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CSD Magdeburg – AfD-Regierung? "Wir reden darüber, auszuwandern"

Sachsen-Anhalt feiert den CSD – nach dem Anschlag in Berlin stark geschützt von der Polizei. Doch die Angst ist groß, dass der Staat hier bald nicht mehr Freund und Beschützer ist. Die Regenbogenflagge um Charlies Schultern weht im Wind. Die 15-Jährige steht mit Freunden am Rande des Magdeburger Domplatzes. Sie ist Sachsen-Anhalterin, aus ihrem Heimatort ganz in der Nähe angereist. "Mit Angst", sagt sie. "Aber auch mit dem Gefühl: Ich muss Flagge zeigen für unsere Demokratie, für unsere Freiheit." Charlie ist queer. Seit Anfang der Woche besucht sie eine neue Schule. An ihrer alten sei sie gemobbt worden, nachdem sie sich geoutet habe, erzählt sie. Mitschüler hätten sie beleidigt, ihr geschrieben, sie sei "ekelhaft". Oder: "Ich soll mich umbringen." An der neuen Schule sei es besser. "Da bin ich nicht mehr alleine queer." AfD-Programm für Sachsen-Anhalt: Krasse Selbstsabotage AfD auf Rekordhoch: Eine Wahl lässt Deutschland zittern Das gilt auch heute in Magdeburg . Denn hinter Charlie sammelt sich ihre Community. Da wehen Dutzende Regenbogenflaggen, tanzt ein großes Einhorn, unterhalten sich Männer in bauchfreien Oberteilen und Frauen in Pailettenkleidern. Auf Schildern steht "Liebe, Digga, Liebe", "Queerrechte ins Grundgesetz" oder "Lebe so, dass die AfD etwas dagegen hat". Es ist das 30. Jubiläum des Christopher Street Days (CSD) in Magdeburg. Viele Teilnehmer stammen aus der Region, andere Gruppen sind aus dem Rest der Bundesrepublik angereist. Und fast alle hier formulieren es ähnlich wie Charlie: Man müsse Flagge, Gesicht, Präsenz zeigen. Jetzt erst recht. Jetzt so sehr wie lange nicht mehr. Denn am 6. September wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag – und die AfD ist so stark wie nie. Eine AfD-Alleinregierung ist eine realistische und viel diskutierte Möglichkeit. Auf dem Magdeburger Domplatz ist das ein Horror-Szenario: "Wir reden in meiner Familie tatsächlich darüber, auszuwandern, wenn das passiert", sagt Charlie. Und auch damit ist sie hier nicht allein. Großaufgebot der Polizei Angst bei der Anreise hatte die 15-Jährige aber aus einem anderen Grund. Vor knapp einem Monat wurde der CSD in Berlin durch einen Akt der Gewalt beendet. Ein islamistischer Attentäter raste mit einem Transporter in die feiernde Menge. Eine Frau starb, 29 weitere Menschen wurden verletzt, zum Teil schwer. Auf dem Handy des Mannes wurde ein Video gefunden, auf dem ein Vermummter sich zu den Terroristen vom "Islamischen Staat" (IS) bekennt. Die Polizei ist deswegen heute mit noch mehr Kräften im Einsatz als üblich. Der Domplatz, auf dem die Bühne steht, ist mit schweren Pollern eingegrenzt. Entlang der Demoroute blockieren Polizei-Vans jede einzelne Querstraße. Beamte in Zivil laufen in der Menge mit, Beamte in Uniform säumen den Protestzug eng. Während die Bässe wummern, schauen sie sich aufmerksam um. Von einem "mulmigen Gefühl" bei der Anreise spricht der 29-jährige Danny. Er kommt aus Magdeburg, ist schwul, trägt keine Regenbogenflagge, sondern Jeans und dunklen Pullover. Die vielen Polizisten seien ein seltsamer Anblick. "Doch dank ihnen fühle ich mich sicher", sagt Danny. "Und viele andere so frei, sich zu zeigen, wie sie es im Alltag nie tun würden." Der Staat ist auf ihrer Seite. Sogar, wenn manche gegen ihn sind. Ein Block der Antifa läuft im Demozug mit, es sind ein paar Dutzend unter rund 3.000 Teilnehmern. "Ich kann nichts, ich bin nichts, gebt mir eine Uniform", skandieren sie im Chor. An ihrer Spitze läuft ein junger Mann im weißen Shirt. Auf dem Schild in seiner Hand steht: "No cops @pride!", also: Keine Polizisten auf CSDs. Wie er sich das vorstellt, will die Reporterin ihn fragen. Doch er blockt sofort ab: Mit der Presse will er nicht sprechen. Für die Polizisten ist Protest gegen sie kein Problem. Sie sind Profis. "Das ist Meinungsvielfalt", sagt einer, der in der Nähe steht. Es gebe viele unterschiedliche Positionen, auch die Polizei selbst sei im Übrigen auf dem CSD vertreten. Manche Polizisten sind auf gelben