Für den Ökonomen Bernd Raffelhüschen kommt eine mögliche weitere Anhebung des Rentenalters 20 Jahre zu spät. Gerechter sei es, die Rente mit 70 noch für die Generation greifen zu lassen, die die Misere verursacht hat. Keine vier Wochen dauert es noch, bis Deutschlands Bürger ganz offiziell erfahren, was sich die Mitglieder der Alterssicherungskommission für ihre Rente ausgedacht haben. Inoffiziell war allerdings schon so manches zu hören. Über eine Rente mit 70 etwa wurde geraunt , beschlossen sei das aber noch nicht. Und wenn überhaupt, würde dieses Renteneintrittsalter auch nur all jene betreffen, die nach 1990 geboren sind. Einer, der die Rente mit 70 gerne deutlich früher eingeführt hätte, ist der Freiburger Ökonom und Rentenexperte Bernd Raffelhüschen. In der ZDF-Talkshow "Markus Lanz" sagte er am Dienstagabend, schon vor mehr als 20 Jahren hätten die richtigen Reformideen auf dem Tisch gelegen, man habe nur nicht den Mumm gehabt, sie konsequent umzusetzen. Rente mit 70? Experten warnen vor einem Denkfehler Raffelhüschen gehörte Anfang der 2000er-Jahre der sogenannten Rürup-Kommission an. Die von der rot-grünen Bundesregierung eingesetzte Expertenrunde sollte schon damals Vorschläge entwickeln, um die Sozialversicherungen angesichts der alternden Gesellschaft langfristig finanzierbar zu halten. Was die Rürup-Kommission damals plante Ein Teil der Empfehlungen wurde später auch umgesetzt. Dazu gehörten unter anderem die schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre , die erst im Jahr 2031 abgeschlossen sein wird, sowie der sogenannte Nachhaltigkeitsfaktor in der Rentenformel . Dieser sollte sicherstellen, dass die Belastungen des demografischen Wandels nicht ausschließlich von den Beitragszahlern getragen werden. Die aktuelle schwarz-rote Bundesregierung hat diesen Faktor derzeit ausgesetzt, damit das Rentenniveau nicht unter 48 Prozent sinkt . Sinkt das Rentenniveau, bekommen künftige Rentner im Verhältnis zu den Löhnen weniger gesetzliche Rente. Nach Darstellung Raffelhüschens waren die Rentenreformen der Agenda 2010 jedoch nur ein Zwischenschritt. Die Kommission habe ursprünglich gewollt, die steigende Lebenserwartung dauerhaft an das Renteneintrittsalter zu koppeln. Die Grundidee: Wenn die Menschen länger leben, sollen sie einen Teil dieser zusätzlichen Lebenszeit länger arbeiten und einen Teil länger Rente beziehen. "Wir wollten, dass die Lebenserwartung zum bestimmenden Faktor des Rentenzugangsalters wird", sagte Raffelhüschen. "Wir wären heute schon bei 69" "Hätten wir uns damals durchgesetzt, wären wir heute schon bei einer Rente mit 69 und würden bis 2030 bei 70 sein." Gleichzeitig läge das Rentenniveau nicht mehr bei 48, sondern nur noch bei 42 Prozent. Für Raffelhüschen wäre das auch eine Frage der Fairness zwischen den Generationen gewesen: "Die geburtenstarken Jahrgänge wären noch fünf Jahre einbezogen gewesen in die Lösung des Problems, das die geburtenstarken Jahrgänge selber verursacht haben", sagte er. Die Babyboomer, zu denen Raffelhüschen selbst gehört, hätten dadurch einen größeren Teil der Anpassungslasten selbst getragen, statt diese auf nachfolgende Generationen zu verlagern. "Wir sind die Verursacher des Problems", sagte er. "Wir sind die, die zu wenig Kinder in die Welt gesetzt haben." Kritik an späteren Rentenreformen Besonders kritisch sieht Raffelhüschen, dass zentrale Reformen aus der Agenda-2010-Zeit später wieder abgeschwächt worden seien. Der Nachhaltigkeitsfaktor sei von mehreren Bundesregierungen faktisch ausgebremst worden. Dadurch sei die ursprünglich angestrebte Lastenverteilung zwischen Beitragszahlern und Rentnern verwässert worden. Nach seinen Vorstellungen hätte das Rentenniveau langfristig stärker sinken können, während ergänzend die private und die betriebliche Altersvorsorge ausgebaut worden wären. Als Vorbilder nannte er die skandinavischen Länder, die stärker auf kapitalgedeckte Systeme setzen . Zwar hatte auch Deutschland versucht, mit der Riester-Rente ein solches System aufzubauen, doch sie geriet zu kompliziert, zu teuer und zu renditeschwach. Erst kürzlich hat die Bundesregierung eine neue private Altersvorsorge auf den Weg gebracht, mit der ab 2027 auch ETF- und Fondssparpläne staatlich gefördert werden können . Lauterbach: Höheres Rentenalter kann ungerecht sein Widerspruch kam in der Sendung vom SPD-Bundestagsabgeordneten und früheren Gesundheitsminister Karl Lauterbach . Zwar verteidigte auch er wesentliche Elemente der damaligen Reformen und sagte, die Grundrichtung sei "im Großen und Ganzen richtig" gewesen. Gleichzeitig warnte er jedoch vor einer pauschalen Anhebung des Rentenalters für alle Beschäftigten. Auch Lauterbach war damals Mitglied der Rürup-Kommission. Menschen mit geringeren Einkommen und körperlich belastenden Berufen hätten häufig eine deutlich niedrigere Lebenserwartung als Akademiker oder Gutverdiener. Wer früh ins Berufsleben starte und körperlich arbeite, zahle oft deutlich länger Beiträge ein, profitiere aber kürzer von der Rente. "Das gesamte System ist ungerecht", sagte Lauterbach. Die Rentenkommission diskutiert auch über die Möglichkeit, den Renteneintritt an die Zahl der Beitragsjahre statt an die Lebenserwartung zu koppeln. Der Vorschlag war vom Düsseldorfer Ökonomen Jens Südekum eingebracht worden, der Finanzminister Lars Klingbeil berät. Allerdings zeigte kürzlich eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) , dass dieser Vorschlag vielen Menschen Nachteile bringen würde. Welche Reformideen die Expertenkommission für am sinnvollsten hält, wird sie Ende Juni kundtun. Ein Wiedersehen mit Vorschlägen von vor über 20 Jahren gilt als sehr wahrscheinlich.