In Sachsen-Anhalt inszeniert sich Ulrich Siegmund als freundliches Gesicht der AfD. Doch sein Team führt seit einem Jahr einen aggressiven Kampf gegen die Presse. Mit großem Erfolg. Es ist sein Ritual, und an diesem Morgen findet es unter einem blauen Pavillon auf einem Marktplatz in Halle statt. Es ist der 11. August, noch knapp ein Monat bis zur Landtagswahl. Menschen drängen sich dicht an dicht um Ulrich Siegmund. Teenager-Gruppen. Arbeiter. Eltern mit ihren Kindern. Rentner. Mehrere von Siegmunds Sicherheitsleuten versperren die Zugänge und ordnen den Strom: Zutritt zu Siegmund nur von vorn. Der AfD-Spitzenkandidat für Sachsen-Anhalt empfängt die meisten einzeln, maximal in Gruppen zu dritt. Er lächelt. Ein fester Händedruck, einige Sätze, Siegmund schaut sein Gegenüber fest an. Dann: ein Foto, gerne auch ein Video. Siegmund filmt selbst, mit dem Handy des Besuchers, im Selfie-Modus, seine Besucher gut mit im Bild. Sind Kinder dabei, geht er dafür in die Hocke. Zum Abschied fasst er jedem an die Schulter. So geht das zwei Stunden lang: Handschlag, Gespräch, Video, Schultergriff. Handschlag, Gespräch, Foto, Schultergriff. Handschlag, Gespräch, Video, Schultergriff. Mehrere junge Männer von Siegmunds Medienteam, Aktivisten der rechtsextremen "Identitären Bewegung", kreisen währenddessen mit Kameras um den Stand. Sie fotografieren und filmen: Siegmund in der Menge, Siegmund in Nahaufnahme. Zwei Streamer senden die Veranstaltung live ins Netz, stundenlang. Sie begleiten in der heißen Phase des Wahlkampfs fast jeden seiner Termine. Siegmund duzt sie. Als er alle Hände geschüttelt hat, der Platz sich langsam leert, stellt er sich vor die Kameras. Die Streamer dürfen ihre Fragen zuerst stellen. Es sind Wohlfühlfragen, Stichworte für Siegmunds Werbebotschaft. Kritische Fragen stellt am Ende erst ein Journalist des Deutschlandfunks. Siegmund antwortet ihm ausführlich, ruhig. Als er fertig ist, hält ein Streamer, der unter dem Namen "Aktivist Mann" auftritt, dem Journalisten sofort sein Mikrofon unter die Nase, dreht seine Kamera auf ihn und fragt laut: "Sind Sie bei der Antifa?" Siegmund steht daneben und lacht. Die Siegmund-Show flutet das Netz Siegmund will in Sachsen-Anhalt Anfang September die absolute Mehrheit holen, seine AfD soll allein regieren. "45 Prozent + X" ist die Zauberformel, die er auf seinen Veranstaltungen verkündet. Damit wäre er der erste Ministerpräsident der AfD in Deutschland. Viele vor ihm haben das versucht. Doch keiner war je so nah dran wie er. Geschafft hat er das mit dem bisher professionellsten Wahlkampf der AfD. Seine zentrale Botschaft ist dabei nicht Wut, Ärger, Verdruss, wie sonst oft bei der AfD üblich. Sondern: Hoffnung. Hoffnung darauf, dass alles so wird, wie es einmal war. Seit mehr als einem Jahr tourt Siegmund mit dieser Botschaft durch ganz Sachsen-Anhalt. Die Präsenz in der Fläche hat sein Team perfekt verzahnt mit einer Kampagne über die sozialen und alternativen Medien. Jeder von Siegmunds Terminen wird so in seiner Reichweite potenziert, jeder Handschlag zum hundertfachen Gewinn. Die große Siegmund-Show flutet permanent das Netz. Sie sendet ein Zerrbild aus, das wenig mit dem Programm der AfD zu tun hat: weichgespült, lächelnd, fröhlich. Dabei stecken hinter Siegmunds Wahlkampf Radikale und Extremisten. Sie verachten die Regierung, arbeiten an einem grundlegenden Umbau des Staats. Ein neues, rechtes Deutschland wollen sie von Sachsen-Anhalt aus