Westen auch mit Kürzeln, die für die Community typisch sind, extra als vertrauensvolle Ansprechpartner ausgezeichnet. Die größte Sorge vieler hier ist: Vielleicht ist all das bald nicht mehr so. Vielleicht wird der Staat bald zu unserem Gegner. CSD wirbt für taktisches Wählen – gegen die AfD Die AfD Sachsen-Anhalt steht in Umfragen bei 43 Prozent. Vom Landesverfassungsschutz wird sie als "gesichert rechtsextremistisch" eingestuft. In ihrem Wahlprogramm, das sie bereits "Regierungsprogramm" nennt, definiert sie als gesellschaftliches Leitbild alleinig die heterosexuelle Familie ("Vater, Mutter, Kind"), als ihr großes Ziel mehr deutschen Nachwuchs – und als einen der Hauptfeinde für ihre Vision die queere Community. Die bezeichnet sie in ihrem Programm als "Regenbogenkult", "Indoktrination" oder "Sumpf aus Genderismus". Und kündigt an: "Die AfD-Sachsen-Anhalt wird diese Identitätsstörung durch eine neue, patriotische Kulturpolitik heilen." Staatliche Institutionen sowie Sozialarbeiter und Erzieher müssten sich "zur normativen Normalität" bekennen, aus Sicht der AfD also: allein zur Heterosexualität. Vereinen sollen die Fördermittel gestrichen werden, Studiengänge wie "Gender-Studies" sollen beendet werden, Schulen sollen die Regenbogenflaggen nicht mehr zeigen dürfen, Programme für sexuelle Vielfalt in den Schulen beendet werden. Der CSD in Magdeburg positioniert sich klar gegen die AfD. Er ist keine parteipolitisch neutrale Veranstaltung, versucht auch gar nicht, diesen Anschein zu erwecken. "Scheiß AfD, Scheiß AfD", stimmen die Teilnehmer, dirigiert vom Wagen der Veranstalter auf der Hälfte des Demozugs, an. Die ist als einzige Partei hier gar nicht vertreten. Die SPD , die Linke, die Grünen und die FDP fahren mit großen Wagen im Demozug mit. Bevor er startet, stehen Politiker aller dieser Parteien sowie der CDU auf der Bühne und beantworten Fragen der Moderatoren und des Publikums. Die Grünen sind besonders prominent vertreten: Suse Sziborra-Seidlitz, Spitzenkandidatin für die Landtagswahl, schießt mit Teilnehmern des CSD Selfies in der Menge. Auf dem Wagen der Grünen tanzen Grünen-Chef Felix Banaszak und seine Vorgängerin Ricarda Lang . Der CSD plädiere zur Landtagswahl für taktisches Wählen, sagt Jenny Rasnov. Also: So zu wählen, dass eine AfD-Regierung möglichst verhindert wird. Rasnov ist Transfrau, seit 2024 Vorstandsmitglied beim CSD Magdeburg. "Eine, die verboten werden soll", sagt sie und lacht. Denn sie gibt Workshops an Schulen in der Börde. "Queer together" heißen die. Das Ziel laut Homepage des CSD: Nicht-heterosexuelle Jugendliche in ländlichen Gebieten zu unterstützen und zu stärken. "Wählt Liebe" ist das Motto des CSD in diesem Jahr, so wie auch schon zur Bundestagswahl . Es habe sich bewährt, sagt Veranstalterin Jenny Rasnov, die Lage habe sich seit 2025 weiter verschärft. Menschen aus der Community erlebten verstärkt Anfeindungen, zum Glück nicht verstärkt Gewalt. Viele aber wendeten sich an den CSD mit Zweifeln, weil sie überlegten, ob sie Sachsen-Anhalt nach den Wahlen nicht besser verlassen sollen. Der CSD rufe dazu auf: "Bitte bleibt hier, Sachsen-Anhalt ist ein tolles Land." Es solle vielfältig bleiben. CDU-Politiker hat hier keinen leichten Stand Und wie hält es der CSD mit der konservativen CDU? Mit einem Wagen oder Stand ist die Partei hier nicht vertreten. Doch mit der CDU komme man gut klar, sagt Rasnov. "Wenn man sich die Landtagsdebatten anguckt, dann weiß man, wo Hass und Hetze herkommen", findet sie. Soll heißen: Kein Vergleich zur AfD. Ein Problem sei allerdings Bundeskanzler Merz, der "immer unzulänglicher" agiere, immer weniger volksnah wirke. Die Menschen in Sachsen-Anhalt übertrügen das auf die CDU im Land – obwohl die ihre Sache in der Regierung eigentlich gut mache und "tolle Abgeordnete" habe. Tobias Krull ist aus Sicht von Rasnov einer davon. Der CDU-Landtagsabgeordnete kandidiert in Magdeburg und steht für seine Partei heute neben den Vertretern anderer Parteien auf der Bühne. Er hat hier aber keinen allzu leichten Stand. Seine Absage an eine Koalition mit der Linken nach der Wahl bezeichnet der Moderator als "Ernüchterung, die ich heute nicht brauchte". Doch Krull zieht – im Gegensatz zu so manchem seiner Parteikollegen in Sachsen-Anhalt – eine noch klarere Grenze zur AfD. Er könne sich eine Zusammenarbeit mit der AfD "überhaupt nicht vorstellen", sagt er t-online. Das AfD-Programm bewerte alles negativ, was "irgendwie mit queer, irgendwie mit Regenbogen" zu tun habe. "Das macht mir große Sorgen, weil es einfach um einen Ausschluss von Menschen geht." Auf der Plattform X wird der AfD-Direktkandidat Ronny Kumpf fünf Stunden später Fotos von seinem Infostand in Magdeburg twittern. Großartig sei der gewesen, "obwohl – nicht zuletzt aufgrund des heute stattfindenden CSDs – auch einige sehr eigenartige Personen dort unterwegs" gewesen seien. Hundemasken als Reizpunkt Wen Kumpf genau für "merkwürdig" hält, ist unklar. Doch eine bestimmte Gruppe in Reihen der CSDs hat in der Vergangenheit immer wieder für besonders heftige Diskussionen gesorgt. Die AfD hält sie für pervers und nutzt sie, um CSDs insgesamt zu verteufeln. Auch andere Parteien und die Polizei hatten, unter anderem wegen des Vermummungsverbots, aber schon Fragen zu ihnen: die sogenannten "Puppy-Player", also "Welpen-Spieler". Sie versetzen sich in ihrer Freizeit in die Rolle eines Hundes, tragen Hundemasken aus Leder, laufen auf allen vieren, bellen. Früher war das ein Fetisch in der BDSM-Szene, klar mit Sex verbunden. Heute pflegen viele es ohne sexuelle Motivation. Man trifft sich in einer Gruppe und spielt Hund. Als Hobby, in Vereinen. Auch auf dem CSD in Magdeburg treten sie in einer kleinen Gruppe auf: sechs Männer mit schwarz-glänzenden Hundemasken. Sie laufen auf zwei Beinen, im Demozug weit vorne. Für einen von ihnen ist es in diesem Jahr schon der neunte CSD, sagt er. Der 33-Jährige kommt aus Sachsen-Anhalt, ist hier geboren und aufgewachsen. Er arbeitet im öffentlichen Dienst. Das "Puppy play", betont er, habe für ihn nichts mit Fetisch zu tun. Es gehe darum, den Kopf freizubekommen. "Einfach mal komplett abschalten." Auch er will vor der Landtagswahl ein Zeichen setzen. "Wir sind Teil der Community", sagt er. "Wir wollen einfach unser Leben leben können wie alle anderen auch." "Als sei die Zeit der Aufklärung vorbei" Diesen Satz würden hier wohl viele unterschreiben, auch wenn sie nicht dasselbe Hobby haben. Besonders ernst werden die Älteren und weiter Angereisten, wenn man sie nach ihrer Motivation fragt, zum CSD zu kommen. "Weil lesbisches Leben hier vom Faschismus bedroht ist", sagt Meike, 64 Jahre alt. Sie sitzt gerade am Rand des Demozugs auf einem Fahrradständer und schwenkt eine Fahne: "You are loved" steht darauf. Sie ist mit der Bahn aus Hamburg gekommen, arbeitet als Assistentin einer Geschäftsführung. Als "ältere Lesbe" aus der Hansestadt gehe es einem gut, sagt sie. Sie habe sich mit Freunden aber vorgenommen, stärker in kleine Städte und in den Osten zu CSDs zu fahren. "Queeres Leben ist der zentrale Angriffspunkt von rechts." Auch der Anschlag auf den Berliner CSD habe sie getroffen. "Ich habe ihn wahrgenommen als Anschlag auch auf mich", sagt sie. Viele trauten sich nicht, das Problem des Islamismus zu benennen – aus Angst, rassistisch zu sein. Dabei sei das Quatsch, findet sie. Islamisten teilten schließlich die wichtigsten Merkmale mit Rechtsextremisten, seien "antisemitisch und antiqueer". Der 66-jährige Frank trägt ein Schild mit nur drei Worten auf der einen Seite: "Sei ein Mensch." Es ist ein Zitat der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer, die im Mai 2025 gestorben ist. Heute ist er mit Freunden aus Berlin angereist, bei seinem ersten CSD war er vor 46 Jahren. "Wer hätte gedacht, dass das nochmal notwendig ist – so sehr um die Grundlagen zu kämpfen", sagt er. "Ein Rückschritt, als sei die Zeit der Aufklärung vorbei." Franzi Wolffschuh spürt von dieser Last heute nichts. Die 48-Jährige ist "Ur-Magdeburgerin". Sie hat ihren kleinen Hund an der Leine, trägt einen Fächer in Regenbogenfarben und tanzt neben dem ersten Wagen des CSD her. "Es ist so geil", ruft sie. "Als ob Magdeburg wieder atmet."

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