Die AfD erstarkt in Deutschland, in Sachsen-Anhalt ist sie der Macht sehr nahe. Wie konnte es so weit kommen? Faschismusforscher Jason Stanley erklärt im Gastbeitrag, wo Deutschland bei der Aufarbeitung seiner Vergangenheit versagt hat. Bryan Stevenson ist der Gründer der Equal Justice Initiative und Anwalt für Häftlinge in amerikanischen Gefängnissen, denen die Hinrichtung droht. Neben dieser außergewöhnlichen und zeitintensiven Tätigkeit gründete Stevenson mit "The National Memorial for Peace and Justice" ein Museum in Montgomery, Alabama, das unter anderem an die mehr als 4.400 Schwarzen erinnert, die zwischen 1877 und 1950 im Zuge rassistisch motivierter Lynchmorde getötet wurden. Stevenson zählt zu den führenden Persönlichkeiten der amerikanischen Entsprechung zur deutschen "Vergangenheitsaufarbeitung". Dabei hat er stets betont, dass seine Arbeit von den deutschen Erfahrungen inspiriert wurde. In einem kürzlich geführten Gespräch mit Ezra Klein von der New York Times sagt Stevenson: " …in Berlin war ich tief beeindruckt. Man kann in Berlin keine 200 Meter zurücklegen, ohne auf Stolpersteine, Gedenktafeln und Denkmäler für die Opfer des Holocaust zu stoßen. Das Holocaust-Mahnmal befindet sich mitten im Zentrum Berlins. Allein in Berlin gibt es rund ein Dutzend Museen, die sich mit den Schrecken des Holocaust befassen. Es gab keine Adolf-Hitler-Statuen. Es gab keine Denkmäler für die Täter des Holocaust. In Deutschland ist es Pflicht, sich mit dem Holocaust auseinanderzusetzen, bevor man die Schule abschließt. Man kann keinen Schulabschluss machen, ohne ein fundiertes Verständnis dieser Geschichte zu besitzen. Und es gibt dort niemanden, der sagt: 'Oh, wir können unseren Kindern nichts über den Holocaust beibringen. Das könnte bei ihnen Unbehagen oder Schamgefühle auslösen.' Das Gegenteil ist der Fall. " Für Stevenson ist eine Erinnerungskultur, die die Gräueltaten der Vergangenheit einer Nation bewahrt, für eine gesunde Demokratie unerlässlich. Stevenson hat recht. Und doch ist ausgerechnet jenes Beispiel, das ihn so sehr inspiriert hat, weitgehend gescheitert. Warum? Zunächst ein Wort zu den Erfolgen, die Philosophin Susan Neiman in ihrem wegweisenden Buch "Von den Deutschen Lernen" beschreibt. Ich habe einen deutlichen Unterschied wahrgenommen zwischen den 1980er-Jahren – als ich als Teenager zwei Jahre lang in Deutschland lebte – und der heutigen Zeit, in der ich das Land oft besuche. In den 1980er-Jahren sahen sich viele Deutsche als Opfer. Aus verschiedenen Gründen wollte man nicht über die Vergangenheit sprechen – sei es aus Scham oder aus Verdrängung. Es war nicht ungewöhnlich, von der älteren Generation die Behauptung zu hören, die Deutschen hätten mehr gelitten als die Juden. Soweit ich das beurteilen kann, ist all das aus der deutschen Gesellschaft verschwunden. Die Gesellschaft hat sich gewandelt: von einer, in der wir Juden bei den Deutschen Abwehrhaltungen und Schamgefühle hervorriefen, hin zu einer, in der unsere Ermordung ganz direkt anerkannt wird. AfD im Aufschwung Dennoch lässt sich aus der Perspektive des Jahres 2026 kaum behaupten, dass Deutschlands Erinnerungsprojekt erfolgreich war. Heute ist die Alternative für Deutschland (AfD) – Europas extremste rechtsextreme Partei – mit rund 30 Prozent Zustimmung im deutschen Mehrparteiensystem die mit Abstand beliebteste Partei (in vier Bundesländern erreicht die AfD sogar Werte im Bereich von 40 Prozent). Die AfD setzt gezielt auf offenkundige rechtsextreme Codes und Anspielungen (so begann ihr diesjähriger Parteitag am 4. Juli – auf den Tag genau 100 Jahre nach dem ersten Reichsparteitag der NSDAP nach Aufhebung ihres Verbots nach dem Hitler-Ludendorff-Putsch von 1923). In Sachsen-Anhalt liegt die AfD in Umfragen bei über 40 Prozent und steht kurz davor, nach der Wahl im September die Regierung zu übernehmen. Ihr Parteiprogramm offenbart ihren extremen Charakter. Es fordert dauerhafte Sonderklassen für Schüler mit Asylhintergrund, "um unsere Kinder von den vielfältigen Belastungen freizuhalten, die sich beim gemeinsamen Unterricht mit Kindern aus völlig fremden Kulturen ergeben." Das Parteiprogramm ist zudem von einer aggressiven Haltung