Die Zahl der Superreichen in Deutschland steigt. Sollte der Staat eingreifen, um extreme Ungleichheit zu beseitigen? Ja, schreiben SPD-Fraktionsvize Wiebke Esdar und Parteivize Achim Post im Gastbeitrag – und schlagen eine Steuer für Milliardäre vor. Die zwölf reichsten Menschen der Welt besitzen mehr als die ärmere Hälfte der Menschheit – so der Oxfam-Bericht 2026. Solche Sätze klingen nach einem fernen Problem: nach Kalifornien , Dubai und Villenvierteln in Entwicklungsländern. Doch extreme Ungleichheit ist nicht exotisch, sondern auch in Deutschland zu Hause. Dem Global Wealth Report 2026 zufolge gibt es in Deutschland etwa 5.000 Superreiche mit einem Vermögen von über 100 Millionen US-Dollar – Tendenz stark steigend. Sie verfügen über mehr als ein Viertel des gesamten Finanzvermögens in unserem Land. Schon 2021 besaßen zwei Familien mehr als die ärmere Hälfte der Bevölkerung – über 40 Millionen Menschen. Die SPD gründete sich vor 163 Jahren auch als politische Bewegung gegen extreme Ungleichheit. Diese Aufgabe ist so alt wie unsere Partei, aber in einer Zeit, in der zum ersten Mal ein Mensch ein Vermögen von mehr als einer Billion Dollar besitzt, aktueller denn je. Unsere Antworten müssen den Herausforderungen unserer Zeit gerecht werden. Und sie beginnen mit der grundlegenden Frage: Warum zahlt ein Milliardär anteilig weniger Steuern als sein Fahrer? Die Rolltreppe nach unten Vermögen hat eine zentrale Eigenschaft, die zu wenig Beachtung erhält: Es mehrt sich in der Regel selbst. Wer schon extrem viel hat, kann sein Geld für sich arbeiten lassen und wird immer reicher. Die goldene Rolltreppe führt wie von selbst nach oben. Für Menschen ohne Startkapital gleicht der Vermögensaufbau dagegen dem Erklimmen einer Rolltreppe, die nach unten fährt: Steigende Mieten, hohe Lebenshaltungskosten, wirtschaftliche Unsicherheit – am Monatsende gibt es für Millionen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern meist keinen Spielraum mehr für Aktiendepots oder Immobilienkredite. Der Staat hat viele Instrumente, um das zu korrigieren – das Wichtigste davon ist das Steuersystem. Wir versteuern Arbeit hoch und Vermögen, Erbschaften und Schenkungen niedrig, auch im internationalen Vergleich. Steuerprivilegien und Schlupflöcher ermöglichen es den Reichsten der Reichen, ihre Steuerlast deutlich zu senken und Vermögen über Generationen anzuhäufen. Diese Schieflage kostet den Staat Geld, das er für das Allgemeinwohl nutzen könnte – und das können wir sehen: das gesperrte Freibad, der überfüllte Klassenraum, die verspätete Bahn – und über Jahre zu wenig Geld für Forschung und Innovationen. Mit jedem dieser Alltagsbefunde schwindet das Vertrauen darauf, dass es in diesem Land gerecht zugeht: Neun von zehn Menschen halten unser Steuersystem inzwischen für ungerecht. Zucmans Antwort auf die Steuerlücke der Superreichen Der französische Ökonom Gabriel Zucman hat beschrieben, warum sich an dieser Schieflage so wenig ändert: Bei sehr hohen Vermögen funktioniert die Einkommensteuer nicht mehr so, wie sie gedacht war. Wer sehr viel besitzt, lässt seine Gewinne in Stiftungs- und Holdingstrukturen liegen, statt sie sich auszuzahlen, und erzielt so steuerliche Vorteile. Auf dem Papier verdient dieser Mensch wenig, sein Vermögen wächst trotzdem weiter. So stellt Zucman fest, dass Menschen mit hunderten Millionen Euro Vermögen oft anteilig weniger Steuern zahlen als ihre Angestellten. Und deshalb zahlt ein Milliardär meist anteilig weniger Steuern als sein Fahrer. Zucmans Antwort darauf ist eine Mindestbesteuerung von zwei Prozent für Vermögen über 100 Millionen Euro. Bereits