Gigantische Investitionen treiben den KI-Hype auf immer neue Rekordhöhen. Doch die entscheidende Frage lautet nicht mehr, wie viel Geld investiert wird, sondern was danach kommt. Eine wichtige Meldung ging in den Medien fast komplett unter, obwohl sie zeigt, dass die Stimmung allmählich kippt. Taiwans Notenbankchef Yang Chin-long warnte bei einer Parlamentsanhörung offen vor einer KI-Blase: Zwar treibe echtes Wachstum den Boom an, doch die Gefahr einer gefährlichen Überhitzung durch zu viele Schulden bereite ihm große Sorgen. Ausgerechnet Taiwan schlägt Alarm – das Land, das durch den Chiphersteller TSMC wie kein zweites vom KI-Hype profitiert. Bisher feiern die Börsen Halbleiter-Riesen wie Nvidia, Micron oder Seagate, weil die großen US-Tech-Konzerne Unsummen in Künstliche Intelligenz stecken. Noch sieht auch der Ökonom Eric Winograd in der KI einen realen Wachstumstreiber und nicht nur ein Börsenmärchen. Doch was passiert, wenn die Infrastruktur erst einmal fertig gebaut ist und die Geldströme nachlassen? Dann muss die KI beweisen, dass sie für Unternehmen und Menschen im Alltag einen dauerhaften wirtschaftlichen Nutzen bringt. Doch reicht das aus, um die hohen Erwartungen der Börse zu erfüllen? Wenn der Investitionsboom seinen Höhepunkt erreicht In der Wirtschaftsgeschichte gab es schon oft gigantische Investitionswellen, etwa beim Aufbau der Eisenbahn, der Telekommunikationsnetze oder bei den erneuerbaren Energien. Das Muster ist fast immer gleich: Nachdem Milliarden in die Infrastruktur geflossen waren, verloren viele Anleger erst einmal Geld, weil die schnellen Umsätze ausblieben. Erst viel später verdienten einige wenige Unternehmen prächtig. Ganz ähnlich könnte es jetzt beim Aufbau der KI-Infrastruktur laufen. Die Tech-Riesen wie Google, Meta und Microsoft haben ihre Ausgaben von 100 Milliarden Dollar im Jahr 2021 auf geschätzte 768 Milliarden Dollar im Jahr 2026 hochgeschraubt. Bis 2030 könnten diese Investitionen sogar auf fast 1,6 Billionen Dollar steigen. Laut dem Experten Eric Winograd hat dieser Boom die US-Wirtschaft bereits spürbar angeschoben. Die massiven Ausgaben für Rechenzentren, Hardware und Software treiben nicht nur die Bilanzen der Tech-Konzerne an, sondern haben auch die Hoffnung auf ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum in den USA befeuert. Doch für Anleger wird eine Frage immer dringlicher: Was passiert, wenn dieser gewaltige Investitionsschub erst einmal seinen Höhepunkt überschritten hat? Das Wachstum verliert an Tempo Noch treiben Winograd zufolge die KI-Investitionen das Wirtschaftswachstum an. Damit das so bleibt, muss den teuren Rechenzentren nun ein echter Produktivitätsschub in der Praxis folgen. Ob und wie stark KI diesen Nutzen liefern kann, ist bisher allerdings völlig offen. Gleichzeitig gibt es immer mehr Anzeichen dafür, dass das Wachstum dieser Investitionen seinen Höhepunkt schon hinter sich hat. Für die Wirtschaft zähle nämlich nicht nur die reine Summe des Geldes, sondern wie stark die Ausgaben von Jahr zu Jahr steigen, argumentiert Winograd. Nach einem Rekordplus von rund 85 Prozent im Jahr 2024 flache dieses Wachstum nun schrittweise ab. Damit schrumpfe auch der direkte Anschub für das Bruttoinlandsprodukt. Dazu kommen ganz praktische Probleme beim Bau neuer Rechenzentren: Es fehlt an Grundstücken, Strom, Fachkräften und Wasser zur Kühlung. Weil gleichzeitig die Preise für Spezialchips und Speicher rasant steigen, fressen die Kosten die Gewinne auf. Das könnte den gesamten KI-Boom ins Wanken bringen. Der "Minsky-Moment" als