gegen den Islam geprägt und erklärt: " Der Islam gehört weder zu Deutschland noch zu Sachsen-Anhalt. Schließlich hat der Islam unsere Geschichte und Kultur nicht geprägt. Als politische Religion mit seinem archaischen Scharia-System und den darin enthaltenen Rechtsregeln ist er mit unserem abendländischen Staatsverständnis nicht vereinbar. " Einst wurden Juden aus ähnlichen Gründen von der Staatsbürgerschaft ausgeschlossen: Man argumentierte, die Existenz spezifisch jüdischer Religionsgesetze mache sie mit dem "abendländischen Staatsverständnis" unvereinbar. Die AfD greift lediglich zwei Jahrhunderte alte deutsche Begründungen für den Ausschluss von Juden aus der Staatsbürgerschaft wieder auf und wendet sie auf Muslime an. Im Parteiprogramm der AfD für Sachsen-Anhalt finden sich zahlreiche weitere eindeutige Beispiele für nationalsozialistisches Gedankengut. Dazu gehört die Forderung, den inklusiven Unterricht für Schüler mit Behinderung abzuschaffen – mit anderen Worten: Schüler mit Behinderung aus Klassen zu entfernen, in denen auch Schüler ohne Behinderung unterrichtet werden: " Das Experiment der 'Inklusion' – also der gemeinsame Unterricht von Kindern mit Behinderung und Kindern mit normaler Entwicklung, verbunden mit der Abschaffung der traditionellen Förderschulen – ist auf ganzer Linie gescheitert. " Um der Bevölkerung die Problematik dieses Aspekts des AfD-Parteiprogramms zu verdeutlichen, ist eine eingehende Auseinandersetzung mit der NS-Ideologie erforderlich – in diesem Fall insbesondere im Hinblick auf Eugenik und Sozialdarwinismus. Andere Elemente des Programms setzen ein noch tieferes Geschichtsverständnis voraus. Das Parteiprogramm fordert die Abschaffung von Schülervertretungen. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass die Einführung von Schülervertretungen Teil des Entnazifizierungsprozesses war; Ziel war es, autoritäre Strukturen im Schulwesen zu verringern, indem das Gefühl der Eigenverantwortung und Mitbestimmung bei jungen Menschen gestärkt wurde. Das will die AfD Die AfD befürwortet ein unterschiedliches Rechtssystem für deutsche Staatsbürger mit doppelter Staatsangehörigkeit; geht es nach der AfD, sollen diese ihre deutsche Staatsbürgerschaft verlieren können, wenn sie Straftaten begehen, die bei anderen Deutschen lediglich mit Geld- oder Freiheitsstrafen geahndet würden. Dies würde ein zweistufiges System der Staatsbürgerschaft schaffen: eines für Menschen, die ausschließlich die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, und ein anderes für jene, auf die dies nicht zutrifft (hauptsächlich Muslime). Damit greift die AfD zentrale Elemente der Nürnberger Gesetze der Nationalsozialisten von 1935 auf – durch die Juden, darunter auch mein Vater, die deutsche Staatsbürgerschaft verloren –, wendet sie jedoch stattdessen auf Muslime an. Die deutsche Rechte aus dem politischen Mainstream hat den Boden für diese Gesetze bereitet, indem sie Pläne entwickelte , Deutschen mit doppelter Staatsbürgerschaft, denen "Antisemitismus" vorgeworfen wird, die Staatsbürgerschaft zu entziehen. Dabei stützte man sich auf die restriktive Definition von Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA), die weithin als eine Gleichsetzung von Israelkritik und Antisemitismus wahrgenommen wird. Mit anderen Worten: Die Vorlage für die von der AfD angestrebten Gesetze zur Ausbürgerung muslimischer Staatsbürger basiert auf Regelungen, die ursprünglich dazu gedacht waren, Israel vor Kritik zu schützen. Alexander Gauland , einer der führenden Köpfe der AfD, bezeichnete die NS-Zeit als "Vogelschiss in über 1.000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte". Dass ausgerechnet eine Partei, die sich so offensichtlich der Verharmlosung der deutschen Holocaust-Verbrechen verschrieben hat, auch die Initiative für das Verbot der BDS-Bewegung ergriff, zeugt von dem tiefgreifenden Scheitern der deutschen Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Was ist schiefgelaufen? Deutschlands Art der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit bestand darin, sich ausschließlich auf die Jahre zwischen 1933 und 1945 zu konzentrieren – und dabei fast nur auf die gezielte Verfolgung