Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, dieser 13. August 2026 markiert einen seltsamen Jahrestag. Heute vor 65 Jahren begann das DDR-Regime mit dem Bau der Berliner Mauer und der innerdeutschen Grenzanlagen, den sichtbarsten Symbolen für Unterdrückung und Unfreiheit. Man sollte meinen, ein solcher Tag sei Anlass zur stillen Einkehr und dankbaren Würdigung der wiedergewonnenen Errungenschaften, die dieses Schandwerk Millionen Menschen fast drei Jahrzehnte lang verwehrte. Stattdessen scheinen viele Menschen in Ostdeutschland, aber auch nicht wenige im Westen vergessen zu haben, welchen Wert Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat und marktwirtschaftlicher Wohlstand besitzen. Sie geben in Wahlumfragen bedenkenlos an, ihre Stimme radikalen Parteien wie der AfD und der Linkspartei geben zu wollen, oder sie haben es bei vergangenen Wahlen bereits getan. Sie stören sich nicht daran, dass diese Parteien absurde Ziele verfolgen wie den Austritt Deutschlands aus dem EU-Binnenmarkt, die Abschaffung der Schulpflicht, die Enteignung von Unternehmen, die Ausgrenzung von Deutschen mit Migrationshintergrund, die Stigmatisierung von Mitteparteien wie CDU, CSU, SPD, FDP, Grünen als "Faschisten" oder "Altparteien". Sie sehen keinen Widerspruch darin, aus Enttäuschung über die krisengetriebene Politik der vergangenen Jahrzehnte, die unter Druck tatsächlich viele Fehler begangen hat, nach einem großen Knall zu verlangen. Sie wollen "das System" zerschlagen und "die Eliten" abräumen, um Tabula rasa zu machen. Dass so ein radikaler Bruch in der Weltgeschichte in den seltensten Fällen Positives hervorbringt, übersteigt ihren Horizont. Dabei müssten sie nur mal nach Großbritannien (Brexit) oder in die USA (Trumpismus) schauen, um ihr Oberstübchen durchzulüften. Die geifernden "Merz-muss-weg"-Prediger und die verschwurbelten "Früher-war-alles-besser"-Propheten eint ein bestürzender Scheuklappenblick. Das ist die erste, die innerdeutsche Erkenntnis anlässlich dieses Jahrestags. Die zweite ist global und nicht minder ernüchternd: Die Welt hat aus dem Schanddatum von 1961 nicht die Lehre gezogen, weniger Mauern zu errichten – im Gegenteil. Die Berliner Mauer war keine historische Anomalie, sondern die Blaupause für ein Zeitalter der Abgrenzung, das jetzt erst richtig Fahrt aufnimmt. Als der Eiserne Vorhang 1989 fiel, zählte man weltweit etwa 15 große Grenzsperranlagen. Heute sind es mehr als 70. Von den Zäunen in Ceuta und Melilla über die Frontex-Patrouillen auf dem Balkan bis zur Stahlwand zwischen den USA und Mexiko – die Welt mauert sich ein. Viele dieser neuen Wälle werden von Demokratien errichtet. Deutschland spielt dabei eine widersprüchliche Rolle. Nach innen pflegt es die Erinnerung an die Berliner Mauer als nationales Trauma. Nach außen agiert es als EU-Führungsmacht, die den Ausbau der Festung Europa vorantreibt und eine immer hermetischere Grenzpolitik verfolgt. Die Generation, die 1989 "Wir sind das Volk" rief und Mauern einriss, erlebt heute, wie der Ruf nach neuen Grenzen lauter ertönt. Er klingt auch dann schrill, wenn man anerkennt, dass eine unkontrollierte Einwanderung natürlich nicht die Lösung sein kann. Allein auf Abschottung zu setzen, ist in einer globalisierten Welt aber nicht nur zu wenig – so eine Politik wird zwangsläufig scheitern. Der Ansturm auf die spanische Exklave Ceuta dürfte nur ein Vorbote gewesen sein. Der Klimawandel und der krasse Wohlstandsunterschied zwischen dem alternden Europa und dem jungen Afrika erzeugen einen Druck, dem auf Dauer kein Zaun standhalten wird. Die Europäer werden deshalb mehr tun müssen, als nur höhere Mauern zu bauen. Sie müssen viel stärker in die Herkunftsländer investieren, um Fluchtursachen zu bekämpfen, und mehr Nothilfe in Krisengebieten leisten, aus denen Menschen fliehen. Das kostet Geld, Kraft und politischen Willen. Aber es ist unausweichlich. Leider haben das die meisten Regierenden in Europas Hauptstädten noch nicht verstanden – oder sie beherzigen es nicht, weil sie sich vor dem Wahlvolk fürchten. Die Scharfmacher TikTok, Instagram und X machen alles noch schlimmer. Somit birgt der 65. Jahrestag des Mauerbaus eine bittere Wahrheit: Mauern verschwinden nicht, sie wandern. Sie verlagern sich von der Systemgrenze zur Wohlstandsgrenze. Sie mutieren vom Beton zur biometrischen Kamera und von Selbstschussanlagen im Todesstreifen zum willentlichen Ertrinkenlassen im Mittelmeer. Beides ist brutal und zynisch. Die Berliner Mauer mag gefallen sein. Ihre Idee hat jedoch nie eine Baupause eingelegt. Hingucker Bild des Tages Vielerorts in Europa haben Menschen gestern Abend die Sonnenfinsternis bewundert. Hierzulande