errichten. Hart ist das Programm, das sie für dieses Deutschland vorsehen. Siegmund baut auf sie – und sie bauen auf Siegmund. Ihr erstes Angriffsziel sind die Medien, der kritische Journalismus. Sie wollen stärker sein als er, im Ringen um die Köpfe der Menschen, um Deutungshoheit in der Öffentlichkeit. Um eigene Narrative zu setzen: Was Wahrheit und was Lüge ist, was Fakt und was Erfindung. Jedes Störfeuer, jede Kritik auf ihrem weiteren Weg wollen sie so eliminieren. Der freundliche Herr Siegmund – gegen die Medien führen er und sein Team nun seit einem Jahr einen zunehmend aggressiven Kampf. "Verzweifelt" sei Siegmund gewesen, sagt ein Insider Wie mächtig Journalismus sein kann und wie schwach zugleich, hat Siegmund 2024 eindrücklich am eigenen Leib erlebt. Da berichtete die linke Rechercheplattform Correctiv über ein Treffen von AfD-Politikern bei Potsdam mit dem österreichischen Rechtsextremisten Martin Sellner. Siegmund war einer der Teilnehmer, damals noch nur Fraktionsvorsitzender der AfD in Sachsen-Anhalt, und den meisten in Deutschland noch kein Begriff. "Geheimplan gegen Deutschland" titelte Correctiv und zeigte die Teilnehmer, auch Siegmund, auf Schwarz-Weiß-Fotos, aus weiter Entfernung durch Fenster geschossen. Einen "Masterplan zur Remigration" habe man in Potsdam besprochen, behauptete Correctiv, auch deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund wollten AfD-Politiker mit ihm aus dem Land vertreiben. Siegmund soll bei dem Treffen um Spenden für den nun laufenden Wahlkampf geworben haben. Und er präsentierte laut Correctiv hinter verschlossenen Türen radikale Ideen: Das Straßenbild müsse sich ändern, ausländische Restaurants unter Druck gesetzt werden. Es solle in Sachsen-Anhalt "für dieses Klientel möglichst unattraktiv sein zu leben". So soll Siegmund es in der Runde gesagt haben. Es sind einige der härtesten Sätze in dem Bericht. Weil sie sich nicht gegen ausreisepflichtige Asylbewerber richten, sondern gegen Gastronomen. Menschen, die hier arbeiten und Steuern zahlen. Und hart sind diese Sätze auch deshalb, weil sie geäußert werden von einem, der demnächst die Macht haben könnte, sie wahrzumachen. Denn Siegmund wollte schon da Spitzenkandidat werden, war aber noch nicht gewählt. Die Kampagne, die Correctiv danach lostrat, war der Super-GAU für Siegmund und die gesamte AfD. Alle deutschen Medien berichteten. Sogar im Ausland wurde die Recherche aufgegriffen. Correctiv tourte mit einem Theaterstück und Vorträgen durch das Land. Zum ersten Mal seit Langem wurde so breiter Widerstand gegen die AfD wach. Bundesweit gingen Hunderttausende gegen die Partei auf die Straße. Die Zustimmungswerte der AfD in Umfragen sanken um mehrere Prozentpunkte. "Verzweifelt" soll Siegmund in dieser Phase gewesen sein, schildert ein AfD-Insider t-online. "Schlechte Presse war er ja gar nicht gewohnt." Und diese schlechte Presse war beispiellos, selbst für die AfD. Die Geburtsstunde für Siegmunds Medienstrategie Im Gegensatz zu anderen Teilnehmern ging Siegmund nie juristisch gegen den Correctiv-Bericht vor. Es könnte daran liegen, dass man in der AfD lange vermutete, dass Correctiv das Treffen mit im Raum versteckten Mikrofonen aufgezeichnet haben könnte. Eine Klage wäre mit so klaren Beweisen dann zum Eigentor geworden. Doch Correctiv legte solche Beweise in den vielen Gerichtsverfahren, die folgten, nie vor. Reißerisch war der Text außerdem geschrieben, offenbar an einigen