Duell der Gegensätze: In München wartet auf Bayern ein Klub vom Polarkreis mit Mini-Etat und großer Idee. Bodø/Glimt kommt als Favoritenschreck auf die große Bühne. Das Duell, mit dem der FC Bayern am Donnerstagabend (ab 21 Uhr im Liveticker bei t-online) in die neue Champions-League-Saison starten wird, könnte ungleicher wohl nicht sein. Zum Auftakt ist mit dem FK Bodø/Glimt nämlich der norwegische Überraschungsklub der vergangenen Spielzeit in der mit 75.000 Zuschauern ausverkauften Münchner Arena zu Gast. Der 80 Kilometer nördlich des Polarkreises beheimatete Klub ist es bei seinen Heimspielen gewohnt, maximal vor den 8.500 Fans zu spielen, die ins Stadion hineinpassen. Auch die neue Arena, die Bodø/Glimt gerade baut und die im kommenden Jahr eröffnet werden soll, wird gerade einmal eine Kapazität von 10.000 Plätzen haben. Es geht um einen Bayern-Superstar: Ausgerechnet Klopp wirft brisante Frage auf "Wie ein schlechter Kane": Hamann übt scharfe Kritik an Bayern-Neuzugang Auch mit Blick auf die Kaderwerte der beiden Mannschaften ist es ein ungleiches Duell: Während das Team der Münchner aktuell einen Gesamtmarktwert von 1,04 Milliarden Euro hat, liegt der von Bodø/Glimt dagegen gerade einmal bei 83,78 Millionen Euro. Mit Michael Olise (170 Millionen Euro), Jamal Musiala (100 Millionen Euro) und Aleksandar Pavlović (90 Millionen Euro) sind gleich drei Bayern-Spieler allein schon mehr wert als der komplette Kader der Norweger. Aufseiten der Norweger haben lediglich Jens Petter Hauge, Patrick Berg (jeweils 12 Millionen Euro) und Fredrik Sjøvold (10 Millionen Euro) einen Marktwert in zweistelliger Millionenhöhe. Auch Bayerns Konzernumsatz kratzte im vergangenen Jahr mit 978,3 Millionen Euro an der Milliardenmarke. Der Umsatz von Bodø/Glimt lag dagegen bei gerade einmal 60 Millionen Euro. Es ist, als würden die Norweger in einer anderen Welt spielen. Bayern sollte vor Favoritenschreck Bodø gewarnt sein In Anbetracht solcher Zahlen könnte man glauben, dass Bodø/Glimt dem deutschen Rekordmeister hoffnungslos unterlegen und im direkten Duell absolut chancenlos wäre. Die Bayern sollten vor dem Zwergklub vom Polarkreis aber gewarnt sein. Denn der zeigte bereits in der vergangenen Saison, dass man ihn auf keinen Fall unterschätzen sollte. Und machte sich in der Champions League einen Namen als Favoritenschreck. Das bekamen unter anderem Tottenham Hotspur (2:2) und Borussia Dortmund (2:2), denen Bodø jeweils ein Remis abtrotzte, sowie Manchester City (3:1), Atlético Madrid (2:1) und Inter Mailand (3:1, 2:1) zu spüren, die der Außenseiter sogar besiegen konnte. Nach dem Playoff-Triumph in der Zwischenrunde gegen Inter war erst unglücklich im Achtelfinale Endstation. Dort musste sich Bodø Sporting Lissabon trotz eines 3:0-Hinspielsieges im Rückspiel letztlich nach Verlängerung (0:5) geschlagen geben. In dieser Saison will Bodø nun sein nordisches Fußballmärchen weiterschreiben. Nachdem man sich in der Champions-League-Qualifikation gegen Royale Union Saint-Gilloise und dann Nijmegen durchgesetzt hat, ist Bodø/Glimt jedenfalls zurück auf der größtmöglichen europäischen Fußballbühne. Dort will man nun die Bayern herausfordern und damit das nächste Highlight der Vereinsgeschichte erleben, wie Geschäftsführer Frode Thomassen betont. "Ein guter Test, ob wir gegen sie mithalten können" "Wir konnten bereits gegen einige der besten Teams der Welt antreten. Aber Bayern München wird etwas Besonderes sein", sagte er im Vorfeld der Partie bei einer Presserunde zu t-online. Schließlich seien die Bayern für ihn "definitiv einer der Titelfavoriten" und schon in der vergangenen Saison gemeinsam mit dem späteren Sieger Paris Saint-Germain das beste Team im Wettbewerb gewesen. "Es ist also ein guter Test für uns, um zu sehen, ob wir gegen sie mithalten können", so Thomassen. In solchen Spielen gegen Teams wie den FC Bayern bekomme man eine "gute Referenz": "Hoffentlich können wir da sein und ein gutes Spiel abliefern. Wenn nicht, werden wir auch daraus lernen." Stets dazuzulernen beschreibt Thomassen als "Kernelement" bei Bodø. Man sei als Klub eben anders, erklärte er, als er von t-online auf seine konkreten Erwartungen an das David-gegen-Goliath-Duell mit den Bayern