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Altersvorsorgedepot: Startet das staatliche Produkt 2027 zu spät?

Wenn 2027 die neue Altersvorsorge in Deutschland startet, sollen Bürger ihr Geld auch in ein staatlich organisiertes Depot stecken können. Doch der Politik läuft die Zeit davon. Es ist nur ein Satz, doch der hat es in sich. Gefühlt aus dem Nichts fand er den Weg in den Gesetzentwurf, nur zwei Tage, bevor der Bundestag am 27. März die Reform der Riester-Rente beschlossen hat . Sein genauer Wortlaut ist technisch-sperrig, seine Bedeutung aber hat das Potenzial, die private Altersvorsorge in Deutschland so verbraucherfreundlich wie nie zu machen. Denn er erlaubt es der Bundesregierung , die Bürger im Dickicht aus neuen Angeboten an die Hand zu nehmen. Die Koalition darf nun einen öffentlichen Träger damit beauftragen, ein sogenanntes Standarddepot umzusetzen. Fast alle Finanzunternehmen, die mit eigenen Produkten bei der neuen geförderten Altersvorsorge dabei sein wollen, müssen ein solches Standarddepot anbieten. Es ist für Einsteiger gedacht, die sich noch nicht zutrauen, selbst Anlageentscheidungen zu treffen, und wird nach engen rechtlichen Vorgaben bestückt. Ein Kostendeckel soll zudem die Gebühren im Zaum halten. Versicherungswirtschaft fürchtet unfairen Wettbewerb Dass jetzt auch der Staat bei der Altersvorsorge mitmischen darf, wie es etwa in Schweden seit Anfang der 2000er-Jahre erfolgreich über den Standardfonds AP7 Såfa geschieht, kam für viele Beobachter überraschend. Und passt einigen in der Finanzbranche gar nicht. Denn das Standarddepot in staatlicher Trägerschaft soll als Referenz im Markt dienen und idealerweise deutlich günstiger sein als die maximal möglichen 1 Prozent pro Jahr. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) etwa warnt vor unfairen Wettbewerbsvorteilen. "Wenn der Staat selbst als Anbieter auftritt, sollte er unter denselben Rahmenbedingungen agieren wie private Akteure – nur so entsteht ein fairer Wettbewerb im Interesse der Sparerinnen und Sparer", sagt GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen. Vor allem die vermuteten niedrigen Kosten eines Standarddepots aus öffentlicher Hand und die Vertrauenswürdigkeit eines öffentlich-rechtlichen Anbieters scheinen dem Verband zu schaffen zu machen. Er pocht darauf, dass es keine "staatliche Quersubventionierung" geben dürfe. Ebenso wenig dürfe der Eindruck entstehen, dass staatliche Produkte grundsätzlich sicherer seien als private. "Auch ein staatlich organisiertes Depot investiert an denselben Kapitalmärkten und trägt die entsprechenden Risiken", betont Asmussen. Entscheidend sei die konkrete Ausgestaltung der Kapitalanlage – nicht, wer das Produkt anbiete. Bundesbank, Kenfo, KfW: Wer legt Ihr Geld an? Tatsächlich sind mehrere Institutionen als Träger für ein solches staatlich organisiertes Altersvorsorgedepot denkbar, die eine hohe Reputation genießen. Die Deutsche Bundesbank etwa wurde vom Bundesrat für die Vermögensverwaltung ins Spiel gebracht . Die Regierungsfraktionen von Union und SPD selbst nannten im Finanzausschuss des Bundestags den Kenfo als "ein gutes Beispiel für eine erfolgreiche staatlich organisierte Vermögensverwaltung". Die Mitarbeiter des Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung, wie der Kenfo ausgeschrieben heißt, verwalten ein Milliardenvermögen, das für die Lagerung des deutschen Atommülls genutzt wird. Schon die Ampelkoalition hätte dem Kenfo das Generationenkapital anvertraut , wäre sie nicht vorher an sich selbst gescheitert. Die Förderbank KfW und die Deutsche Rentenversicherung komplettieren die Gerüchteküche um einen möglichen Träger für das staatliche Standarddepot. Handfestere Antworten auf die Frage, wer es denn nun machen soll, scheinen aber auch die Entscheider selbst noch nicht zu haben. Ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums (BMF) sagte t-online: "Das BMF ist innerhalb der Bundesregierung und mit möglichen Trägern im Gespräch, wie ein von einem öffentlichen Träger angebotenes Standardprodukt umgesetzt werden kann." Pünktlicher Start zum 1. Januar 2027 fraglich Angesichts der wenigen Monate, die bis zum Start der neuen Altersvorsorge zum 1. Januar 2027 noch bleiben, täte das Finanzministerium allerdings gut daran, bald eine Entscheidung zu fällen. Denn mit jedem Tag, der vergeht, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass das öffentlich verwaltete Standarddepot rechtzeitig zum Jahreswechsel zur Verfügung steht. Die Umsetzung ist technisch komplex. Selbst viele private Anbieter, die sich seit Monaten auf die neue Produktwelt vorbereiten, kommen nicht so zügig voran, wie gedacht. "Kein Institut möchte riskieren, beim Start des Altersvorsorgedepots ins Hintertreffen zu geraten oder Kunden an Wettbewerber zu verlieren", sagt Sven Loeckel, Head of Enterprise Solutions beim Berliner Fintech Upvest, das