Handel: Was der Tegut-Verkauf für Jobs, Bauern und Kunden bedeutet
Die geplante Tegut-Übernahme durch Edeka und Rewe und weitere Player sorgt bei Beschäftigten und Bauern für Unsicherheit. Gibt das Kartellamt grünes Licht?
Wie geht es weiter für die Beschäftigten der Supermarktkette Tegut? Zwar sind mittlerweile für fast 280 der rund 300 Filialen durch Übernahmepläne mehrerer Supermarktketten Lösungen in Sicht. Auch wenn die Folgen für Beschäftigte und Lieferanten noch unklar sind, dürfte der Schritt für kräftig Bewegung vor allem in Hessens Lebensmitteleinzelhandel sorgen. Und auch die Verbraucher im Bundesland müssen sich darauf einstellen, dass die Marke Tegut in absehbarer Zeit verschwindet und ihr Supermarkt um die Ecke neue Betreiber bekommt.
Was hat der Mutterkonzern Migros mit Tegut vor?
Der Schweizer Handelskonzern Migros hatte im März angekündigt, sich aus Deutschland zurückzuziehen und Tegut verkaufen zu wollen. Rund 200 der etwa 300 Supermärkte der Kette will der Lebensmitteleinzelhändler Edeka übernehmen. Zu dem Paket gehören auch das Tegut-Logistikzentrum in Michelsrombach, die Smart Retail Solutions als Betreiberin der rund 40 "Teo"-Minimärkte sowie die Herzberger-Bäckerei.
Weitere 40 Märkte sollen an die Rewe-Gruppe gehen, und zuletzt war bekanntgeworden, dass die Smart-Store-Kette Tante Enso bis zu 36 Tegut-Supermärkte übernehmen will. Interesse an einigen Tegut-Filialen hat auch der Discounter Aldi Nord. Alle Transaktionen stehen noch unter dem Vorbehalt der Freigabe durch das Bundeskartellamt. Falls es dazu käme, würde die Konzentration im Lebensmittelhandel weiter voranschreiten.
Wie sieht die Gewerkschaft Verdi die Pläne?
Einen Abbau der Tarifbindung für die rund 7.500 Tegut-Beschäftigten fürchtet die Gewerkschaft Verdi. Bislang seien zwei Drittel der Tegut-Märkte im Eigenbetrieb geführt worden, das restliche Drittel aber sei in der Hand privater Kaufleute gewesen. Dieser Trend dürfte sich mit einem Übergang an Edeka und Rewe beschleunigen, erwartet der Landesbezirksfachbereichsleiter Einzelhandel von Verdi Hessen, Marcel Schäuble. Die Beschäftigten solcher selbstständigen Kaufleute würden erfahrungsgemäß nicht mehr nach Tarif bezahlt.
Wie bedeutet der Verkauf für die Jobs?
Auch wie viele der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tatsächlich beim Übergang an neue Eigentümer bleiben dürfen und wollen, sei offen, sagt Schäuble. Edeka hatte nach Unterzeichnung der Übernahmevereinbarung für rund 200 Tegut-Filialen von einer "klaren Zukunftsperspektive" für die Beschäftigten gesprochen. Ähnlich äußerte sich der frühere Tegut-Geschäftsführer Thomas Gutberlet, jetzt Geschäftsführer und Gesellschafter von Tante Enso: "Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bekämen "durch Tante Enso eine Perspektive für ihre weitere Zukunft". Rewe wiederum kündigte Jobangebote an. Tegut-Betriebsratsvorsitzender Günter Ledermann will sich derzeit nicht zu den Plänen und der Stimmung bei den Mitarbeitern äußern. Nur so viel: Der Betriebsrat befinde sich "aktuell in intensiven Verhandlungen mit der Geschäftsführung".
Was sagen die Lieferanten?
Aber nicht nur für die Beschäftigten ist der Verkauf mit Unsicherheiten verbunden - auch Bauern vor allem in Osthessen sind besorgt. Sollten die Filialen im Zuge des geplanten Verkaufs ihre bisherige Ausrichtung ändern, "hätte dies für hessische Tierhalter – insbesondere im Raum Fulda, aber auch darüber hinaus – spürbare Folgen", warnte der Hessische Bauernverband.
Gerade für Schweinehalter bedeuteten weniger regionale Absatzpartner einen geringeren Verhandlungsspielraum und zusätzliche Unsicherheit bei der Vermarktung. Deshalb forderte der Verband möglichst rasch Klarheit zur Zukunft bestehender Lieferverträge. Man habe Sorge, dass "Regionalität und faire Erzeugerpreise bei einer Übernahme durch große Handelsketten an Bedeutung verlieren." Dies würde den wirtschaftlichen Druck auf die Betriebe weiter erhöhen.
Wie reagieren die Bauern vor Ort?
Sebastian Schramm, Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes Fulda-Hünfeld, berichtet von einigen Höfen, die bislang Tegut beliefert hätten und sich bereits aktiv um alternative Vermarktungsmöglichkeiten bemühten. Gerade einige Schweinehalter in der Region hätten fast vollständig auf die Vermarktung über Tegut und die Marke "Landprimus" gesetzt, ihre Marktchancen dürften sich nun weiter verschlechtern.
Dass Tegut durch den Verkauf vom Markt verschwinden soll und damit der ohnehin durch die "Großen Vier" (Edeka, Rewe, Schwarz-Gruppe mit Lidl sowie Aldi Nord und Aldi Süd) dominierte Lebensmitteleinzelhandel einen weiteren Spieler verliert, findet Schramm "sehr schade" - zumal nicht davon auszugehen sei, dass die potenziellen Übernehmer der Filialen die Tegut-Strategie, stark auf Bioprodukte und Regionalität zu setzen, eins zu eins weiterführen, so Schramm.
Warum will Migros Tegut abgeben?
Migros hatte die Trennung von Tegut damit begründet, dass sich das Marktumfeld in Deutschland trotz massiver Kosteneinsparungen weiter verschärft habe. Dies habe zu rückläufigen Umsätzen geführt. Tegut sei "unter diesen Bedingungen mit der spezifischen Positionierung und der vergleichsweise kleinen Unternehmensgröße langfristig wirtschaftlich nicht zukunftsfähig".
Die Supermarktkette Tegut mit ihrem Fokus auf Bio- und Premium-Produkten wird eher dem gehobenen Preisen zugerechnet. Auch deshalb hättem vergleichsweise wenige Kunden Tegut-Filialen für ihre kompletten Wocheneinkäufe angesteuert, sondern dort häufig nur zusätzliche Produkte gekauft, sagt ein Branchenkenner. Hinzu kam in den vergangenen Jahren die allgemeine Teuerung, vor allem seit Beginn des russischen Angriffskriegs, die auch die Lebensmittelpreise anziehen ließ.