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Aktienrente: Warum der Staat jetzt Milliarden an der Börse investieren will

Was wäre, wenn ein Teil Ihrer Rentenbeiträge künftig in Aktien investiert würde? Andere Länder verdienen damit seit Jahren Milliarden – in Deutschland überwiegt bislang die Skepsis. Das könnte sich nun ändern. Die Rentenkommission empfiehlt, die gesetzliche Rente um kapitalgedeckte Elemente zu ergänzen. Konkret geht es um eine staatliche Kapitalrente nach schwedischem Vorbild. Deren Erträge sollen langfristig dazu beitragen, das Rentenniveau vor allem für jüngere Generationen zu stabilisieren. Doch was bedeutet das konkret? Wie viel Geld müsste der Staat investieren, damit ein solcher Fonds Wirkung entfalten kann? Warum sind Länder wie Schweden und Norwegen damit seit Jahren erfolgreich? Und welche Risiken entstehen, wenn ein Teil der Rentengelder an den Kapitalmärkten angelegt wird? Bedenken seien durchaus berechtigt, sagt Finanzexperte Christian Röhl. Entscheidend sei am Ende jedoch das Ergebnis. Genau darin könnte das stärkste Argument für eine kapitalgedeckte Rente liegen. Kapitalgedeckte Rente: Warum jetzt ein Umdenken nötig ist Die Rentenkommission will die umlagefinanzierte Rente nicht ersetzen, sondern um einen kapitalgedeckten Baustein ergänzen. Christian Röhl, Chief Economist von Scalable Capital, spricht von einem Paradigmenwechsel – vor allem aber von einem überfälligen Schritt. "Wir können es uns schlichtweg nicht leisten, bei der Zukunftssicherung auf die wohlstandsbildende Kraft der Kapitalmärkte zu verzichten", erklärt er. Der Aufbau einer Kapitalrente erfordert allerdings vor allem eines: Zeit und sehr viel Geld. Nach Einschätzung der Kommission sollte der Kapitalstock idealerweise über ein Jahrzehnt wachsen. Gleichzeitig muss das heutige Rentenniveau gesichert bleiben. Dafür schlägt die Kommission einen Übergangsfaktor vor, der den Wechsel zwischen dem bisherigen Rentensystem und einer späteren kapitalgedeckten Zusatzrente finanziell absichern soll. Merz und Bas: Rentenvorschläge komplett und zügig umsetzen Bundeskanzler Merz sprach bei der Vorstellung der 33 Empfehlungen von "mindestens 30 Milliarden Euro", die jährlich zusätzlich investiert werden könnten. Das entspräche etwa zwei zusätzlichen Prozentpunkten bei den Rentenbeiträgen. Nach den Vorschlägen der Kommission sollen Arbeitnehmer und Arbeitgeber diese Anschubfinanzierung jeweils zur Hälfte tragen. Vom Generationenkapital zur Aktienrente Ein ähnliches Konzept hatte bereits die Ampelregierung 2023 mit dem sogenannten Generationenkapital entwickelt. Damals waren zunächst zehn Milliarden Euro vorgesehen. Die Einzahlungen sollten anschließend jährlich um drei Prozent steigen und aus Bundesmitteln finanziert werden, nicht aus den Rentenbeiträgen. Die nun diskutierten 30 Milliarden Euro wirken im Vergleich deutlich ambitionierter. Im internationalen Maßstab zeigt sich jedoch schnell: Selbst diese Summe wäre lediglich der Einstieg. Verglichen mit den Staatsfonds in Norwegen oder Schweden stünde Deutschland erst am Anfang eines langfristigen Vermögensaufbaus. Norwegen und Schweden: So funktioniert das Vorbild Der norwegische Staatsfonds (Government Pension Fund Global) verwaltet derzeit ein Rekordvermögen von rund 1,8 bis 1,9 Billionen Euro und ist damit der größte Staatsfonds der Welt. Würde Deutschland jedes Jahr 30 Milliarden Euro in einen staatlichen Rentenfonds einzahlen, würde es rund 63 Jahre dauern, bis ein vergleichbares Vermögen erreicht wäre. Für Christian Röhl sind die skandinavischen Länder das Vorbild. Der norwegische Staatsfonds, der selbst keine Renten auszahlt, investiert weltweit breit gestreut. Rund 70 Prozent des Vermögens stecken in Aktien von mehr als 7.000 Unternehmen. Etwa 25 Prozent entfallen auf Anleihen und rund zwei Prozent auf Immobilien. Schweden verfolgt einen anderen Ansatz. Dort verteilt sich das Kapital auf mehrere staatliche AP-Fonds (Allmänna Pensionsfonderna), die zusammen rund 410 Milliarden Euro verwalten. In die vollständig kapitalgedeckte Säule fließen 2,5 Prozent des Bruttolohns aller Beschäftigten. Wer keinen privaten Fonds auswählt, landet automatisch im staatlichen Standardfonds AP7. Dass Norwegen deutlich mehr Vermögen aufgebaut hat als Schweden, liegt vor allem an der Finanzierung: Während Schweden den Fonds aus laufenden Lohnbeiträgen speist, investiert Norwegen einen Teil seiner Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft. Für Deutschland empfiehlt Röhl ein ähnliches Modell wie in Schweden. In der Ansparphase sollte die Aktienquote möglichst hoch sein, "um die Rendite zu optimieren". Erst in der Entnahmephase sollte der Anteil von Anleihen schrittweise steigen, um die Erträge zu stabilisieren. Deshalb brauche es seiner Ansicht nach zwei unterschiedliche Fonds. Nicht nur Skandinavien setzt auf Staatsfonds Auch andere Länder stützen ihre Altersvorsorge mit großen Staatsfonds. Kanada gilt neben Schweden als eines der wichtigsten Vorbilder. Das Canada Pension Plan Investment Board (CPPIB) verwaltet mehr als 400 Milliarden Euro für die gesetzliche Rente. Japan verfügt mit dem Government Pension Investment Fund (GPIF) über den größten öffentlichen Pensionsfonds der Welt. Er dient als finanzieller Puffer für die alternde Gesellschaft und verwaltet rund 1,4 bis 1,5 Billionen Euro. Auch Australien setzt mit dem Australian Government Future Fund auf einen staatlichen Kapitalfonds. In Neuseeland sichert der New Zealand Superannuation Fund einen Teil der staatlichen Altersversorgung. 