angesprochen wurde. "Wir sprechen hier nicht vom Gewinnen, sondern viel über Performance, also Leistung. Wir wollen einfach unseren Fußball spielen und schauen, wie weit uns das bringen kann." Auf diesen vier Säulen basiert Bodøs Fußballmärchen Thomassen, der die Geschicke des Klubs seit 2017 leitet, ist stolz auf die Säulen, auf denen der steile Aufstieg in den vergangenen Jahren ruhte. "Wir haben im Klub vier Werte, in denen wir wirklich stark sind: Es geht um Leistung, um Entwicklung, um Loyalität und um Zusammengehörigkeit oder Einheit." Nach dem Abstieg 2016 und der damals drohenden Insolvenz auferlegte sich der Verein selbst klare Regeln – unter anderem, dass die Spieler größtenteils aus der Region oder zumindest aus Skandinavien stammen sollen. "Zehn, elf Spieler waren von Anfang an dabei und sind den kompletten Weg mit uns gegangen. Das ist etwas Besonderes", sagt Thomassen. Er verweist stolz darauf, dass darüber hinaus vier Spieler aus dem aktuellen Kader den Sprung aus dem eigenen Nachwuchs in die Stammformation der Profis geschafft haben. Im gesamten Verein, von der Jugend bis zu den Profis, wird nach dem gleichen System gespielt. Diese Spielidee prägt vor allem Kjetil Knutsen, seit 2018 Cheftrainer von Bodø/Glimt. "Unser Klub ist gesund für den modernen Fußball" Diese Konstanz zahlte sich in den vergangenen Jahren in zahlreichen Erfolgen aus. 2020 gewann der Klub erstmals die norwegische Meisterschaft und holte den Titel auch 2021, 2023 und 2024. In der Saison 2024/25 schaffte es Bodø/Glimt in der Europa League bis ins Halbfinale. Im vergangenen Jahr dann unter die besten 16 Teams der Königsklasse. "Das ist auch eine Inspiration für andere Klubs", glaubt Thomassen. Mehr noch: "Und ich denke, es ist gesund für den modernen Fußball, dass ein Klub wie der unsere dazu in der Lage ist, am Donnerstagabend hier in der Allianz Arena auflaufen zu können." Der moderne Fußball habe sich in den vergangenen Jahrzehnten schließlich zunehmend kommerzialisiert. Gerade in diesem Kontext sei es "ein gutes Zeichen, ein Verein zu sein, der quasi aus dem Nichts entwickelt wurde", so Thomassen. "Wir haben keinen privaten Besitzer, sind eine rein ehrenamtliche Organisation. Deshalb sind wir wirklich ein besonderer Klub." "Das ist eine tolle Geschichte für den Fußball" Das sieht auch Bayern-Chefcoach Vincent Kompany so. "Bodø/Glimt ist eine tolle Geschichte für den Fußball", sagte er am Mittwoch bei seiner Abschlusspressekonferenz über den Auftaktgegner der Münchner. "Je mehr man sie analysiert, desto mehr merkt man, dass es alles einen Sinn ergibt. Jeder Spieler kann viel laufen, jeder Spieler will verteidigen und pressen. Sie haben eine klare Idee, die Spieler gehen diese Idee klar mit." Es sei "schwierig, das zu implementieren, da geht es auch um die Transfers", so Kompany weiter. "Mit dem Geld, das sie zur Verfügung haben, sollte man eigentlich nicht mit den Topteams mithalten, aber sie machen es – das ist das größte Kompliment, das man machen kann." Ein weiteres großes Kompliment bekam Bodø/Glimt am Dienstag ausgesprochen, als die französische Sportzeitung "L'Équipe" die Nominierungen für die Ende Oktober anstehende Ballon-d'Or-Wahl bekannt gab. Dabei tauchten die Norweger nämlich in der Kategorie "Klub des Jahres" auf. Neben namhaften anderen Teams wie dem FC Bayern und Favorit PSG werden Bodø auch dabei zwar wieder einmal lediglich Außenseiterchancen eingeräumt. Thomassen und sein Klub finden trotzdem wenig überraschend auch an der Rolle des Underdogs einmal mehr großen Gefallen. "Für uns ist es wirklich, wirklich großartig, überhaupt nominiert zu werden", sagte er. Es gehe natürlich in erster Linie darum, wie gut die Spieler und die Trainer seien, so Thomassen weiter. "Aber ich denke auch, dass der ganze Klub sich sehr stark fühlt und die Arbeit anerkannt wird, die jahrelang geleistet wurde, gerade das vergangene Jahr war wirklich, wirklich gut." Dementsprechend erreichten ihn unzählige Nachrichten mit Glückwünschen zur Ballon-d'Or-Nominierung, wie Thomassen verriet. "Es war ein wirklich glücklicher Tag hier in Bodø." Der nächste Festtag der Klubgeschichte wird am Donnerstagabend in der Allianz Arena folgen – ganz egal, wie das Spiel am Ende ausgehen wird.