möglicher Wendepunkt Bislang konnten die großen Technologieunternehmen ihre KI-Investitionen überwiegend aus eigenen Cashflows finanzieren, ohne Schulden zu machen. Angesichts der Größenordnung des weiteren Ausbaus dürfte das laut Winograd jedoch nicht dauerhaft ausreichen. "Spätestens ab 2027 könnten viele Unternehmen stärker auf Fremd- und Eigenkapitalmärkte angewiesen sein", sagt Winograd. Fondsmanager, Analysten und Investoren sehen das kritisch. Sollte die Verschuldung entlang der gesamten KI-Wertschöpfungskette als zu groß wahrgenommen werden, könnte sich die Dynamik abrupt ändern. Dies könnte sich in einem heftigen Umschwung an den Finanzmärkten zeigen; Panikverkäufe sowie ein Einbruch der Tech-Aktien wären denkbar. Ökonomen nennen so etwas den "Minsky-Moment", benannt nach dem amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Hyman P. Minsky (1919–1996). Das ist der Punkt, an dem übertriebene Euphorie und Schuldenberge plötzlich in Angst umschlagen und das Kartenhaus kollabiert. Produktivität muss die Lücke schließen Nach Ansicht des Ökonomen Eric Winograd müssten andere Wirtschaftszweige die Wachstumslücke nach einem Nachlassen der KI-Investitionen zumindest ausgleichen, da sonst die Gefahr eines Abschwungs der gesamten Wirtschaft besteht. Ob ihnen das gelingt, ist allerdings offen. Zwar habe sich die Produktivität in den USA in den vergangenen Jahren verbessert. Studien der Federal Reserve Bank of San Francisco deuten jedoch darauf hin, dass diese Zuwächse bislang eher arbeitsmarktbezogen sind und sich noch nicht in der gesamten Breite der Wirtschaft verankert haben. "Von den großen technologiegetriebenen Produktivitätsgewinnen der 1990er-Jahre ist die aktuelle Entwicklung noch entfernt", so Winograd. Jetzt muss KI ihren wirtschaftlichen Nutzen beweisen Für Anleger hat das Thema zwei Seiten. Kurzfristig treibt der KI-Boom die Börsen weiter an. Weil Tech-Riesen und Zulieferer gigantische Summen ausgeben, stimmen die Umsätze, und die Stimmung am Markt bleibt gut. Gleichzeitig müssen Investoren jetzt genau hinschauen. Nicht jedes Unternehmen, das auf der KI-Welle reitet, hat auch eine Zukunft. Sobald die großen Investitionen nachlassen, geraten vor allem kleinere, spekulative Aktien unter Druck. Die entscheidende Frage lautet: Welche Firmen können die teure KI-Infrastruktur am Ende in Kundennachfrage und nachhaltige Gewinne verwandeln? Der Markt will bald keine Versprechen mehr hören. Er will sehen, ob KI-Ausgaben bereits echten Nutzen bringen oder ob hier nur Rechenzentren auf Vorrat gebaut werden. Chancen heute, Risiken morgen Die unbequeme Wahrheit lautet: Niemand am Markt weiß bisher, ob sich die gigantischen KI-Investitionen jemals auszahlen werden. Genau deshalb entscheidet mittlerweile nicht mehr nur die beste Technologie über den Erfolg, sondern schlicht das nötige Kapital. Noch schiebt der KI-Boom die US-Wirtschaft kräftig an – und die Börsen profitieren davon. Zwar werden die Ausgaben auch in den nächsten Jahren hoch bleiben, doch der reine Wachstumseffekt durch immer neue Rekordinvestitionen flacht ab. Für Anleger bedeutet das: Wer den KI-Trend grundsätzlich abschreibt, dürfte ebenso falsch liegen wie diejenigen, die ihm blind hinterherlaufen. Kurzfristig könnten die milliardenschweren Investitionen die Börsen auf neue Höchststände treiben. Langfristig ist für das Depot jedoch nicht entscheidend, wie viele Milliarden in die Technik gesteckt werden. Am Ende zählt allein der Beweis, dass KI im Alltag dauerhaft Gewinne, Produktivität und einen echten Mehrwert generiert.