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Türkei baut Mekka-Bündnis: Erdoğan riskiert den Ernstfall

Die Türkei schmiedet mit Saudi-Arabien und Pakistan ein weitreichendes Militärbündnis. Erdoğan könnte damit sogar Washington entlasten – doch sein Plan hat eine gefährliche Schwachstelle. Der Ort war mit Bedacht gewählt. In Mekka , der heiligsten Stadt des Islam, kamen am Freitag Recep Tayyip Erdoğan, Mohammed bin Salman und Shehbaz Sharif zusammen. Der türkische Präsident, der saudische Kronprinz und Pakistans Premierminister unterzeichneten zunächst einen Verteidigungspakt, danach beteten sie gemeinsam in der Großen Moschee. Die Botschaft dieser Fernsehbilder war kaum zu übersehen: Hier rücken drei sunnitisch geprägte Regionalmächte zusammen. Doch die politische Sprengkraft steckt nicht in der Inszenierung in Mekka, sondern in wenigen Sätzen des Abkommens. Ein bewaffneter Angriff auf eines der drei Länder soll künftig als Angriff auf alle gelten. Der türkische Außenminister Hakan Fidan verglich die Regelung "technisch gesehen" mit Artikel 5 des Nato-Vertrags. Zudem planen die Gründerstaaten einen Ministerausschuss nach Nato-Vorbild und ein Generalsekretariat mit Sitz in Saudi-Arabien . Und der türkische Präsident Erdoğan will offenbar noch mehr. Ägypten gilt bereits als möglicher Beitrittskandidat. Fidan erklärte, man solle sich bei der Vision des türkischen Präsidenten nicht auf drei Staaten beschränken. Das Bündnis zwischen Ankara , Riad und Islamabad könnte also zum Kern einer größeren regionalen Sicherheitsarchitektur werden. Erdoğan baut damit an einer sunnitisch geprägten Alternative zur bisherigen Sicherheitsordnung im Nahen Osten. Nicht an einem Ersatz für die türkische Nato-Mitgliedschaft, sondern an einer zweiten Struktur neben dem westlichen Bündnis. Die Türkei kann so ihre Position als Ordnungsmacht stärken und zugleich dazu beitragen, die USA sicherheitspolitisch zu entlasten. Darin liegt Erdoğans Chance – aber auch sein Risiko. Denn der türkische Präsident versucht einen schwierigen Spagat: Die Türkei soll für Washington unverzichtbar und gleichzeitig von Washington unabhängiger werden. Mekka-Pakt am Golf: Dreifaches Misstrauensvotum gegen Trump Eskalation am Schwarzen Meer : Es gerät außer Kontrolle Die Lehre aus dem Iran-Krieg Dass dieser Plan ausgerechnet jetzt Gestalt annimmt, ist kein Zufall. Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran hat die Sicherheitsordnung im Nahen Osten erschüttert. Saudi-Arabien bekam die Folgen unmittelbar zu spüren. Der Iran und mit ihm verbündete Gruppen griffen Ziele im Königreich an. Die Huthi im Jemen attackierten saudische Infrastruktur und Schiffe. Gleichzeitig gerieten wichtige Handelswege im Roten Meer und in der Straße von Hormus unter Druck. In Riad wächst deshalb der Druck, sich nicht länger allein auf amerikanischen Schutz zu verlassen. Diese Sorge reicht aber über Saudi-Arabien hinaus. Die Kriege und Krisen der vergangenen Monate haben in der Region Zweifel daran verstärkt, ob amerikanische Sicherheitsgarantien allein noch ausreichen. Der Mekka-Pakt ist eine Antwort auf diese Unsicherheit. Antiamerikanisch ist er deshalb nicht. Saudi-Arabien arbeitet weiterhin eng mit Washington zusammen, die Türkei bleibt Nato-Mitglied und auch Pakistan erhält seine Verbindungen zu den Vereinigten Staaten aufrecht. Aber die drei Staaten schaffen zusätzliche Möglichkeiten, ihre Sicherheit selbst zu organisieren. Für Washington ist das zunächst keineswegs schlecht. Die USA verlangen von ihren Partnern