Das NS-Raubbild "Porträt eines jungen Mädchens" befindet sich im Besitz einer Enkelin von SS-Kollaborateur Hendrik Seyffardt. Die ganze Familie weiß es. Nun bricht einer das Schweigen. Das Geständnis erfolgte anonym. "Ich empfinde tiefe Scham angesichts der Vergangenheit meiner Familie und bin außer mir über das jahrelange Schweigen", zitierte die Amsterdamer Zeitung "De Telegraaf" einen Nachfahren des niederländischen NS-Kollaborateurs Hendrik Seyffardt. Der Grund der Empörung: Eine Enkelin Seyffardts hatte jahrzehntelang das Bild "Porträt eines jungen Mädchens" des Malers Toon Kelder in ihrer Wohnung hängen. "Es ist NS-Raubkunst von Goudstikker. Unverkäuflich. Niemandem weitersagen", gab die Enkelin intern als Devise aus. Nun drängt ein Nachfahre auf Rückgabe des Bildes. Das Gemälde stammt aus der berühmten Goudstikker-Sammlung. Der niederländische Kunstkenner Jacques Goudstikker hatte eine 1.113 Gemälde umfassende Sammlung aufgebaut. Niederlande: Deutsche Nato-Soldaten vor Kaserne überfallen Wilders Konkurrent: Das ist der neue Regierungschef Rob Jetten Historiker wittern brisante Vertuschung: "Todesengel"-Akten sollen enthüllt werden Als die deutsche Wehrmacht 1940 die Niederlande überfiel, floh Goudstikker als Jude mit seiner Familie ins Ausland. Doch auf der Überfahrt mit der "Bodegraven" nach England stürzte Goudstikker und verunglückte tödlich. Seine Sammlung, die "Collectie Goudstikker" mit Gemälden von Rembrandt, Salomon van Ruysdael und Jan van der Heyden, hatte er alle in einem schwarzen Ringbuch aufgeführt. Seine Frau Dési Goudstikker nahm das Buch an sich. So ist die Sammlung bestens dokumentiert. Von Hermann Göring eingezogen Der Kunstschatz landete im Juli 1940 in den Fängen von Hitlers Vertrautem Hermann Göring. Von dort gelangte das "Porträt eines jungen Mädchens" in den Besitz des niederländischen Kollaborateurs Hendrik Seyffardt. Seyffardt, Spross einer niederländischen Militärfamilie, hatte sich nach dem deutschen Überfall auf die Niederlande 1940 den Nazis angedient. Unter anderem befehligte der General eine niederländische Freiwilligentruppe, die an der Seite der Waffen-SS im deutschen Vernichtungsfeldzug im Osten teilnahm. 1943 wurde er in der Tür seines Hauses in Den Haag von niederländischen Widerstandskämpfern erschossen. Es folgte die Aktion "Silbertanne", der Dutzende Widerstandskämpfer in den Niederlanden zum Opfer fielen. Die Nachfahren der Seyffardt-Familie aber blieben in Besitz des geraubten Bildes. "Es stimmt, dass ich entdeckt habe, dass sich das geraubte Gemälde im Besitz meiner Familie befindet und diese sich weigert, es zurückzugeben. Deshalb mache ich dies nun öffentlich", so der Seyffardt-Spross im "De Telegraaf". Washingtoner Abkommen: Das sagt das Recht Rund 87.000 vom NS-Regime eingezogene Kunstwerke listet die Datenbank "Lost Art" auf. Nach den 1998 vereinbarten Washingtoner Prinzipen besteht die Pflicht, Nachfahren der rechtmäßigen Eigner und Eignerinnen aufzuspüren und eine faire Lösung zu finden. Der Pakt ist rechtlich nicht bindend. "In den Niederlanden ist es aufgrund der Verjährungsfristen rechtlich unmöglich, das Werk zu beschlagnahmen; zudem befasst sich die Restitutionskommission – die in Fragen nationalsozialistischer Raubkunst berät – ausschließlich mit Ansprüchen gegen den niederländischen Staat, nicht jedoch gegen Privatpersonen", erläuterte der niederländische Kunstdetektiv Arthur Brand im "De Telegraaf". Goudstikkers Schwiegertochter Marei von Saher drängte nach 1945 auf die Rückgabe der Raubkunst. Doch speiste sie der niederländische Staat 1952 mit einem ungünstigen Vergleich ab. Erst nach und nach lenkten Museen ein, auch in Deutschland – beispielsweise das Albertinum in Dresden oder das Wallraf-Richartz-Museum in Köln . Zuletzt tauchte im Vorjahr in Argentinien das Bild "Porträt einer Dame" von Giuseppe Ghislandi aus der Goudstikker-Sammlung auf . Sie werde bis ans Ende ihrer Tage für die Rückgabe der Bilder kämpfen, bekräftigte Marei von Saher damals. Ein Teil der Seyffardt-Familie denkt nun um. Das Familienmitglied, das den Kunstraub nach mehr als achtzig Jahren offenlegte, sagte bei "De Telegraaf": "Das Bild muss an seine rechtmäßigen jüdischen Eigner zurückgegeben werden."