Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, Donald Trump hat sich geärgert. Er ist gerade auf Wahlkampftour – und das sogar am Wochenende: Der US-Präsident verbrachte also nicht wie üblich seinen Samstag in einem seiner Golfhotels, sondern reiste nach Dayton im Bundesstaat Ohio. Dort hielt er eine Wahlkampfrede, die seine Partei vor den Zwischenwahlen am 3. November unterstützen sollte. Bei den sogenannten Midterms müssen sich Trumps Republikaner auf deutliche Verluste einstellen. Im Repräsentantenhaus und womöglich auch im Senat könnte seine Partei ihre Mehrheiten verlieren. Trump tourt deshalb gerade wieder durch das Land, um das Ruder für die Republikaner herumzureißen. Gestern war er in Nebraska, am Mittwoch wird er wie schon vergangenen Woche in Texas sprechen. Doch das öffentliche Interesse daran ist gering – zumindest bei Trumps Lieblingsmorgensendung "Fox & Friends". Die hatte seinen Auftritt in Ohio am Sonntag nicht im Programm. Keinen Bericht habe der Haus- und Hofsender des Präsidenten für seine Wahlkampftour übrig gehabt, klagte Trump auf seiner Plattform "Truth Social". Dabei laufe doch alles "absolut phänomenal, besser denn je". Trump macht in diesen Tagen etwas durch, was bislang jeder Präsident in dieser Phase erlebt hat: den schleichenden Verlust der eigenen Bedeutung. Ein US-Präsident in seiner zweiten Amtszeit gilt nach den Zwischenwahlen im Volksmund als "lahme Ente" , die immer weniger zu sagen hat. Es wird bald seltener darum gehen, was er tagein, tagaus tun wird. Wichtiger wird die Frage sein: Wer wird ihm im Weißen Haus nachfolgen? Andere US-Präsidenten nahmen sich in dieser Phase zurück. Bei Donald Trump ist davon nicht auszugehen. Seine Persönlichkeit wird es nicht zulassen, dass er diesen Bedeutungsverlust akzeptiert. Trump wird sich mit aller Macht dagegen stemmen, die öffentliche Aufmerksamkeit zu verlieren, die er seiner Ansicht nach verdient. Politisch wird Trump als "lahme Ente" also nicht harmloser, sondern eher gefährlicher. Der Präsident wird seine Politik noch stärker nach der Frage ausrichten, wie er etwas schaffen kann, das seine Amtszeit überdauern wird. Es ist nicht auszuschließen, dass Trump bereit ist, dafür enorme Risiken einzugehen. Der Bedeutungsverlust Trumps wird sich in den kommenden Monaten auf mehreren Ebenen zeigen. Geht man davon aus, dass die Demokraten im November mindestens die Mehrheit im Repräsentantenhaus zurückgewinnen, wird die Partei politisch größeren Druck auf ihn ausüben können. Sie kann dann Gesetze blockieren, Ausschüsse leiten und dort auch selbst Personen vorladen. Auch ein Amtsenthebungsverfahren kann die Partei gegen Trump zumindest auf den Weg bringen. Für Trump wäre all das natürlich unangenehm. Die realen Folgen allerdings bleiben vergleichsweise überschaubar. Denn er regiert überwiegend dadurch, dass er am Kongress vorbei Gesetze per Dekret erlässt. Selbst ein Amtsenthebungsverfahren kann ihn nur dann aus dem Weißen Haus befördern, wenn zwei Drittel des Senats gegen ihn stimmen. Eine solche Mehrheit ist auch nach den Zwischenwahlen extrem unwahrscheinlich. Stärker dürften ihn die Diskussionen um seine Nachfolge schmerzen. Trump selbst hat zwar mehrmals mit einer dritten Amtszeit kokettiert – die verfassungswidrig wäre –, aber die Idee öffentlich verworfen. Nach den Zwischenwahlen werden sich also in beiden Parteien die Kandidaten für die Präsidentschaftswahl 