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Welt der Selbstdarstellung: "Trump will uns diese Lüge verkaufen"

Kriege, Krisen und Konflikte: Die Welt braucht besonnene Politiker, doch sie hat Donald Trump. Politologin Juliane Marie Schreiber erklärt, welche stillen Tugenden in einer Zeit des Spektakels wichtig sind. Die westliche Welt steckt in der Krise. Das hat viele Gründe, doch Juliane Marie Schreiber sieht eine zentrale Ursache: In Wirtschaft, Gesellschaft und Politik gilt oft der starke Auftritt mehr als die Substanz, moniert die Politologin und Autorin des Buches "Wir sind Dynamit". Donald Trump ist für Schreiber ein schlagender Beweis. Introvertierte Menschen haben dagegen in dieser "Welt der Selbstdarstellung" in vielerlei Hinsicht das Nachsehen. Und das ist für Schreiber nicht nur ungerecht, sondern für alle ein Problem. Wieso sind Vorurteile gegen Introvertierte falsch? Welche Stärken introvertierter Menschen wären in Politik und Wirtschaft nun hilfreich? Und warum wird Donald Trumps Spektakel nicht ewig gut gehen? Diese Fragen beantwortet Juliane Marie Schreiber im Gespräch. t-online: Frau Schreiber, unsere Welt ist ungeheuer laut und schnell geworden. Worin sehen Sie die Gründe? Juliane Marie Schreiber: Wir leben in einer Welt der Selbstdarstellung, in einer Zeit, die den schnellen Effekt belohnt. Es findet eine starke "Extrovertisierung" statt, die sich durch viele Bereiche unseres Lebens zieht. Man sieht es im Alltag, der Kultur, in der Bildungs- und Arbeitswelt, gerade auch in der Politik. Oftmals zählen vor allem der Auftritt eines Menschen und die entsprechende Wirkung dieses Auftritts. Was zu wenig zählt, ist leider die Substanz dessen, was ein Mensch sagt und tut. Wie kommt das? Wir leben in einer digitalen Dienstleistungsgesellschaft. Das ist einer der wichtigsten Gründe: Viele Menschen verkaufen immer weniger konkrete Dinge, wie Autos oder Backwaren. Sie verkaufen abstrakte Ideen wie Beratung, Betreuung und andere immaterielle Dienstleistungen. Dabei kommt es immer weniger auf "innere Werte" an, sondern auf den "äußeren Auftritt". Hinzu kommen die sozialen Medien, da haben Extrovertierte goldenen Boden gefunden. Es ist aber nicht alles Gold, was glänzt? Das grundlegende Problem besteht darin, dass der "glänzende Auftritt" stellvertretend für die Qualität des Gesagten wahrgenommen wird. Wer sich gut präsentiert, wer gut "rüberkommt", hat aber in der Realität noch längst nicht etwas Sinnvolles oder Konstruktives zu sagen. Auftritt geht zu oft vor Inhalt. Unsere Arbeitswelt ist doch dominiert von Meetings und Videocalls, Präsentationen und anderen Auftritten. Da ist der Extrovertierte meist der Gewinnertyp. Wie halten Sie es mit Zoomcalls? Sie sind der Vorhof zur Hölle. Darauf kann ich gut verzichten. Tatsächlich belastet diese Art der Kommunikation fast alle Menschen. Es ist einfach anstrengend, wenn Dutzende Gesichter einen anstarren. Das Phänomen hat sogar einen Namen: "Zoom Fatigue", die "Zoom-Ermüdung". Ihr neues Buch trägt den Titel "Wir sind Dynamit", und spielt damit auf den Philosophen Friedrich Nietzsche an, der einst schrieb: "Ich bin Dynamit". Wollen Sie die Welt damit ein wenig geraderücken? Mein Buch ist ein Manifest für eine andere Art, in der Welt zu sein. Introvertierte, ich verwende den Begriff "Innenmenschen", schöpfen ihre Kraft und Energie aus dem Inneren, ihren Gedanken und Ideen. In der heutigen Welt der Extroversion, in der Lautstärke für Kompetenz gehalten wird, haben sie keinen leichten Stand. Und das ist nicht nur schade, sondern ein großer Verlust. Deutlich wird das auch beim Blick in andere Weltregionen. Inwiefern? Das Phänomen der Extroversion, das ich beschreibe, trifft hauptsächlich auf die westlich geprägten Gesellschaften zu. In zahlreichen asiatischen Ländern ist Extroversion tatsächlich eher negativ konnotiert, denn sie wird dort eher als eine Form der Aggression und des Mangels an Respekt empfunden. Bei uns hingegen wird die Extroversion bereits bei Kindern gefördert. Welches Kind wird in der Kita oder Grundschule misstrauisch beäugt? Das Kind, das mit den anderen herumtobt? Oder das Kind, das lieber für sich allein am Tisch sitzt und malt? Die Antwort dürfte klar sein. Wer viel