und auch der zentralen Stelle zum angeblichen "Remigrations-Masterplan" suggestiv. Auch Journalisten kritisierten das inzwischen. Die Gerichtsverfahren gehen seither mal zugunsten des Mediums aus, mal zugunsten der Klagenden. Siegmund schlug einen anderen Weg ein, als vor Gericht zu ziehen. Es war die Geburtsstunde von vielem, was in seinem Wahlkampf zwei Jahre später voll zum Tragen kommen sollte. Erstens soll er sich nach Potsdam stärker mit alternativen Medien, mit rechten Streamern und Influencern, vernetzt haben. Auch seine eigene Reichweite in den sozialen Medien, die da schon groß war, baute er weiter aus. Außerdem macht er sich seither auf Veranstaltungen und in seinen Reden konsequent über den Text, über Correctiv lustig. Das "Geheimtreffen" nennt er ein "Potsdamer Kaffeekränzchen". Correctiv benutzt er als Symbol für all das, was aus Sicht der AfD mit den Medien nicht stimmt: Skandalisierung, vermeintliche Lügen – angeblich nur, um die Opposition kleinzuhalten und die Regierung zu stützen. Jede Kritik, und sei sie noch so berechtigt – eine "Kampagne". Ehemaliger HDJ-Funktionär? "Toller Mann!" Das zentrale Team für seinen Medien-Wahlkampf jedoch stellt Siegmund aus Leuten zusammen, die Martin Sellner nahestehen, die direkt mit ihm zusammenarbeiten. Oder die eine Vergangenheit in noch extremeren Vereinigungen haben. Diese Vereinigungen lesen sich wie das "Who's who" des deutschen Rechtsextremismus – und stehen eigentlich zuhauf auf der Unvereinbarkeitsliste der AfD. Einer von ihnen, vielleicht der wichtigste, ist Simon Kaupert. Er ist Vorsitzender des "Filmkunstkollektivs", in dem sich vor allem Aktivisten der rechtsextremen "Identitären Bewegung" engagieren, die Sellner lange anführte. In den radikalen Landesverbänden der AfD schätzen sie Kaupert als hochintelligent. Sein Team covert rechtsextreme Demonstrationen, Martin Sellner und Björn Höcke lassen sich von ihnen begleiten. Nun sind sie einer der relevantesten Treiber für Siegmunds Wahlkampf. Die Organisation von Siegmunds Terminen und Presseanfragen hingegen managt Patrick Harr. Er ist Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion, ihr Pressesprecher sowie zugleich Sprecher der Partei. Früher war Harr Funktionär in der neonazistischen "Heimattreuen Deutschen Jugend" – kurz: HDJ –, die Kinder in Zeltlagern indoktrinierte, militärisch drillte und die 2009 verboten wurde. Siegmund kennt Harr schon lange, er vertraut ihm. Es gibt im Umkreis von Siegmund viele andere Menschen mit ähnlichen Biografien. Die AfD Sachsen-Anhalt zählt zu den radikalsten Landesverbänden der Partei, schon seit 2023 wird dieser vom Verfassungsschutz als "gesichert rechtsextrem" beobachtet. Auch, weil er eng vernetzt ist ins noch radikalere Vorfeld der Partei. Siegmund winkt ab oder lacht, wenn man ihn darauf anspricht. "Toller Mann" oder "hervorragende Arbeit" lobt er seine Mitstreiter. Viele fühlen sich von Siegmund gesehen Er selbst – das ist wichtig für Siegmunds Wahlkampf – hat keine Vergangenheit in Vereinigungen wie der HDJ. Manche AfD-Politiker nennen ihn "den schönen Uli", in der CDU bezeichnen sie ihn als den "Posterboy". Siegmund aber bringt für diesen Wahlkampf mehr mit als das. Er ist empathisch, geht auf sein Gegenüber ein. Das gilt für Politiker wie Journalisten, vor allem aber: für seine Wähler. An den Wahlkampfständen der AfD tauchen oft Menschen auf, über die Funktionäre aus anderen AfD-Landesverbänden insgeheim die Nase