Deutschland wird wohl seine Gasspeicherziele für 2026 deutlich verfehlen. Aus Italien kommt wegen der daraus entstehenden Folgen deutliche Kritik. Italien gibt Deutschland die Schuld an den besonders hohen Preisen auf dem europäischen Gasmarkt. Alessandro Noce, ein hochrangiger Beamter im italienischen Ministerium für Umwelt und Energiesicherheit (MASE) , verwies bei einer Tagung in Mailand auf die niedrigen Füllstände der deutschen Gasspeicher, die gerade den Gaspreis in die Höhe treiben würden. "Die Preise sind gerade bei 100 Euro [pro Megawattstunde], weil die Deutschen einkaufen, ansonsten wären sie bei 70 Euro", zitiert ihn das Energiefachportal "Montel News". Noce bezieht sich damit auf eine Anordnung von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) , die im September das staatlich kontrollierte Unternehmen Sefe dazu aufforderte, Gas für den Winter einzukaufen und zu speichern. Zuvor hatte sich Reiche gegen einen solchen Markteingriff gewehrt und die Gashändler in Deutschland aufgerufen, ihrer Pflicht nachzukommen und die Gasspeicher zu befüllen. Das taten diese nur in einem sehr geringen Umfang – weil es sich wirtschaftlich für sie nicht lohnte. Gaspreise steigen – deutsche Behörden haben keine Sorge Sefe kauft nun vermehrt ein – und es tritt genau das ein, was Reiche zuvor befürchtet hat: Die Gaspreise steigen europaweit, weil die Nachfrage aus Deutschland höher geworden ist. Alessandro Noce warnte auf der Tagung nun vor den Folgen eines kalten Winters, der die Preise noch weiter steigen lassen könnte. "Wenn der Januar warm wird, haben wir kein Problem. Wenn der Januar wie letztes Jahr wird, als es in Nordeuropa, in Polen , in Litauen und Deutschland sehr kalt war, dann haben wir Probleme", so Noce. Die deutschen Behörden sehen das anders. Trotz der absehbaren deutlichen Verfehlung der gesetzlichen Füllstandsvorgaben für die deutschen Gasspeicher sehen Bundesregierung und Bundesnetzagentur keine Gefahr für die Gasversorgung im kommenden Winter. Die Versorgung sei auch bei den derzeitigen Speicherständen gesichert, erklärte das Bundeswirtschaftsministerium am Donnerstag auf Anfrage der Nachrichtenagentur Reuters. Nach aktueller Einschätzung werde Deutschland gut durch den Winter kommen . Auch die Bundesnetzagentur sieht keinen Anlass für zusätzliche Eingriffe. Kritik kam von den Grünen. "Die Gasspeicherfüllstände sind gering wie noch nie", sagte Grünen-Politiker Michael Kellner Reuters. "Das ist besorgniserregend." Reiche plant neue Gasreserve für 2027 Die deutschen Gasspeicher waren zuletzt zu 61,7 Prozent gefüllt. Bis zum kommenden Sonntag, dem 1. November, müssen die meisten Speicher nach den geltenden Vorschriften einen Füllstand von mindestens 80 Prozent erreichen. Für sechs Anlagen gelten niedrigere Vorgaben von 45 Prozent. Daraus ergibt sich ein rechnerisches Gesamtziel von rund 70 Prozent. Dieser Wert dürfte um etwa acht Prozentpunkte unterschritten werden. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums liegen die Füllstände der überwiegenden Mehrheit der Speicher allerdings bei über 70 Prozent, vielfach sogar bei über 80 oder 90 Prozent. Nur wenige Speicher seien zu weniger als 40 Prozent gefüllt und drückten damit den Durchschnitt. Laut Energiewirtschaftsgesetz könnten zwar gebuchte Speicherkapazitäten entzogen werden, wenn dies erforderlich erscheine. "Dies ist aktuell nicht der Fall", erklärte die Behörde jedoch. Die Bundesregierung will die gesetzlichen Füllstandsvorgaben laut Ministerium künftig durch eine Gasreserve ersetzen. Ein entsprechender Gesetzentwurf von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) wird derzeit regierungsintern abgestimmt. Offen ist unter anderem noch, ob es bei der von Reiche vorgeschlagenen Finanzierung über eine Umlage auf die Gaskunden bleibt . Das Wirtschaftsministerium verwies zudem darauf, dass die Regierung zusätzliche Vorsorgemaßnahmen für den Winter ergriffen habe. Dazu gehörten weitere Einspeichermaßnahmen zur Absicherung gegen geopolitische Risiken sowie spezielle Ausschreibungen, die eine zu frühe Ausspeicherung verhindern sollen. Diese Maßnahmen wirkten teilweise erst nach dem 1. November. Italien kann Deutschland in der Not mit Gas versorgen Das Ministerium wies auch auf zusätzliche Importmöglichkeiten durch Flüssigerdgas (LNG) hin. Dadurch hätten die Speicherstände heute eine andere Bedeutung für die Versorgungssicherheit als zu Beginn der Energiekrise. In der Woche vom 20. bis 26. Oktober wurden nach Angaben der Bundesnetzagentur 18,3 Terawattstunden (TWh) Erdgas über Pipelines importiert. Weitere 1,1 TWh gelangten über deutsche LNG-Terminals ins Land. Diese waren im Durchschnitt zu 29 Prozent ausgelastet. Die Bundesnetzagentur schätzt die Gefahr einer angespannten Gasversorgung weiterhin als gering ein. Der frühere Wirtschaftsstaatssekretär Kellner forderte eine Gasreserve und eine Einspeicherverpflichtung für alle Gashändler, um einen Teil der Versorgung physisch abzusichern. Reiche setze zu sehr auf die Selbstregulierung der Märkte und riskiere damit Engpässe im Winter, kritisierte Kellner. Hohe Gaspreise belasteten zudem Industrie und Haushalte. Die Kritik aus Italien rührt auch daher, dass die Italiener einen anderen Weg eingeschlagen haben als die Deutschen. Die Speicher dort sind zu 91 Prozent gefüllt, weil der Staat frühzeitig eingegriffen und die Speicherung forciert hat. Trotzdem wird auch die italienische Industrie durch den hohen europäischen Gaspreis belastet. Italien habe 300 Millionen Euro für die Befüllung seiner Speicher ausgegeben und müsse wegen der deutschen Gaskäufe nun auch noch höhere Gaspreise bezahlen, sagte Noce. Im Notfall könne Italien die Deutschen mit Gas aus ihren Speichern versorgen, sagte er weiter. Dafür habe der italienische Steuerzahler aber eigentlich nicht bezahlt, so der Tenor laut "Montel News".