redet, hat wohl etwas zu sagen: Das ist der große Irrtum unserer Zeit. Denn im Umkehrschluss hätten die Stillen nichts zu sagen. Aber das ist falsch. Im Gegenteil: Oft sehen die Innenmenschen die Welt komplexer und denken anders über sie nach. Denn sie nehmen sich mehr Zeit zur Reflexion und Analyse. So erhalten sie andere Antworten auf Fragen. Für die sozialen Medien mit all ihrer Aufgeregtheit und Schnelligkeit dürften Introvertierte geradezu ein natürlicher Feind sein? Wir sollen dort nicht allzu viel nachdenken. Stattdessen wollen die Unternehmen hinter den sozialen Medien wie Meta oder Google, dass wir klicken und scrollen. Die Algorithmen sind so ausgelegt, dass sie unsere Aufmerksamkeit möglichst dauerhaft binden. Im Grunde geben wir dort die gedankliche Autonomie ab. Wir steuern nicht, wir werden gesteuert. Das sehe ich als großes Risiko. Sind Innenmenschen, um Ihren Ausdruck zu verwenden, resilienter gegen diese Versuche der Vereinnahmung? Das sehe ich tatsächlich so. Denn während Außenmenschen gerne mit der Außenwelt interagieren, das sogar brauchen, sind Innenmenschen eher darauf trainiert, sich dagegen abzuschotten. Bitte erklären Sie an dieser Stelle einmal, was Sie unter Innenmenschen und Außenmenschen verstehen. In der klassischen Persönlichkeitsforschung wird zwischen introvertiert und extrovertiert unterschieden. Wer eher extrovertiert ist, blüht in Gruppen auf. Allerdings verbindet man mit Extroversion auch Eigenschaften wie Heiterkeit, Tatkraft und Zuversicht. Diese Zuordnung ist umstritten, daher habe ich überlegt, was der Kern der Sache ist: So kam ich auf die Kategorien von Außenmensch und Innenmensch. Der Innenmensch will weniger Reize von außen, er braucht auch weniger, weil er seine Energie eher nach innen auf die eigenen Ideen und Gedanken richtet. Der Außenmensch will und braucht mehr Reize von außen. Nun sprechen wir über menschliche Veranlagungen. Haben sie nicht alle ihre Berechtigung? Selbstverständlich. Mir geht es um die ungleich verteilte Wertschätzung zwischen diesen beiden Polen . Extroversion gilt mittlerweile geradezu als Premiumversion des Menschseins. Da ist etwas verrutscht, das Gleichgewicht hat sich verschoben. Falls es dieses Gleichgewicht jemals gegeben hat. Haben Sie einmal im Internet nach Synonymen für den Begriff "introvertiert" gesucht? Die meisten Treffer lassen Introvertierte eher schlecht dastehen. Introvertierte genießen wirklich einen schlechten Ruf. Wer viele Freunde hat, der gilt als sozial. Wer viel lacht, der gilt als gesund. Das geht einher mit der Zuschreibung vieler anderer positiver Eigenschaften: Talent, Intelligenz und so weiter. Da spielt auch der westliche Hang zum Individualismus hinein. Aber wo wären wir ohne die Innenmenschen? Ohne Friedrich Nietzsche, Paul Cézanne, Franz Kafka oder Thomas Pynchon? Es ist kein Zufall, dass oftmals Künstler und Wissenschaftler mehrheitlich introvertierte Menschen sind, wie viele Untersuchungen zeigen. Wie erklären Sie dieses Phänomen? Wer sich den ganzen Tag gedanklich nur mit Reizen von außen beschäftigt, weiß oft nicht mehr, was er selbst denkt. Wer sich aber gründlich mit den eigenen Gedanken auseinandersetzt, erkennt auch Komplexität und kommt auf neue Ideen. Mir ist klar, dass Extroversion auch eine Funktion hat. Anführer brauchen ein gewisses Maß an Souveränität, Charisma oder Dominanz. Aber zurzeit ist doch jedes Maß verloren. Introvertierte haben auch handfeste Nachteile im Beruf, sie werden sogar manchmal diskriminiert. Denn sie verkaufen sich schlechter? Extrovertierte vermarkten sich nicht nur besser, sie werden auch als bessere Performer wahrgenommen. Sie erhalten in der Arbeitswelt mehr Empfehlungsschreiben, werden öfter befördert und bekommen im Durchschnitt sogar ein höheres Gehalt. Von mündlichen Prüfungen in der Schule, Ausbildung und im Studium mal ganz abgesehen. Übrigens zeigt die Forschung, dass introvertierte Chefs gerade dann für ein Unternehmen besser sind, wenn sie Menschen mit Eigeninitiative anleiten: Sie hören nämlich besser zu und lassen ihren Leuten genug Raum, um ihre Ideen reifen zu lassen. Denn Introvertierte haben weniger Interesse daran, soziale Dominanz auszuüben und ihre Macht zu demonstrieren. An dieser Stelle