rümpfen – Menschen, die sich nicht gut artikulieren können, sich nicht gut kleiden, mit gebrochenen Lebensläufen. Danach gefragt, wen sie vor der AfD gewählt haben, antwortet so mancher ohne Bedenken: "NPD." Siegmund redet mit jedem gleich lang, gleich freundlich. Auch an Infoständen in eher abgelegenen Orten zieht er lange Schlangen von Menschen an, die ein Selfie oder ein Autogramm wollen. Und Siegmund bleibt, bis er die gesamte Schlange abgearbeitet hat. Manchmal zwei Stunden länger als geplant. Es ist ein Kraftakt. Seit einem Jahr tritt er jeden Abend auf einer Veranstaltung auf. In der heißen Wahlkampfphase an drei pro Tag. Wesentlich mehr als seine Konkurrenten. An manchen Tagen hat Siegmund inzwischen dunkle Schatten unter den Augen. Sein Lächeln aber bleibt stabil, seine Laune gut. Nicht ein größerer Fehler ist ihm dabei bislang unterlaufen. Früher ist er Marathon gelaufen, seine Kondition ist gut. Er lebt heute wieder in Tangermünde , wo er aufgewachsen ist. Doch er hat auch andere Orte kennengelernt: Siegmund ist viel gereist, 45 Länder hat er besucht, erzählt er. Jahrelang hat er in Berlin gearbeitet. Der Hauptstadt, über die er in seinem Wahlkampf öfter herzieht. Noch heute kennt er jeden Berliner Bezirk, kann die zentralen Straßen nennen und die Bruchlinien, an denen gute in prekäre Wohnviertel kippen. Vor seinem Einzug in den Landtag war er selbstständig, hat mit seiner Firma Düfte vermarktet. Dufthändler ist er in gewisser Weise noch immer. Einer, der den Geruch des Rechtsextremismus, den die AfD immer stärker verströmt, mit einem behaglichen Bouquet überdeckt. In der Krise attackiert Siegmund ein RBB-Team Im Umgang mit der Presse aber ist es rasch vorbei mit dem hübschen Bouquet. Das gilt besonders, wenn Siegmunds AfD unter Druck gerät. Anfang des Jahres steht die AfD Sachsen-Anhalt wochenlang wegen heftiger Vetternwirtschaft in den Schlagzeilen. Große Teile des Landesvorstands sind darin verwickelt, reihenweise sind ihre Ehefrauen und Verwandten auf Kosten der Steuerzahler bei ihren Kollegen beschäftigt. Siegmunds Vater arbeitet da bei einem Parteifreund – dem "ZDF" zufolge zeitweise mit einem außergewöhnlich hohen Gehalt. Im April sitzen bei einem Bürgerdialog der AfD-Fraktion in Tangerhütte viele der Beteiligten gemeinsam auf einer Bühne: Siegmund, Claudia Weiß, Thomas Korell, Matthias Büttner. Die Presse darf sich nicht frei im Raum bewegen. Eine kleine Ecke ganz hinten links im Raum ist für sie abgesperrt, mit rot-weißem Flatterband wie an einem Tatort. Im gesamten restlichen Raum stehen Stühle, dicht an dicht. In der Presse-Ecke nicht. Wer sie verlässt, wird von einem tätowierten Sicherheitsmann freundlich, aber bestimmt, aufgefordert, das zu lassen, und zurück eskortiert. Mehrere Streamer hingegen filmen von ganz vorn. Siegmund duldet sie nicht nur, er dankt ihnen explizit. In seiner Rede spottet er wieder über Correctiv, heißt sein Publikum zum "Tangerhütter Geheimtreffen" willkommen. Heftig schimpft er auf die Medien, die nicht die Wahrheit zeigten, die "eine Sau nach der anderen durchs Dorf" trieben – und attackiert ein anwesendes RBB-Team in der Presseecke mehrfach direkt. "Stecker ziehen", sagt Kirchner Die Reporter recherchieren zu der Frage, die sich in der AfD Sachsen-Anhalt immer wieder stellt: ob Steuergelder aus Mitteln der Fraktion für die Partei zweckentfremdet werden. Die Journalisten haben sich mehrere Bürgerdialoge der Fraktion angeschaut. Eigentlich