2028 warmlaufen – und zum jetzigen Zeitpunkt ist auf beiden Seiten noch kein klarer Favorit auszumachen. Trump hat sich die Republikaner untertan gemacht. Wer in der Partei Karriere machen wollte, musste sich bislang möglichst bedingungslos seinem Willen unterwerfen. Deshalb wird Trumps Wort auch bei der Diskussion um seinen Nachfolger viel Gewicht haben. Die Republikaner müssen ihm deshalb aber nicht blind folgen: Erleidet die Partei bei den Zwischenwahlen eine herbe Niederlage, könnten sich viele Köpfe auch von Trump abwenden. Das kann bedeuten, dass einige Republikaner mit einer anderen Politik für sich werben wollen. Spannend dürfte das vor allem bei Vizepräsident JD Vance und Außenminister Marco Rubio werden. Beiden werden weitere Ambitionen auf das Weiße Haus nachgesagt. Gelingt es ihnen, eine eigene Idee von Politik zu entwickeln und gleichzeitig weiter in der Regierung an Trumps Seite zu stehen? Und gesteht Trump seinen aktuellen Gefolgsleuten so viel politische Freiheit zu? Die Diskussionen um seine Nachfolge und der Druck der Demokraten dürften künftig also mehr Aufmerksamkeit in den Medien erhalten. Die eigentliche Gefahr ist allerdings, welche Schlüsse Trump für seine Politik zieht, wenn sein eigenes Handeln an Bedeutung verliert. Denn sie ist eng mit der Frage verbunden, was von Trumps Präsidentschaft bleiben soll, wenn er nicht mehr im Weißen Haus ist. Es ist offensichtlich, dass sich Trump bereits viele Gedanken über sein Vermächtnis macht. Es erklärt, warum er einen Ballsaal an das Weiße Haus baut oder einen Triumphbogen in Washington plant. Seine Hoffnung scheint zu sein: Die Leute sollen sich auch noch in Hunderten von Jahren an diesen Präsidenten erinnern, wenn sie die Bauwerke sehen. Solche Gedankengänge wären selbst für einen Spitzenpolitiker hochgradig narzisstisch. Doch es muss nicht bei ein paar Bauwerken bleiben. Trump könnte auch auf die Idee kommen, sich ein politisches Denkmal zu setzen. Egal, wie die Zwischenwahlen ausgehen werden: Außenpolitisch hat ein US-Präsident größtenteils freie Hand. Und niemand kann wissen, wie weit Trump auf diesem Feld noch bereit ist zu gehen. Die Liste der möglichen Eskalationen ist lang. In Venezuela hat die US-Regierung bereits den politischen Machthaber Nicolás Maduro gewaltsam entführt und abgesetzt. Seit Monaten liefert sich Trump auch einen Handelskrieg mit dem Nachbarn Kanada. Im Iran führt Trump einen Krieg, von dem seine Regierung bislang nicht weiß, wie sie ihn beenden kann. Über den Status von Grönland hat Trump zwar kürzlich ein neues Abkommen abgeschlossen. Die Provokationen, dass das Land nicht doch besser zu den USA gehören sollte , hat er aber nicht eingestellt . Es schwelt auch ein Konflikt in Kuba, den die US-Regierung militärisch jederzeit eskalieren könnte. Vielleicht möchte Donald Trump der US-Präsident sein, der gewaltsam das Staatsgebiet der USA vergrößert. Wer weiß heute schon, ob er nicht noch aus Kuba, Venezuela, Kanada oder Grönland einen Teil der USA machen will? Aus seiner Sicht hätte eine solche Eskalation in jedem Fall zwei Vorteile. Die mediale Aufmerksamkeit wäre ihm schlagartig wieder sicher – und man würde sich vermutlich noch sehr lange an diese Tat erinnern. Von einer "lahmen Ente" wäre jedenfalls keine Rede mehr. Ohrenschmaus Beim Verfassen dieses Textes kam mir plötzlich ein Lied in den Sinn – vielleicht kommen Sie selbst darauf, warum . Nach Wahl in