sollten Sie ein Wort über Donald Trump verlieren. Trump ist der absolute Gipfel. Das gilt in vielen Beziehungen, aber gerade auch in Hinsicht auf die Dominanz der Extroversion in der Politik. Trump hat einen ominösen Knopf im Oval Office, wenn er ihn drückt, kommt ein Butler herein und bringt ihm eine Cola light. Dieser Mann regiert die Vereinigten Staaten … Das wurde auch dadurch ermöglicht, dass die Extrovertisierung der Politik die Demokratie selbst verzerrt hat. Bitte erklären Sie das näher. Unsere Welt ist immer komplexer geworden. Die gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge abzubilden, wird immer schwerer. Sich damit auseinanderzusetzen, ist auch anstrengend. Daher sind wir anfällig für Abkürzungen und Vereinfachungen. Wäre in dieser Situation der langfristig denkende Introvertierte besser als der Extrovertierte, der den schnellen Erfolg verspricht? Ganz sicher. Aber an dieser Stelle sind wir alle mitverantwortlich, denn so gut wie alle Menschen geben eher Extrovertierten ihre Stimme. Wir bekommen nun mal die Politiker, die wir gewählt haben. Da wirkte viel zu oft der sogenannte Heiligenschein-Effekt mit, der dazu führt, dass man eine positive Eigenschaft auf ein völlig anderes Gebiet überträgt. Die Gleichung "extrovertiert = kompetent" trifft jedenfalls nicht zu. Wir wollen es nur glauben – und ein Trump will uns diese Lüge verkaufen. Wo wird das enden? Das ist die Frage. Der britische Soziologe Colin Crouch hat vor rund zwei Jahrzehnten das bemerkenswerte Buch "Postdemokratie" herausgebracht. Darin schreibt er nicht nur, dass es statt ernsthafter politischer Diskussionen immer mehr um eine Personalisierung der Politik und den Unterhaltungsfaktor gehe. Er vertritt auch die Ansicht, dass die demokratischen Staaten in diesem Jahrhundert vor allem äußerlich eine Demokratie seien, aber tatsächlich zunehmend Eliten die Entscheidungen träfen. Gegen die Eliten behauptet Trump, in den Kampf gezogen zu sein. Aber er ist ja in Wirklichkeit selbst Teil der Elite. Sein Amt nutzt er zur Bereicherung. Trump ist nun ganz sicher kein introvertierter Mensch, er nutzt das Instrumentarium der Extroversion exzellent. Aber das geht doch nur bis zu einem gewissen Punkt gut? Derzeit ist seine Bilanz desaströs. Trump ist an einem kritischen Punkt angelangt. Ewig geht es nicht weiter, wenn man nur auf Spektakel setzt. Die Umfragewerte sprechen gegen ihn. Eigentlich sind die USA da angekommen, wo sie die Tugenden der Innenmenschen brauchen. Welche sind das? Introvertierte sind etwas besser bei vier Fähigkeiten: Reflexion, Autonomie, Diplomatie und Kreativität. Was wir brauchen, sind langfristige Lösungen angesichts der drängenden Probleme. Langfristige Strategien lassen sich aber nur aus der Reflexion und aus selbstbestimmten Entscheidungen entwickeln. Das dürfte schwer werden in Zeiten der "Talkshow-Demokratie". Wir leben in einer Polykrise. Da brauchen wir dringend die Menschen, die kritisch denken können, die langfristige Entscheidungen treffen können, die einen kühlen Kopf bewahren und eine gewisse Distanz finden. Es braucht diejenigen, die eine Resilienz gegen die Logik des Spektakels verkörpern. Das haben Innenmenschen, denn diese Resilienz stärken sie schon ihr ganzes Leben. Ist eben diese Resilienz aber nicht zugleich ihr größtes Hindernis nach außen zu wirken? Introvertierte Menschen scheuen eher die Öffentlichkeit, erst recht eine, in der ein rauer Ton herrscht und man schnell angegriffen wird. Extrovertierte Menschen haben es da leichter, erst recht diejenigen mit ausgeprägtem Geltungsdrang. Aber ich denke, dass immer mehr Menschen zu dem Schluss kommen, dass es mit einem derartigen Politiker-Typ wie bisher nicht weitergeht. Was ist Ihr Wunsch? Es wäre gut, wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass der schnelle Schlagabtausch keineswegs immer eine Stärke ist. Wenn wir die Schaumschläger, die nicht viel Substanz haben, vor allem in der Politik nicht mehr so weit kommen lassen. Wohin das führen kann, sehen wir doch deutlich. Schön wäre es hingegen, wenn wieder Authentizität, Besonnenheit und substanzielle Inhalte wichtig werden. Vielen Dank für das Gespräch, Frau Schreiber.

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