dürfen solche Abende nicht für Wahlkampf benutzt werden, sondern nur zur Information der Bürger über die Arbeit der Fraktion. Siegmund weiß das. Er weiß auch, wozu die Journalisten recherchieren, sie haben ihm schon Fragen dazu gestellt. Trotzdem hält er in großen Teilen eine Rede wie bei seinen Wahlkampfauftritten. Den anderen Teil verwendet er darauf, die Presse scharf zu kritisieren. "Die Gäste vom RBB, von ARD , von 'Kontraste'", die wolle man "heute mal ganz exklusiv zeigen". Dutzende Köpfe drehen sich zur Presseecke. Siegmunds Co-Fraktionschef Oliver Kirchner wird später auf der Bühne ein DIN-A-4-Blatt aus seiner Mappe ziehen und ins Publikum halten. Darauf ist groß das Gesicht eines MDR-Journalisten zu sehen. Er ist aktuell für die Berichterstattung über die Landespolitik in Sachsen-Anhalt zuständig, damit schreibt er auch über die AfD. Die AfD hat aus dem Jahr 2017 ein Foto auf Facebook von ihm gefunden, das unten in der Ecke den Schriftzug trägt: "FCK AfD", also "Fick die AfD". Er habe gerade rasch eine Presseanfrage von dem Mann beantworten müssen, dem "muss man den Stecker ziehen", sagt Kirchner. Siegmund sitzt daneben und nickt. Siegmunds Medienmann: "Wahrer Feind" sind "geisteskranke Volksfeinde" Monate später, in der Endphase von Siegmunds Wahlkampf, hat sich die Aggression gegen die Presse verlagert und verstärkt. Sie geht nun von den Streamern aus, die Siegmund ständig bei seinen Terminen begleiten. Eine zentrale Rolle nimmt dabei Matthäus Westfal ein, der als "Aktivist Mann" auftritt. Früher unterstützte er die Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck . Als Corona-Demonstranten im August 2020 versuchten, in den Reichstag einzudringen, stand Westfal in der ersten Reihe. Westfal legt in seinen Streams von Siegmunds Veranstaltungen einen besonderen Fokus auf Journalisten. Er stellt sich vor sie, filmt sie und sich, stellt ihnen Fragen, wie: "Warum bezeichnen Sie Siegmund als rechtsextrem?" oder "Wo sehen Sie hier Nazis?" Und er verfolgt sie über weite Strecken, auch wenn sie nicht mit ihm reden wollen. Die Szenen werden von Siegmunds Anhängern gefeiert. Sie werden aus Westfals Livestreams ausgeschnitten, in den sozialen Medien tausendfach geteilt und beklatscht. Der Tenor: Endlich bekommen sie, was sie verdienen. Westfal schaukelt sich so von Mal zu Mal hoch. Bis die Lage eskaliert. Ein Team des "Spiegel" brüllt er zwei Wochen vor der Wahl auf einer Veranstaltung in Merseburg minutenlang an, rennt ihnen hinterher, rempelt einen der Journalisten an. Einigen AfD-Politikern geht das zu weit, sie äußern sich kritisch in den sozialen Netzwerken. Manche sehen es als strategischen Fehler, andere finden Westfals Verhalten tatsächlich abstoßend. Simon Kaupert, der für Siegmunds Medienauftritt so zentral ist, kritisiert hingegen Westfals Kritiker: Wer sich an Westfal "künstlich aufreibt", schreibt Kaupert auf der Plattform X, der verkenne mutwillig, dass "unsere wahren Gegner geisteskranke hasszerfressene Volksfeinde mit unendlich Zentralbankenbudget, der vollen Macht des Tiefen Staates und nur den schlimmsten Absichten sind". Auch Siegmund wird sich nicht von Westfal distanzieren. Wegen des Umgangs mit dem "Spiegel" habe man mit Westfal gesprochen , sagt er. Jeder solle ungestört seine Arbeit machen können. Doch kritische Fragen, auch an Journalisten, finde er gut. Und er betont, wie wichtig die Livestreams sind: Jeder könne sich so selbst ein Bild machen. Es ist