zunächst der deutschen und später der europäischen jüdischen Bevölkerung durch die Nationalsozialisten. Angesichts der Erfahrungen der Familie meines Vaters in Berlin und der Tatsache, dass fast die gesamte Familie meiner Mutter im Vernichtungslager Sobibor ausgelöscht wurde, kann ich diese Entscheidung durchaus nachvollziehen. Doch diese Fokussierung hatte für das heutige Deutschland tiefgreifende negative Folgen. Sie hat verhindert, dass Deutschland allgemeinere Lehren daraus zieht, wie antidemokratische Bewegungen ethnische und religiöse Minderheiten ins Visier nehmen. Zudem hat sie es Faschisten ermöglicht, diese Jahre als krassen Ausreißer in der deutschen Geschichte darzustellen – als "Vogelschiss" in der deutschen Vergangenheit. "Nie wieder" gilt für alle Tatsächlich liegen die Wurzeln des Nationalsozialismus tief in der deutschen Geschichte. Ein Großteil, der seit den frühen 1950er-Jahren erschienenen Literatur zum Faschismus verortet die Ursprünge des Nationalsozialismus in jener Art von Rassismus , die dem europäischen Kolonialismus in Afrika zugrunde lag – insbesondere seit der Berliner Konferenz von 1884 (der sogenannten Kongokonferenz), auf der die europäischen Mächte beschlossen, Afrika unter sich aufzuteilen und dessen Reichtümer zu plündern. Wie ich bei den Recherchen für mein 2026 in Deutschland erschienenes Buch "Gefälschte Geschichte: Wie Faschisten die Vergangenheit umschreiben, um die Geschichte zu kontrollieren" feststellte, waren die Nationalsozialisten – auch in den Lehrplänen der Schulen – geradezu besessen von dem Verlust ihrer afrikanischen Kolonien, ihres "Platzes an der Sonne", nach dem Ersten Weltkrieg. Es ist also notwendig, die deutsche Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit zeitlich weiter zurückzuverlegen: nicht nur, um den früheren Opfern des europäischen Faschismus in Afrika Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sondern auch, um die tieferen Wurzeln des deutschen Rassismus offenzulegen. Die Auseinandersetzung Deutschlands mit seiner Vergangenheit stellt ironischerweise (und erwartungsgemäß) zugleich einen Angriff auf die deutsch-jüdische Vergangenheit dar. Bedeutende deutsch-jüdische Denker, wie Moses Mendelssohn im 18. Jahrhundert, plädierten für einen säkularen Staat, der nicht an eine bestimmte religiöse Identität gebunden ist, und verteidigten die Ideale der Aufklärung, insbesondere die Glaubensfreiheit. Dieser prägenden deutsch-jüdischen Tradition zufolge sollte Deutschland ein säkularer Staat sein, der Raum für verschiedene nicht christliche Religionen (etwa den Islam) bietet sowie Kritik- und Glaubensfreiheit gewährt. Neuere deutsch-jüdische Denker wie Leo Baeck im 20. Jahrhundert betonten den Universalismus und verstanden das Judentum als eine Religion, für die jüdische Erfahrung und Geschichte als Beispiele für universelle moralische Werte dienten. Demnach besitzt das Schicksal der Juden eine universelle Bedeutung: "Nie wieder" gilt für alle. Deutsche Parteien über das gesamte politische Spektrum hinweg haben die deutsche Vergangenheit instrumentalisiert, um gegen politische Äußerungen vorzugehen. Und sie haben sich damit offen über einen Wert der Aufklärung hinweggesetzt, der in der deutsch-jüdischen Tradition hochgehalten wird (die Nutzung des Themas Israel, um prominente jüdische Intellektuelle ins Visier zu nehmen, scheint ein deutscher Zeitvertreib zu sein, der fast so sehr kultiviert wird wie der Fußball). Deutschland hat eine rechtsextreme Partei, die jene von deutschen Juden verfochtene Aufklärungstradition ablehnt – das Ideal eines säkularen Staates, in dem verschiedene nicht christliche Religionsgemeinschaften existieren. Zudem hat sich Deutschland beharrlich geweigert, aus seiner Geschichte universelle moralische Lehren zu ziehen. Es verwundert daher nicht, dass die vermeintliche Auseinandersetzung Deutschlands mit seiner rassistischen und antisemitischen Vergangenheit so wenig dazu beigetragen hat, den tödlichen Griff dieser Vergangenheit an der Kehle der Gegenwart zu lösen. Die im Gastbeitrag geäußerten Ansichten geben die Meinungen der Autoren wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der t-online-Redaktion.