zeigte sie sich nur partiell, in Spanien dagegen war sie vollständig zu sehen. Meine Kollegin Lynn Zimmermann hat die besten Bilder für Sie zusammengestellt. NACHWAHL IN ENGLAND Farage gegen die Mülltonne In der Theorie hatte sich Nigel Farage das alles fein zurechtgelegt: Weil der Brexit-Vorkämpfer und Chef der rechtspopulistischen Partei Reform UK wegen eines nicht deklarierten Geldgeschenks von fünf Millionen Pfund unter Druck stand, reichte er vor einem guten Monat seinen Rücktritt als Abgeordneter ein – nur um im selben Atemzug seine erneute Kandidatur bei einer Nachwahl im Bezirk Clacton zu verkünden. Sein Plan: die Bürger über sein Verhalten abstimmen zu lassen und mit einem überzeugenden Wahlsieg gestärkt ins Parlament zurückzukehren. In der Praxis allerdings könnte aus dem Manöver nun eine handfeste Blamage werden. Schon als die etablierten Parteien darauf verzichteten, für den heutigen Urnengang Kandidaten aufzustellen, stand Farage bedröppelt da. Und inzwischen ist auch noch ein echter Komiker zu seinem prominentesten Widersacher avanciert: " Count Binface", auf Deutsch etwa "Graf Mülltonnengesicht", alias Jon Harvey. Der Mann mit dem Darth-Vader-artigen Kostüm und der Mülltonne auf dem Kopf bezeichnet sich selbst als außergalaktischen Krieger vom Planeten Sigma IX und verspricht, die Menschen des Wahlkreises besser zu vertreten als sein Vorgänger. Dass Reform UK in den jüngsten Umfragen merklich abgesackt ist, mag zwar auch am Erstarken der noch rechteren Partei Restore Britain und am Premierministerwechsel von Keir Starmer zum beliebteren Andy Burnham liegen. Bleiben aber wird von dieser Wahl ohnehin das Bild des bereits als künftiger Premier gehandelten Nigel Farage, der sich mit einer Mülltonne messen muss. Herrlich, der britische Humor! Sizilien Ätna kommt nicht zur Ruhe Es ist ein spektakuläres Naturschauspiel: Seit vergangenem Freitag stößt der Ätna auf Sizilien Asche und glühende Gesteinsbrocken aus, dicke Lavaströme fließen aus zwei Schloten in 2.360 und 2.750 Metern Höhe talwärts. Während Wissenschaftler fasziniert auf Europas aktivsten Vulkan blicken, erleben Tausende Urlauber auf der italienischen Mittelmeerinsel nervenaufreibende Tage. Wegen der Aschewolken ist der Betrieb am Flughafen Catania lahmgelegt: Schon 700 Flüge sind ausgefallen, auch heute soll der Airport bis mindestens 16 Uhr geschlossen bleiben. Wer die Gegend an der Ostküste Siziliens verlassen will, muss entweder auf andere Flughäfen ausweichen, etwa den der Inselhauptstadt Palermo, oder Zug und Schiff Richtung Festland nehmen. Inzwischen reichen die Auswirkungen sogar über Sizilien hinaus, auch auf Malta kommt es zu Ausfällen. Die Natur ist eben stärker als der Mensch. SÜDLICHES AFRIKA Wahlen in Sambia Rund 22 Millionen Einwohner hat Sambia, rund 8,8 Millionen von ihnen sind als Wähler registriert und können bei den heutigen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen abstimmen. Als Favorit gilt der amtierende Regierungschef Hakainde Hichilema (64), der das Land aus einer tiefen Schuldenkrise herausgeführt und wirtschaftlich stabilisiert hat. Der Binnenstaat, ein weltweit wichtiger Kupferproduzent, ist eines der wenigen Länder im Süden Afrikas, in dem freie Wahlen und friedliche Machtwechsel Tradition haben. Respekt! Lesetipps Vor 65 Jahren begann die DDR mit dem Bau der Berliner Mauer. Soldaten schossen fortan auf Flüchtende. Frank Wiese diente als junger Mann an der Grenze. Wie er heute über diese Zeit denkt, hat er meinen Kollegen Steffen Schambach und Heike Vowinkel erzählt. Artikel lesen Als Ersatzkandidat ins Amt gerutscht, steht Steffen Bilger vor einem der schwierigsten Jobs in der Bundesregierung: Auf seiner Sommerreise holt den Verkehrsminister die Realität schnell ein, schreibt unsere Reporterin Julia Naue. Artikel lesen Während die Flüsse austrocknen und die Grundwasserspiegel sinken, zapfen Konzerne Grundwasser oft fast kostenlos an. Ein Streit um die wertvollste Ressource der Welt ist entbrannt, berichtet meine Kollegin Jennifer Buchholz. Artikel lesen Die Stadt Köln lehnt die Abschiebung von 500 ausreisepflichtigen Migranten ab – obwohl das Land Nordrhein-Westfalen die notwendigen Dokumente besorgen will. Einer der Männer auf der Liste ist in 147 Fällen polizeibekannt und bezieht Tausende Euro Sozialhilfe, hat mein Kollege Sebastian Hahn recherchiert. Artikel lesen Ohrenschmaus Heute passt natürlich nur ein Song. Hier ist er. Zum Schluss Ich wünsche Ihnen stets klaren Durchblick an diesem Sommertag. Herzliche Grüße und bis morgen Ihr Florian Harms Chefredakteur t-online Mit Material von dpa und Reuters, Recherche unterstützt von Google Gemini und Anthropic Opus.