Joachim Gauck fordert "mehr argumentativen Eifer" gegen die AfD – und hält Kooperationen von CDU und Linke für denkbar, um die Rechtspartei zu verhindern. Als "schöne Tradition" bezeichnete Markus Lanz zu Beginn sein alljährliches Sommergespräch mit dem Altbundespräsidenten (2012–2017) – und konfrontierte ihn gleich mit einer Aussage, die er vor drei Jahren über die AfD getätigt hatte: "Die werden niemals an die Macht kommen." Mit Blick auf die Landtagswahl Anfang September in Sachsen-Anhalt, bei der Umfragen die Rechtspopulisten derzeit vorne sehen , räumte Joachim Gauck nun ein: "Das war eine Portion Optimismus zu viel." Mit Blick auf den Bund blieb das ehemalige Staatsoberhaupt aber bei seiner Prognose. Der Gast Joachim Gauck , Altbundespräsident Nachdem der 86-Jährige einmal mehr den deutschen Hang zum "Versitzen" beklagt hatte, also das Verharren in Untätigkeit, spielte der Moderator Auszüge aus der berühmten "Ruck-Rede" seines Amtsvorgängers Roman Herzog von 1997 ein. "Richtig, ein Wort zum Tage", kommentierte Gauck den rund 30 Jahre alten Appell für Veränderungsbereitschaft und Eigenverantwortung. Bis heute sei die deutsche Gesellschaft "vertraut mit dem Gefühl, im Sicheren zu verbleiben" – nur zu verwalten und zu bewahren, eröffne aber keine Zukunftschancen. Wahl in Sachsen-Anhalt: Diese Punkte könnte die AfD sofort umsetzen "Vor allem Gegenwind": Kritik an der SPD-Parteiführung Ob die aktuellen Reformbemühungen der schwarz-roten Bundesregierung "zu halbherzig" seien, wollte Lanz als Nächstes wissen. Aber Gauck äußerte sich sogar verhalten lobend: "Ich sehe endlich ein bisschen Bewegung", so der studierte Theologe. Auch den Kanzler verteidigte er. Er müsse Friedrich Merz ein "bisschen in Schutz nehmen", erklärte Gauck, der Regierungschef sei ja schon "runtergeschrieben" worden, bevor er überhaupt angefangen habe. "Wir müssen nicht von diesem Mann befürchten, dass er uns in die Irre führt", zeigte sich Gauck überzeugt, insofern sei es auch nicht nötig, "jeden misslungenen Halbsatz zum Fanal des Unvermögens zu erheben". Gauck: AfD-Wähler sind auf dem Irrweg Mit wem er Irrwege stattdessen assoziiert, machte der Altbundespräsident gleich mehrfach deutlich: eben mit der AfD. "Ich verurteile AfD-Wähler nicht als Faschisten, sage aber, dass sie auf einem Irrweg sind", so Gauck. Zugleich zeigte er angesichts von Globalisierung und zunehmender Entgrenzung Verständnis für eine "Sehnsucht nach Beheimatung", für die "Sorge vor Identitätsverlust". In diesem Zusammenhang seien die Sorgen der Menschen vor den Folgen der Migration nicht ernst genug genommen worden. Auf dieser Klaviatur spielten die Nationalpopulisten, die es im Übrigen ja auch in anderen Ländern gebe, etwa in skandinavischen Ländern. Gauck nannte es "eine ungute Suppe, die sie sich da zusammengerührt haben", und forderte "mehr argumentativen Eifer" bei ihrer Bekämpfung. So habe sich etwa bei Alice Weidels Unterstützung für den inzwischen abgewählten ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán gezeigt, wie sehr die AfD-Vorsitzende von "autoritärer Führung" träume. Hinzu komme noch die "Willfährigkeit gegenüber Kriegstreibern" wie dem russischen Machthaber Wladimir Putin . Bei der Frage, wie eine Regierungsbeteiligung der AfD verhindert werden könnte, gab sich Gauck offen für unkonventionelle Allianzen: "Ich bin unverdächtig, ein Anhänger der Linken zu sein", schickte der frühere Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR voraus. Es könne aber sein, "dass die Union in irgendeiner Form mit ihnen kooperieren muss, um die AfD zu verhindern". Manchmal gehe es in der Politik auch "um die Gestaltung des weniger Schlechten". Gauck: Steinmeier-Nachfolger "muss Menschen mögen" Als Markus Lanz kritisch auf die viel diskutierte "Brandmauer" zu sprechen kam ("dahinter ist die AfD prächtig gediehen"), wollte Gauck zunächst nur das Bild korrigieren: "Das Bild einer befestigten Grenze ist das richtige." Dann räumte er aber ein, dass es "heikel" sei, der Rechtspartei etwa den ihr zustehenden Vizepräsidenten-Posten im Bundestag zu versagen. Auch bei Beschlüssen, die von anderen Parteien nur deshalb nicht gefasst würden, weil die AfD ebenfalls dafür sei, bekundete er ein "Störgefühl". Keinen wirklichen Erfolg hatte Markus Lanz mit dem abschließenden Versuch, seinem Gast noch eine Empfehlung für die 2027 zu regelnde Nachfolge des aktuellen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier zu entlocken. "Es muss ein Mensch sein, der politik- und lebenserfahren ist, der sich nicht vor der Zukunft fürchtet und die Menschen mag", blieb Gauck in dieser Frage allgemein.