In den Neunzigern war Karen Mulder eines der weltweit bekanntesten Models. Dann verschwand die Niederländerin – bis jetzt. Über Karen Mulder kursierte in ihrer Blütezeit einst der Spruch: An ihr sehe selbst der einfachste Lappen wie ein todschickes Seidenkleid aus. Das Supermodel war in einer Zeit erfolgreich, in der auch Linda Evangelista , Cindy Crawford oder Christy Turlington Karriere machten. Aber "Karen war die Eleganteste von allen", erinnert sich die PR-Beraterin Karla Otto jetzt in einer neuen Ausgabe der deutschen "Vogue". Das Überraschende an der Geschichte: Auch Karen Mulder kommt zu Wort. Die heute 57-Jährige taucht damit erstmals wieder in der Öffentlichkeit auf – nach rund 20 Jahren fernab des Rampenlichts. In dem Modemagazin spricht Mulder über die dunklen Kapitel, die ihre Karriere überschatteten: Missbrauchsvorwürfe. Mulder tat dies schon einmal – vor 25 Jahren. Damals war sie 32 Jahre alt und sprach in der französischen Talkshow "Tout le monde en parle" von schwerem Missbrauch, von Drogen und beruflichem Druck. Augenzeugen und der Moderator berichteten später, sie habe später nur noch geschrien und sei dann vor laufender Kamera zusammengebrochen. Die Sendung wurde nie ausgestrahlt und die Aufzeichnung sei vernichtet worden. Mulder habe sich "in einer Art paranoidem Delirium" befunden, hieß es später. Der "Spiegel" titelte, das Supermodel habe einen "Hysterieanfall" erlitten. Niemand wollte Karen Mulder so richtig glauben. Jetzt sagt sie in der "Vogue", sie sei damals "weggesperrt" und "mundtot" gemacht worden. "Ich wurde gezwungen, zu sagen, ich hätte alles erfunden." Namen nennt Mulder nicht. Auch über Details hüllt sie den Mantel des Schweigens. Laut dem neuesten Bericht weigerte sie sich, mehr über die "schrecklichen, unmenschlichen Dinge" preiszugeben und brach das Gespräch ab. Sie sagt lediglich: "Ich wollte doch nur, dass all diese schlimmen Dinge aufhören, dass Männer nicht länger denken, sie könnten tun und lassen, was sie wollen." Womöglich könnte sie genau dafür mehr als 20 Jahre später doch noch gefeiert werden. Denn im Zuge der Epstein-Enthüllungen über systematischen Missbrauch fiel auch häufig ihr Name als "Whistleblowerin", die schon früh auf Missstände aufmerksam machte, jedoch nicht ernst genommen wurde. Tatsächlich taucht Mulder selbst in den Akten nicht auf, sie hat Epstein nie getroffen. Aber sie wiederholte Anfang der 2000er ihre Anschuldigungen mehrmals – gegenüber dem französischen Magazin "VSD" und bei der Polizei. In der Öffentlichkeit nahm das Geschehen jedoch eine andere Wendung. Wenige Tage nach dem Talkshow-Auftritt wurde Mulder, begleitet von ihrer Familie, in eine psychiatrische Einrichtung in Paris eingewiesen. Nach mehreren Monaten verließ sie die Klinik und gab bei der Polizei zu Protokoll, sämtliche Anschuldigungen "erfunden" zu haben. Überdosis, Missbrauch und kaum Konsequenzen Nicht einmal ein Jahr später soll Mulder nach einer Überdosis Schlaftabletten bewusstlos von ihrem Ex-Freund aufgefunden worden sein, wie der "Spiegel" berichtete. Der Wirbel um den Klinikaufenthalt und Spekulationen rund um diesen Vorfall führten dazu, dass sich die Modebranche von ihr abwandte. In den vergangenen Jahren kam schließlich Bewegung in die Sache. Im Jahr 2020 erschien im britischen "Guardian" eine Recherche über Gérald Marie, den damaligen Chef der Modelagentur Elite Models, bei der auch Mulder unter Vertrag war. Vier ehemalige Models, darunter die Schauspielerin Carré Otis, beschuldigten ihn darin der Vergewaltigung und Quasi-Prostitution in den 1980er- und 1990er-Jahren. Marie wies alle Vorwürfe zurück, polizeiliche Ermittlungen wurden wegen Verjährung eingestellt. Im Juli 2026 erstatteten Otis und sechs weitere Frauen laut der Nachrichtenagentur AFP erneut Anzeige in Paris und beantragten parallel einen zivilrechtlichen Prozess. Alle Beschuldigungen wurden erneut zurückgewiesen. Es gilt die Unschuldsvermutung. Ebenfalls 2020 berichtete die "New York Times", dass Models bei Victoria's Secret über Jahre sexuell belästigt und schikaniert worden sein sollen. Im August 2021 wurden die Vorwürfe durch einen Vergleich in Höhe von 90 Millionen Dollar beigelegt. Das Unternehmen räumte dabei kein Fehlverhalten ein.