Banken und Neobroker mit der nötigen Infrastruktur versorgt. "Gleichzeitig beobachten wir, dass viele Anbieter die Komplexität der Umsetzung unterschätzt haben." Herausfordernd sei etwa die Anbindung an Behörden wie die Zentrale Zulagenstelle für Altersvermögen, aber auch die steuerlichen Vorgaben machten Arbeit. "In Deutschland verfügen bislang nur sehr wenige Banken, Broker oder andere Finanzhäuser über Systeme, die die beim neuen Altersvorsorgedepot vorgesehenen getrennten Steuertöpfe technisch sauber abbilden können", erklärt Loeckel. Wer jetzt noch nicht mit der Umsetzung begonnen hat, so hört man aus dem Gespräch heraus, für den wird es eng. Das gilt auch für institutionelle Schwergewichte wie die Bundesbank oder den Kenfo, die zwar Vermögen verwalten können; doch für ein Altersvorsorgedepot braucht es mehr. Individuelle Kontenführung zum Beispiel. Der Kenfo stünde bereit Fragt man bei den möglichen Kandidaten nach, ob sie sich vorstellen können, das staatliche Standarddepot anzubieten, sind die Reaktionen verhalten. Die Bundesbank ließ lediglich wissen, dass sie sich zu laufenden Verfahren nicht äußere. Die Deutsche Rentenversicherung sprach von "vielen ungeklärten Fragen". Kenfo-Sprecherin Ulrike Pott sagte t-online: "Der Kenfo verfügt über eine langjährige und erfolgreiche Erfahrung in der Kapitalanlage. Diese Kompetenz könnte der Staat bei der Umsetzung des staatlichen Altersvorsorgedepots selbstverständlich nutzen." Aber hat das Finanzministerium auch angeklopft? Dazu hält sich Pott bedeckt: "Zunächst müsste noch eine Verordnung dazu geschrieben werden." Einzig die KfW teilt frei heraus mit, sie sei bisher nicht gefragt worden. Egal, wer am Ende den Zuschlag erhält: Innerhalb kurzer Zeit Millionen Endkunden digital zu betreuen, wäre für alle eine Herausforderung. Der Kenfo beispielsweise verwaltet als institutioneller Anleger bisher keine individuellen Depots für die breite Öffentlichkeit. Diese Infrastruktur müsste also erst aufgebaut werden. Vorstellbar wäre laut Pott eine Kooperation mit einem privaten Dienstleister, aber: "Eine solche Lösung müsste in jedem Fall europaweit ausgeschrieben werden." Auch das kostet wieder Zeit. Für Upvest-Experte Loeckel ist daher klar: "Aus meiner Sicht wird es für einen staatlichen Anbieter sehr ambitioniert, bereits zum 1. Januar 2027 ein vollständig digitales Angebot inklusive Online-Antrag und Identifizierung bereitzustellen." "Potenzial als Anker" in Gefahr Einer, den das nicht freuen dürfte, ist Niels Nauhauser. Der Altersvorsorgeexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg hatte schon kurz nach Verabschiedung der Riester-Reform im Bundestag bezweifelt, ob das staatlich organisierte Produkt überhaupt zum Jahresanfang 2027 verfügbar sein wird. Die Folge: "Ein Großteil des Marktes könnte dank der fertigen Marketingstrategien der Anbieterseite bereits verteilt sein, bevor das Standardprodukt gestartet ist und sein Potenzial als Anker entfalten konnte", sagte Nauhauser im Interview mit t-online . Diese Analyse teilt auch der Grünen-Bundestagsabgeordnete Stefan Schmidt, der in den Beratungen im Finanzausschuss immer wieder auf ein staatlich verwaltetes Standarddepot gedrungen hatte. Dass die Bundesregierung nun einen klaren Zeitplan für dessen Umsetzung vermissen lässt, ärgert ihn. "Ich erwarte, dass mit Hochdruck an der Rechtsverordnung gearbeitet und das öffentliche Standardprodukt zügig auf den Weg gebracht wird", sagte Schmidt t-online. "Das Ministerium muss endlich in die Puschen kommen, damit Verbraucherinnen und Verbraucher ab 2027 eine echte Wahl haben." Bald beginnt die große Werbeschlacht Die Anfrage erreichte den Grünen-Politiker passenderweise während einer Reise nach Schweden und Norwegen , wo sich der Finanzausschuss des Bundestags in dieser Woche angeschaut hat, wie gut dort die öffentlich verwalteten Fonds für die Altersvorsorge funktionieren. Ein entscheidender Unterschied zum Plan der Bundesregierung ist die Verbindlichkeit, mit der die Skandinavier die zusätzliche Vorsorge angehen. Schweden zum Beispiel lässt alle sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, die sich nicht aktiv für einen der qualitätsgeprüften privaten Fonds entscheiden, standardmäßig in den AP7-Fonds einzahlen. Und das tun tatsächlich die meisten. Sechs der elf Millionen Bürger in Schweden stecken ihr Geld derzeit in den günstigen staatlichen Standardfonds. Entsprechend glücklich dürfte die Finanzbranche in Deutschland sein, dass eine solche Pflicht zur privaten Altersvorsorge mit Opt-out-Lösung nicht gekommen ist. Die privaten Finanzunternehmen werden in den kommenden Monaten mit allen Werbemitteln um Kunden buhlen. Und das gelingt zumindest etwas leichter, wenn der potenziell größte Konkurrent wegen Verzögerungen im Betriebsablauf der Bundesregierung vorläufig ausfällt.

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