Als Schauspielerin fliegen ihr Rollen zu, um die andere sie beneiden. Aylin Tezel könnte sich darauf ausruhen. Doch im t-online-Interview macht sie klar, wie viel sie noch vorhat. Als Aylin Tezel vor sechs Jahren ihren letzten Auftritt im Dortmunder "Tatort" hatte, stellte sich die Frage, wie es für sie im umkämpften Film- und Fernsehgeschäft weitergeht. Mittlerweile ist klar: Tezel hat es geschafft. Die 48-Jährige hat sich nicht nur von der ARD-Krimireihe emanzipiert, sondern ist auch in neue Sphären vorgestoßen. Dass dieser Weg alles andere als reibungslos verlief, erzählt sie auf bemerkenswert offene Weise im Interview. t-online: Frau Tezel, als Sie den Dortmunder "Tatort" verlassen haben, wollten Sie sich bewusst Raum für neue Projekte schaffen. Hatten Sie Erfolg? Aylin Tezel: Ja, ich habe mir Platz für neue filmische Abenteuer geschaffen – sowohl vor als auch hinter der Kamera. Das wäre mit dem "Tatort" nicht möglich gewesen? Auch wenn wir nur zwei Filme pro Jahr gedreht haben, war der "Tatort" durch die feste zeitliche Bindung sehr einnehmend, was die Planung für andere Projekte erschwerte. Und auch wenn ich meine Figur Nora Dalay mochte, … … die Kommissarin, die Sie in Dortmund gespielt haben … … bleibt in einem Ensemble, in dem der jeweilige Kriminalfall im Mittelpunkt steht und es dazu mehrere Kommissarinnen und Kommissare gibt, bei 90 Minuten nur begrenzt Raum für die Entwicklung der einzelnen Figuren. Ihre Ambitionen waren andere. Teilweise. Ich habe damals bereits mein erstes Drehbuch zu "Falling Into Place" geschrieben. Anfangs wusste ich gar nicht, ob ich es jemals mit jemandem teilen würde – und erst recht nicht, ob daraus tatsächlich einmal ein Film werden könnte. Aber die Sehnsucht nach dem Schreiben und danach, künstlerisch wieder an einen Punkt anzudocken, an dem ich Anfang 20 gewesen war, hat sehr laut in mir gepocht. Ist es denn überhaupt möglich, beidem gerecht zu werden: dem Schauspiel und der Ambition, Filmmacherin zu werden? Es ist sicherlich nicht leicht, aber ich liebe Herausforderungen – und kann rückblickend sagen: Sich ins Abenteuer zu stürzen, lohnt sich. Also eine gut kalkulierte, erfolgreiche Karriereplanung. So würde ich es nicht beschreiben. Das fühlt sich für mich zu konkret an. Es war vielmehr eine Sehnsucht nach einer Form von Ausdruck, bei der ich nicht das darstellende Element bin, sondern das leitende, kreierende Element im Hintergrund. Aber um in Deutschland als Autorin und Regisseurin einen unabhängigen Film auf die Beine zu stellen, bedarf es doch vor allem Geld. Oder? Das kann man so sagen. Mein Bewusstsein dafür, wie schwierig es ist, Filme zu finanzieren, ist extrem gewachsen, seitdem ich meinen eigenen Film gemacht habe. Wieso erst dann? Vorher ging es für mich eher um die Frage: Bekomme ich eine Rolle oder nicht? Und wenn ich sie bekomme, wie kann ich sie am besten spielen? Und dann kam 2022 "Falling Into Place" … Ja, es war eine interessante Phase: Wir kamen gerade aus der Pandemie, oder waren noch mittendrin. Gleichzeitig gab es einen starken Anstieg bei den Streamern und plötzlich sehr viel Geld in diesem Markt. Kurz danach ist diese Blase geplatzt. Viele Projekte wurden abgesagt, zurückgezogen, Streamer sind wieder verschwunden oder haben sich teilweise aus Deutschland verabschiedet. Plötzlich war viel weniger Geld im Markt. Das merkt man immer noch. Können Sie das präzisieren? Ich habe das Gefühl, dass nach wie vor sehr auf Sicherheit gesetzt wird, auch bei der Filmförderung. Es ist momentan schwierig, Dramen zu finanzieren, die Geschichten über die emotionale Bandbreite des Menschseins erzählen und erforschen wollen. Es wird stark auf Genre und weiterhin auf große Namen gesetzt. Wie sehr frustriert Sie das? Das ist meine Realität als Regisseurin und Autorin, und ich muss damit umgehen. Ihren Lebensunterhalt finanzieren Sie sich also weiterhin hauptsächlich aus der Schauspielerei? Ganz klar. Gerade wenn wir über Indie-Filme reden, ist das zumindest in diesem Moment meines Lebens nicht das, womit ich reich werde. Da fließen vor allem Liebe, Schweiß, Nerven und Leidenschaft hinein. Das klingt beschwerlich. Das ist ja nur ein Teil des Filmemachens. Was ich bei meinem Regiedebüt zurückbekommen habe, war vor allem die große Liebe des Publikums. Ich habe große Kinotouren gemacht, war in Deutschland, Spanien , Australien und Großbritannien unterwegs. Menschen kamen nach dem Film weinend zu mir und sagten: "Das habe ich auch erlebt" oder "Dein Film gibt mir Hoffnung". Allein für diese Menschen hat es sich gelohnt, finde ich. Sie haben