seit Langem, mehr Verantwortung für die eigene Sicherheit zu übernehmen. Der Mekka-Pakt könnte genau das leisten: Regionale Mächte organisieren Abschreckung, schützen Verkehrswege und bauen eigene militärische Fähigkeiten aus. Erdoğan liefert Washington also Lastenteilung – allerdings zu seinen Bedingungen. Drei Staaten, drei unterschiedliche Stärken Die Mekka-Staaten bringen Fähigkeiten zusammen, die sich ungewöhnlich gut ergänzen. Saudi-Arabien hat enorme finanzielle Möglichkeiten und regionalen Einfluss, bleibt militärisch aber verwundbar. Pakistan verfügt über starke Streitkräfte und besitzt als einziger muslimischer Staat Atomwaffen. Die Türkei wiederum bringt eine große Armee, militärische Einsatzerfahrung und eine schnell wachsende Rüstungsindustrie ein. Die Formel könnte also lauten: Riad kann finanzieren, Islamabad abschrecken, Ankara aufrüsten. Gerade für die Türkei eröffnet das auch wirtschaftliche Chancen. Nach den vorliegenden Berichten geht es unter anderem um Technologietransfer, Geheimdienstkooperation, Luftverteidigung und gemeinsame Rüstungsprojekte. Saudisches Geld könnte in die türkische Verteidigungsindustrie fließen. Gleichzeitig entstehen neue Absatzmärkte. Für Erdoğan geht es aber um mehr als Geschäfte. Militärische Zusammenarbeit schafft Einfluss – und kann Abhängigkeiten erzeugen. Wer Waffen liefert, Technik bereitstellt und Streitkräfte miteinander vernetzt, gewinnt politisches Gewicht. Ankara hat seine militärischen Fähigkeiten bereits in Syrien , Libyen und im Kaukasus genutzt, um seinen regionalen Einfluss auszubauen. Der Mekka-Pakt könnte diesen Radius erheblich erweitern. Washington könnte an Einfluss verlieren Sollte Ägypten tatsächlich beitreten, käme eine weitere bedeutende arabische Militärmacht hinzu. Das Bündnis würde dann Staaten vom östlichen Mittelmeer über das Rote Meer und den Persischen Golf bis nach Südasien verbinden. Genau darin steckt für die USA ein Dilemma. Solange regionale Partner mehr Sicherheitsaufgaben übernehmen, können die Vereinigten Staaten profitieren. Je stärker sich ihre Zusammenarbeit jedoch institutionalisiert, desto mehr entsteht eine Struktur, deren Entscheidungen nicht in Washington getroffen werden. Das ist die paradoxe Logik des Mekka-Pakts: Er könnte die USA militärisch entlasten und zugleich ihren politischen Einfluss reduzieren. Für Erdoğan eröffnet sich damit ein großer Handlungsspielraum. Ankara bliebe fest in der Nato verankert, könnte aber zugleich zum zentralen Akteur einer regionalen Sicherheitsarchitektur werden, die eigene Entscheidungen trifft. Doch dieses Modell funktioniert nur, solange für die Türkei beide Sicherheitsstrukturen – der Mekka-Pakt und das Nato-Bündnis – miteinander vereinbar bleiben. Erdoğans Bündnis hat einen Konstruktionsfehler Der Vergleich mit der Nato hat dabei eine entscheidende Schwäche. Die drei Mitglieder des Mekka-Pakts teilen eine Beistandsklausel, aber bislang keine einheitliche Bedrohungswahrnehmung. Pakistan muss mit den Konflikten mit Indien und Afghanistan umgehen. Saudi-Arabien sieht sich mit Iran, den Huthi im Jemen und iranisch unterstützten Gruppen konfrontiert. Die Türkei wiederum verfolgt eigene Sicherheitsinteressen in Syrien und im östlichen Mittelmeer. Hinzu kommt ihr zunehmend konfrontatives Verhältnis zu Israel . Was macht Ankara also, wenn Pakistan etwa erneut militärisch mit Indien aneinandergerät? Würde die Türkei wegen ihrer neuen Beistandszusage tatsächlich in einen Konflikt zwischen zwei Atommächten hineingezogen? Darauf gibt das