ein Irrtum, dem am AfD-Stand viele unterliegen: dass die Streamer ja nur "die Wahrheit" filmten, unverfälscht. Dabei kommentieren beide die stundenlangen Streams ausschließlich in Siegmunds Sinne. Kritische Fragen stellen sie ihm nie. Was außerhalb dieser Echokammer auftritt, erreicht die Zuschauer so nicht. Dass Arno Bausemer, AfD-Europaabgeordneter und Mitglied von Siegmunds Landesvorstand, Teenager im Wahlkampf mit einem Baseballschläger attackiert hat? Kein Thema. Bei einem der wichtigsten Termine macht Siegmund Fehler Siegmund zieht Hunderte, teils Tausende zu seinen Veranstaltungen an. Er spricht nun in jeder seiner Reden von einer "Welle", die sich nicht mehr stoppen lasse. Die Videos des "Filmkunstkollektivs" wie von "Utopia TV" verstärken diesen Eindruck. Siegmund-Fans sind im Höhenrausch. Und Siegmund lässt sich von ihm tragen. Vielleicht zu weit. Beim Spitzenduell zwischen Siegmund und seinem Hauptgegner, dem CDU-Politiker Sven Schulze , im MDR am vergangenen Mittwoch unterlaufen ihm Fehler. Es ist einer der wichtigsten Termine im Wahlkampf. Rund 175.000 Menschen haben laut MDR in Sachsen-Anhalt eingeschaltet, 700.000 bundesweit. Zum Vergleich: Ein Video von "Aktivist Mann" bei einer Wahlkampfkundgebung von Siegmund in Zeitz am selben Tag wird 25.000-mal auf YouTube angesehen. Wichtiger noch für Siegmund: In der Regel schalten hier die alten Wähler ein, von denen es in Sachsen-Anhalt besonders viele gibt und die er mit seinen Kanälen in den sozialen Medien am schlechtesten erreicht. Diejenigen, die den Unterschied für ihn machen könnten, zwischen Regieren und Nicht-Regieren. Doch Siegmund wirkt nicht gut vorbereitet, teils fahrig. Schulze ist im gesamten Wahlkampf bisher schwach aufgetreten und ein blasser Kandidat, seine eigene Partei leidet an ihm. Doch an diesem Abend dominiert er die Debatte. Als "relativ klaren Punktsieg für Sven Schulze" wird ein Politikwissenschaftler die Debatte bei Welt TV bezeichnen. Siegmunds Blase sieht das, natürlich, anders. Siegmund beschreitet einen gefährlichen Pfad Die Stärke von Siegmund und seiner AfD aber wird das nicht wettmachen. Die Zahlen sprechen deutlich für ihn: Während seines Wahlkampfs, binnen eines Jahres, ist die Zustimmung zur AfD in Sachsen-Anhalt um 12 Prozentpunkte gewachsen – von 30 auf 42 Prozent. Das hat noch keiner geschafft, gerade zum Wahltermin hin gehen die Werte der AfD in der Regel nach unten. Doch für die absolute Mehrheit reicht es auch nach den letzten Umfragen nicht. In den sozialen Medien aber postulieren sie Anderes: Die absolute Mehrheit sei Siegmund vollkommen sicher, schreiben sie da. Siegmund und sein Team bauen vor, für den Fall, dass es nicht so kommt. Gehäuft zweifeln AfD-Funktionäre schon jetzt die Wahl an. Dabei nehmen sie vor allem die Briefwahl ins Visier, bei der die AfD traditionell schlecht abschneidet. Siegmund ruft Pflegekräfte dazu auf, in ihren Einrichtungen genau hinzuschauen. In der Vergangenheit sei dort nicht immer alles dem "Zufall überlassen" worden, behauptet er in einem Video, das auf X eine halbe Million Menschen erreicht. "Belegen kann man das nicht", sagt er weiter, "aber wir alle wissen doch, wie das oftmals läuft." Da schwingt die Erzählung von der gestohlenen Wahl mit. In den USA haben solche, inzwischen als falsch widerlegte Behauptungen von Donald Trump 2021 zum Sturm auf das Kapitol geführt. Es ist ein gefährlicher Pfad, auf den Siegmund sich da begibt. Nicht das erste Mal.