einen Vorteil: Während solche Projekte womöglich jahrelang auf ihre Finanzierung warten, können Sie weiter als Schauspielerin arbeiten. Das ist das Gute. Dadurch erlebe ich nicht diese absoluten Durststrecken, die man in der Regie erleben kann, wenn man jahrelang darauf wartet, den nächsten Film finanziert zu bekommen. Ich kann in der Zwischenzeit spielen und bleibe dadurch dem Medium Film und Fernsehen sehr verbunden. Das ist schön. Aber? Gleichzeitig sieht man auf Festivals, dass komplexe Dramen nach wie vor geliebt werden, gute Kritiken bekommen und Preise gewinnen. Gerade in Zeiten des KI-Vormarschs finde ich es umso wichtiger, menschliche Geschichten zu erzählen und sich für komplexe Dramen die Zeit und Energie zu nehmen – als Macherinnen und Macher genauso wie als Zuschauerinnen und Zuschauer. Darin liegt eine große Kraft. Deshalb hoffe ich, dass das nicht untergehen wird. Als Schauspielerin sind Sie nun in der ZDF-Serie "Serial Cleaner" zu sehen. Ihre Figur Terry kämpft seit Jahren um das Leben ihrer schwer kranken Tochter. Rollen, bei denen es um etwas Existenzielles geht, sind immer ein großes Geschenk. Das war bei "Unbroken" ähnlich. Auch dort spielte ich eine Mutter, die ihr Baby retten wollte. Bei Terry erzählen wir von einer Mutter, die seit acht oder neun Jahren um das Leben ihres Kindes kämpft. Wie bereiten Sie sich auf eine Figur vor, deren Erfahrungen so weit außerhalb Ihres eigenen Lebens liegen? Ich arbeite sehr gerne mit einer Schauspielmethode namens Source Tuning von Jens Roth. Die Methode geht davon aus, dass das Unterbewusstsein nach dem Lesen eines Drehbuchs bereits viel mehr Informationen aufgenommen hat, als einem bewusst ist. Man geht dann körperlich auf die Suche und lokalisiert Erinnerungen der Figur, ihre Gefühle oder Beziehungen zu anderen Menschen. Anschließend kann man sich in einer Szene auf diese körperlichen Wahrheiten berufen. Was haben Sie bei Terry gefunden? Die Krankheit ihrer Tochter zum Beispiel hat sich bei Terry in ihrem Bauch manifestiert. Es fühlte sich wie ein ganz schwerer Stein an, der sie kontinuierlich nach unten zieht – wie ein Grabstein. Dieses Gewicht und diese schreckliche Angst sind ein ständiger Teil von ihr. Damit steht sie auf, damit geht sie schlafen, damit geht sie durch den Tag. Wenn man damit in eine Szene geht, muss man nicht überlegen: Was gibt es in meinem eigenen Leben, das ein bisschen ähnlich ist? Man nimmt dieses Gewicht wahr und kann damit arbeiten. Bleibt ein solcher körperlicher Zustand während der Dreharbeiten bestehen? Das ist oft so, ja. Bei Terry habe ich in der Vorbereitung herausgefunden, dass sie Einschlafprobleme hat, beziehungsweise nie richtig durchschläft. Sie schläft immer sehr leicht, damit sie jederzeit bereit ist, falls mit ihrer Tochter etwas passiert. Während der Drehzeit habe ich selbst kaum geschlafen. Und in dem Moment, in dem die Rolle abgedreht war, konnte ich plötzlich wieder ganz entspannt schlafen. Über vier, fünf Monate plagten Sie Schlafprobleme? Monate voller schlafloser Nächte, ja. In diesem Beruf geht man wirklich mit seinem Körper und seinen Gefühlen komplett in eine Rolle hinein. Aber gerade deshalb ist es schön, dass sie trotzdem eindeutig von einem selbst getrennt ist, man ihr diese Mittel – Körper, Stimme, Geist – nur ausleiht. Verschwinden Ihre Figuren danach vollständig – oder bleiben sie irgendwo gespeichert? Tatsächlich hat man so etwas wie ein körperliches Gedächtnis. Ich müsste mir einmal meine Source-Tuning-Aufzeichnungen durchlesen, um zu sehen, bei welchen Rollen ich welche Dinge an welcher Stelle im Körper gefunden habe. Aber in dem Moment, in dem ich das lesen würde, könnte ich es quasi wieder aktivieren. Ich könnte meine Figuren im Körper wiederherstellen. Das finde ich total spannend. Deshalb mag ich diese Methode so gern. Und ausgerechnet bei "Serial Cleaner" schließt sich auch der Kreis zu Ihrer "Tatort"-Vergangenheit: Ihr ehemaliger Dortmunder Kollege Rick Okon spielt ebenfalls mit. Offensichtlich bin ich vom "Tatort" doch nicht ganz weggekommen. Rick ist mir gefolgt. (lacht) Tatsächlich habe ich ihn zunächst nicht erkannt. Haben Sie ihn wirklich nicht erkannt? Er spielt Christian, den ziemlich verrückten Bruder von Vincent, und sieht durch die blondierten Haare tatsächlich sehr verändert aus. Aber das ist ja toll, dass Sie ihn nicht erkannt haben, weil er wirklich völlig anders spielt, als Sie ihn aus dem "Tatort" kennst. Das muss ich ihm erzählen, das wird ihn bestimmt freuen. Genau das will man doch als Schauspieler. Vielen Dank für das Gespräch, Frau Tezel.