gezahlte Steuern werden angerechnet, sodass nur zusätzlich belastet wird, wer heute besonders wenig beiträgt. Wer von seiner Arbeit lebt, ist gar nicht betroffen. Nach Berechnungen des EU Tax Observatory, einem Forschungsinstitut der EU, könnten dadurch in Deutschland jährlich rund 17 Milliarden Euro zusätzliche Einnahmen erzielt werden. "Es ist kein Geld da" ist kein Naturgesetz 17 Milliarden Euro sind mehr als eine Haushaltszahl. Sie zeigen, dass der Reichtum ganz oben und marode Schulen, überlastete Schienen sowie Einsparungen bei Rente , Pflege und Gesundheit zusammenhängen. Mit dem Sondervermögen Infrastruktur wird ein gewaltiger Schritt getan, um den Investitionsstau in Deutschland zu beseitigen. Doch die Frage nach einer strukturell gerechten Finanzierung bleibt. Das gilt auch für eine Reform der Einkommensteuer. Wir können uns eine deutlich höhere Entlastung der kleinen und mittleren Einkommen vorstellen. Für eine gerechte Gegenfinanzierung müsste man die Steuerprivilegien der (Super-)Reichen beseitigen. Dafür fehlt jedoch derzeit eine politische Mehrheit. "Es ist kein Geld da" ist kein Naturgesetz, sondern eine politische Entscheidung. Dahinter steht eine unbequeme Wahrheit: Es gibt nicht unendlich viel Wohlstand. Das Vermögen einer Volkswirtschaft ist endlich – was sich ändert, ist seine Verteilung. Hier müssen wir feststellen: Vermögen wirkt wie ein Sog nach oben. Wo schon viel liegt, sammelt sich Neues, und über Mieteinnahmen und Renditen kommt hinzu, was aus der Mitte und von unten erarbeitet wird. Das Leistungsprinzip geht verloren Das betrifft nicht nur Zahlen auf Konten, sondern auch den Wohnraum: Wer eine Wohnung zum Leben sucht und sein Einkommen aus relativ hoch besteuerter Erwerbsarbeit bezieht, konkurriert auf dem Wohnungsmarkt gegen Interessenten mit Kapital aus niedrig besteuertem passivem Einkommen. Wer verliert, zahlt danach Miete – und finanziert die Rendite des Gewinners. Daraus folgt eine grundsätzliche Frage: Wollen wir, dass ein paar Tausend Menschen alles gehört, oder dass Millionen etwas gehört? Zumeist kommt dann der Einwand, das schade der Wirtschaft. Das ist fachlich falsch, denn für jeden ist spürbar: Wo der Staat nicht in Bildung, Innovation und Infrastruktur investiert, leidet die wirtschaftliche Entwicklung. Wo Kapital nach Stammbaum verteilt wird statt nach Können, Kreativität und Leistung, geht das Leistungsprinzip verloren – und damit der Motor unserer sozialen Marktwirtschaft. Die Zeiten, in denen sich die Menschen mit einem "Aber die Wirtschaft" haben Angst machen lassen, sind vorbei. Ungleichheit ist politisch gemacht – also veränderbar Nichts daran ist Schicksal. Die extreme Konzentration von Vermögen ist das Ergebnis politischer Entscheidungen: Welche Steuern wir erheben, welche Privilegien wir gewähren, welche Schlupflöcher wir offenlassen. Was politisch entstanden ist, lässt sich politisch verändern. Die Sozialdemokratie hat extreme Ungleichheit schon einmal effektiv bekämpft. Um 1900 hielten die obersten zehn Prozent in Westeuropa weit über 80 Prozent des Vermögens. Vermögen wurde fast vollständig vererbt, kaum erarbeitet. Überwunden wurde diese Ordnung nicht allein vom Markt: Progressive Steuern, Sozialstaat, gleiches Wahlrecht und Tarifautonomie wurden erkämpft. So entstand, was es vorher nie gegeben hatte: eine breite Mitte, die selbst etwas besaß. Zu sagen, diese Rolle falle der SPD nun automatisch wieder zu, wäre vermessen. Wir müssen sie uns erarbeiten. Zucmans Vorschlag für eine Mindestbesteuerung von Superreichen kann derweil eine tragende Säule im neuen Kampf gegen extreme Ungleichheit werden.