkenswerten Ergebnis: 66 Prozent der Amerikaner sagen, die Regierung habe die Verantwortung, sicherzustellen, dass alle Bürger ihres Landes eine Krankenversicherung oder eine ausreichende Gesundheitsversorgung haben. Selbst 60 Prozent der Republikaner mit niedrigem Einkommen sehen demnach diese Verantwortung beim Staat. Die USA mögen vielleicht die älteste moderne Demokratie der Welt sein. Doch sie haben verglichen mit Europa eine äußerst kurze Geschichte. Vielleicht aber können die US-Amerikaner mit ihrem Sozialimus-Trend jetzt nachholen, was in Demokratien Standard sein sollte: einen funktionierenden Sozialstaat und eine soziale, auf mehr Solidarität beruhende Marktwirtschaft. Hybride Kriegsführung Drohnen über Deutschland Das Wort Russland wird von den Politikern bislang vermieden. Und doch scheint jedem klar zu sein, dass der verhinderte Drohnenanschlag am Flughafen Leipzig/Halle mehr als ein kleiner, beunruhigender Zwischenfall war. Zu der mit Sprengstoff bestückten Drohne ermittelt inzwischen die Bundesanwaltschaft wegen Angriffs auf die Transport- und Logistikinfrastruktur in Deutschland. Neueste Ermittlungen legen nahe, dass noch eine zweite Drohne im Spiel war, die mit einer DHL-Maschine kollidierte. Die entscheidende Frage, wer hinter dem Angriff steckt, ist noch offen. Russland weist jede Verantwortung zurück. Aber der Fall zeigt, wie sehr Deutschlands äußere Sicherheit mit seiner inneren Sicherheit zusammenhängt – und wie leicht verwundbar das Land in Wahrheit ist. Eine Drohne kostet wenig, wird aus der Distanz gesteuert und kann erheblichen Schaden anrichten. Flughäfen, Bahnhöfe, Kraftwerke oder militärische Einrichtungen sind das Ziel dieser neuen Form von Sabotage. Die Bundesregierung plant deshalb, die Drohnenabwehr auszuweiten. Das ist ein später, aber dringend notwendiger Anfang. Deutschland muss sich darauf einstellen, dass der nächste Krieg nicht mit Panzern, Marschflugkörpern oder feindlichen Soldaten auf dem eigenen Territorium geführt werden muss. Eine kleine Drohne am Himmel mit unklarer Herkunft ist die Weiterentwicklung der Strategie der "grünen Männchen" – jene inkognito auftretenden Soldaten, die für Putin ab 2014 die Krim erobert haben. Die Logik hinter dieser hybriden Kriegsführung: Sie soll Unsicherheit erzeugen und zermürben, weil nicht einfach zurückgeschlagen werden kann. Sonst wäre womöglich ein größerer Krieg die Folge. Sport Deutsche Chancen bei Leichtathletik-EM Die Leichtathletik-EM in Birmingham beginnt und Kugelstoß-Olympiasiegerin Yemisi Mabry hofft zum Auftakt der 27. Leichtathletik-Europameisterschaften auf eine Medaille. Die Mannheimerin muss am Montag zunächst in der Qualifikation antreten, am Abend folgt bereits das Finale. Über die 100 Meter ist die einstige Titelträgerin Gina Lückenkemper nach einem Zeckenbiss nur Außenseiterin. Bis zum kommenden Sonntag fallen bei der ersten EM auf britischem Boden an sieben Wettkampftagen insgesamt 50 Entscheidungen. Lesetipps Lange plätscherte das größte deutsche Staatsschutzverfahren gegen Heinrich XIII. Prinz Reuß und seine mutmaßlichen Mitverschwörer vor sich hin. Inzwischen kommen immer mehr Angeklagte frei – und andere durch Geständnisse unter Druck, schreibt mein Kollege Lars Wienand. Artikel lesen Mexiko hat monatelang gute Miene zu Trumps Forderungen gemacht – bei Migration, Drogenschmuggel und Handel. Nun schlägt Präsidentin Claudia Sheinbaum zurück, schreibt mein Kollege Marc Pfitzenmaier aus Mexiko. Artikel lesen Hunderte Millionen Beitragsgeld haben Krankenkassen offenbar verspekuliert – aufgeklärt ist wenig. Der Fall belebt eine Debatte, die die Kassen eigentlich vermeiden wollen, berichtet meine Kollegin Camilla Kohrs. Artikel lesen Das noch junge Projekt "M1llion" mobilisierte am Samstag rund 10.000 Teilnehmer zu einer Demonstration im sächsischen Plauen. Darunter viele Corona-Demonstranten, Friedensaktivisten und Rechtsextremisten. Ihr Ziel: Die Regierung soll zurücktreten, berichtet meine Kollegin Annika Leister in ihrer Reportage von vor Ort. Artikel lesen Ohrenschmaus Der Sommer tritt allmählich in seine Endphase ein. Mein Favorit für Fernweh in diesem Jahr ist der gemeinsam produzierte Song "Flying Away with You" von den dänischen Bands WhoMadeWho und Tripolism. Zum Schluss Ich wünsche Ihnen einen tollen, sommerlichen Montag. Morgen schreibt an dieser Stelle mein Kollege Christoph Cöln für Sie. Herzliche Grüße Ihr Bastian Brauns US-Korrespondent in Washington Mit Material von dpa.

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