Bündnis bislang keine klare Antwort. Zwar gilt ein bewaffneter Angriff auf einen Partner als Angriff auf alle. Über die konkrete Form der Unterstützung soll jedoch im Ernstfall beraten werden. Diese Unschärfe kann abschrecken: Ein möglicher Gegner weiß nicht genau, welche Reaktion ihn erwartet. Sie ist aber zugleich die Achillesferse des Bündnisses. Denn eines liegt auf der Hand: Gemeinsame Abschreckung funktioniert auf Dauer nur, wenn die Verbündeten sich darüber einig sind, was und wie sie gemeinsam abschrecken wollen. Und diese Einigkeit fehlt bislang. Erdoğan könnte fremde Konflikte importieren Für die Türkei entsteht daraus ein erhebliches Risiko. Ankara ist schon heute in zahlreichen Regionen sicherheitspolitisch engagiert: im Schwarzen Meer, im Kaukasus, in Syrien, im Irak und im östlichen Mittelmeer. Mit dem Mekka-Pakt rückt nun der gesamte Nahen Osten in den Fokus. Gleichzeitig könnte eine stärkere türkische Führungsrolle etwa die Spannungen mit Israel weiter verschärfen. Besonders deutlich wird dieser Interessengegensatz in Syrien. Die Türkei hat dort erheblichen Einfluss, während Israel eine stärkere türkische Präsenz in dem Land als Sicherheitsproblem betrachten könnte. Eine von Ankara mitgeführte regionale Militärallianz würde der Türkei zusätzliches Gewicht verleihen. Der Pakt könnte damit israelische Gegenreaktionen hervorrufen, die seine abschreckende Wirkung begrenzen. Auch für den Iran ist die Lage widersprüchlich. Einerseits könnte eine stärkere saudische Abschreckung den Handlungsspielraum Teherans und verbündeter Gruppen einschränken. Andererseits entsteht eine Sicherheitsordnung, die nicht mehr ausschließlich auf amerikanischen Schutz setzt. Das entspricht zumindest teilweise Teherans langjähriger Forderung nach einer regionaleren Sicherheitsordnung. Der Mekka-Pakt passt deshalb in kein einfaches Freund-Feind-Schema. Gefährlicher Balanceakt Die größte außenpolitische Stärke der Türkei liegt seit Jahren in ihrer politischen Beweglichkeit. Ankara ist Nato-Mitglied, unterhält aber zugleich Beziehungen zu Moskau und Teheran. Es arbeitet mit den Golfstaaten zusammen und versucht, gegenüber Washington möglichst viel Eigenständigkeit zu bewahren. Ein verbindlicher neuer Machtblock könnte diese Beweglichkeit einschränken. Je stärker sich der Mekka-Pakt institutionalisiert, desto mehr muss Erdoğan seine Partner im Mekka-Bündnis unterstützen – türkische Pendeldiplomatie wird schwieriger. Der nächste entscheidende Schritt könnte bereits Ägypten sein. Sollte Kairo tatsächlich beitreten, könnten weitere Staaten vor der Frage stehen, ob sie sich diesem neuen Machtzentrum anschließen, Abstand halten oder eigene Kooperationen vertiefen. Dann wird sich auch zeigen, wie Washington reagiert. Bislang äußerte sich Donald Trump nicht zu dem Pakt. Die USA streben eine Entlastung an. Sollten Ankara und seine Partner jedoch Entscheidungen treffen, die amerikanischen Interessen widersprechen, dürfte der politische Preis der neuen Eigenständigkeit steigen. Und schließlich wartet der wichtigste Test auf Erdoğan: der erste Ernstfall. Verträge lassen sich in Mekka unterschreiben und Bündnisse mit großen Worten ankündigen. Über ihren tatsächlichen Wert entscheidet erst die Krise, in der ein Partner Hilfe verlangt. Dann wird sich zeigen, ob Erdoğan mit dem Mekka-Pakt tatsächlich türkische Macht geschaffen hat – oder Verpflichtungen, die Ankara irgendwann die Freiheit nehmen, selbst über Krieg und Frieden zu entscheiden.

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