300 Milliarden Euro wären wohl erst der Anfang Die Rentenkommission empfiehlt Investitionen an den internationalen Kapitalmärkten, weil immer weniger Beitragszahler für immer mehr Rentner aufkommen müssen. Eine kapitalgedeckte Säule soll deshalb zusätzliche Erträge erwirtschaften, die später das Rentensystem stützen und sowohl Beiträge als auch Rentenniveau stabilisieren. Entscheidend dafür sind langfristig stabile Renditen. Wie erfolgreich dieses Modell sein kann, zeigen erneut die skandinavischen Beispiele: Der norwegische Staatsfonds erzielte von 1998 bis Ende 2025 eine durchschnittliche jährliche Rendite von 6,64 Prozent. Der schwedische Standardfonds AP7 kam seit seiner Auflegung im Jahr 2000 bis Ende 2025 sogar auf durchschnittlich 8,4 Prozent pro Jahr. Langfristig investieren, statt den perfekten Zeitpunkt zu suchen Für Christian Röhl ist die breite Streuung des Vermögens der wichtigste Erfolgsfaktor. "Wesentlicher Treiber für nachhaltige Renditen an den Kapitalmärkten ist die breite, systematische Streuung des Vermögens – die sogenannte Asset Allocation ", erklärt er. Zahlreiche wissenschaftliche Studien stützten diese Einschätzung. Auch eine deutsche Kapitalrente sollte deshalb nicht versuchen, den besten Einstiegszeitpunkt abzupassen. Stattdessen sollten die Beiträge – ähnlich wie beim schwedischen AP7 – kontinuierlich investiert werden. Da die Einzahlungen ebenfalls regelmäßig erfolgen, würden Kursschwankungen automatisch geglättet, so Röhl. Anlagehorizont: Warum die Weltwirtschaft Aktienkurse langfristig antreibt Schwankungen und Börsencrashs: Was jetzt zählt – und was Sie vermeiden sollten Dass eine hohe Aktienquote zwischenzeitlich starke Verluste verursachen kann, zeigt der norwegische Staatsfonds. Mit rund 71 Prozent Aktienanteil musste er in Krisenzeiten erhebliche Buchverluste hinnehmen. Die Fondsmanager der Norges Bank Investment Management (NBIM) halten kurzfristige Rückschläge dennoch für unerheblich. Da das Kapital langfristig angelegt ist, werden Krisen ausgesessen. Fallende Kurse gelten sogar als Chance, weltweit Aktien günstiger nachzukaufen. Wie sich politische Einflussnahme verhindern lässt Viele Kritiker befürchten, dass der Staat bei der Geldanlage Fehler macht oder politische Interessen über wirtschaftliche Vernunft stellt. Diese Sorge teilt Röhl nicht. "Der norwegische Staatsfonds, der schwedische AP7 und auch der deutsche Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung, kurz: Kenfo, widerlegen diese Bedenken und beweisen: Staatliche orchestrierte Vermögensverwaltung kann professionell, erfolgreich und frei von politischen Einflüsterungen sein." Voraussetzung sei allerdings ein klarer Rechtsrahmen, der die Unabhängigkeit des Fondsmanagements sichere – sowie Führungspersönlichkeiten, die diese Unabhängigkeit auch tatsächlich leben. Als zusätzliche Kontrolle sieht Röhl den Wettbewerb. Deshalb sollte ein staatlicher Standardfonds – wie in Schweden – mit einem Opt-out-Modell kombiniert werden. Bürgerinnen und Bürger könnten dann auch zertifizierte private Alternativen wählen. Was passiert, wenn die Börsen längere Zeit schwächeln? Kritiker könnten eine Aktienrente schnell für gescheitert erklären, wenn die Börsen über Jahre hinweg schwächeln. Röhl hält dagegen: "Vermögensaufbau – und die Aktienrente ist ja im Kern genau das – ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Und da heißt es: Durchhalten, weiterlaufen, Durststrecken überwinden. Also weiter kontinuierlich investieren." Dass ein langer Atem entscheidend ist, zeige auch Schweden. Dort startete die Aktienrente Ende der 1990er-Jahre – unmittelbar vor dem Platzen der Dotcom-Blase. Es folgten der Börsenabschwung Anfang der 2000er-Jahre und später die Finanzkrise 2008/09. Gerade in dieser schwierigen Phase konnte der Kapitalstock durch regelmäßige Investitionen zu günstigen Kursen wachsen. Als die Märkte später wieder anzogen, profitierten die Sparer umso stärker. Dass Schweden trotz dieser Rückschläge an seinem Modell festhielt, führt Röhl auch auf die dort stärker ausgeprägte Investmentkultur zurück. In Deutschland gebe es dagegen Nachholbedarf. Deshalb sollte die Einführung einer Aktienrente von mehr Finanzbildung begleitet werden. Nur so wachse das Verständnis dafür, dass Kapitalmärkte "kein Casino sind – sondern die Plattform, über die Bürgerinnen und Bürger an wirtschaftlicher Wertschöpfung und Wachstum teilhaben können."

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