Sachsen-Anhalt Der Landtag kommt zusammen So viel Aufmerksamkeit gab es wohl noch nie. Nicht nur in Deutschland werden sich heute wohl wieder viele Blicke nach Magdeburg richten: Denn erstmals nach der Wahl in Sachsen-Anhalt, bei der die AfD nur knapp die absolute Mehrheit verpasst hat, wird dort der neu gewählte Landtag zusammenkommen. Als größte Fraktion will die AfD auch erstmals in ihrer Geschichte den Landtagspräsidenten stellen. Die Wahl soll auf den Politiker Tobias Rausch fallen. Der Politiker war einer der Protagonisten in der Vetternwirtschaftsaffäre seiner Partei: Mehrere Familienmitglieder von Rausch waren bei einer AfD-Politikerin im Bundestag angestellt. Rausch selbst hatte zeitweise auch Mitglieder des Fußballvereins angestellt, für den er als Vorsitzender aktiv ist. Rausch benötigt 44 Stimmen, die AfD hat allerdings nur 39 Abgeordnete. Die Mehrheit soll allerdings durch die fünf neuen Abgeordneten des BSW gesichert werden. Anders verhält es sich allerdings beim Vizepräsidenten des Landtags: Die AfD schlug dafür am Montag Hans-Thomas Tillschneider vor, der als ein führender Vertreter der völkisch-nationalistischen Strömung der Partei gilt. "Wir werden Hans-Thomas Tillschneider nicht wählen" , sagte BSW-Vizefraktionschefin Claudia Wittig am Montagabend t-online . Man werde der Partei "keinen Blankoscheck" für ihre Vorschläge geben, machte Wittig deutlich. Tillschneider sei "nicht nur Busenfreund der deutschen Rüstungsindustrie", sondern auch "das Gegenteil einer ausgleichenden und präsidialen Persönlichkeit". Sie können heute ab 11 Uhr die Debatte bei t-online verfolgen. Meine Kollegen Annika Leister und Johannes Bebermeier haben vorab in dieser Übersicht die wichtigsten Fragen und Antworten zu der Sitzung zusammengestellt . Beide werden zudem in einem Liveblog aus dem Landtag berichten. Das historische Bild 1981 kam es in Kairo zum Blutvergießen. Mehr lesen Sie hier . Lesetipps Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) will den Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland neu ordnen. Doch an den Plänen gibt es harsche Kritik – jetzt auch von einem prominenten CDU-Mann, schreibt mein Kollege Florian Schmidt. Artikel lesen Viele traditionelle Parteien haben in Deutschland gerade mit erheblichen Problemen zu kämpfen. Unser Kolumnist Gerhard Spörl denkt deshalb über eine neue Partei nach und blickt neidisch auf einen Staatschef im Ausland. Artikel lesen Der Chef des Autozulieferers Aumovio, Philipp von Hirschheydt, will zurück zur 40-Stunden-Woche, ohne mehr Lohn. Wie das funktionieren soll, hat er meinen Kollegen Jakob Hartung und Mauritius Kloft erzählt. Artikel lesen Aktienrückkäufe stehen oft unter Finanzkosmetik-Verdacht, doch ihre Logik ist simpel. Nvidia, Apple und Co. verschieben gerade Milliarden – mit klarer Botschaft, schreibt unsere Kolumnistin Antje Erhard. Artikel lesen Als Schauspieler übernimmt Oliver Masucci oft Rollen mit einer besonderen Widersprüchlichkeit. Wie sehr der 57-Jährige diesem Bild selbst nahekommt, hat er meinem Kollegen Steven Sowa verraten. Artikel lesen Zum Schluss An dieser Stelle: Herzlichen Glückwunsch an die beiden neuen deutschen Nobelpreisträger für Medizin Peter Hegemann und Georg Nagel! Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Dienstag. Morgen schreibt für Sie Florian Harms. Herzliche Grüße Ihr David Schafbuch Korrespondent in New York Mit Material von dpa.