Ralf Ludwig hat dem MDR einen harten Sparkurs verordnet. Zugleich plant die AfD, seinen Sender in Sachsen-Anhalt abzuschaffen. Wie sehr bangt der Intendant um seine Zukunft? Die Anspannung ist Ralf Ludwig anzumerken: Der Intendant des MDR manövriert seinen Sender durch stürmische Zeiten. In wenigen Tagen findet für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Sachsen-Anhalt eine Schicksalswahl statt. Die AfD steht je nach Prognose bei 40 Prozent – und ein Teil ihres Wahlprogramms dreht sich um die Abschaffung der ARD-Anstalt. Im t-online-Interview spricht Ludwig über schlaflose Nächte, Zukunftssorgen und den schwierigen Spagat zwischen Aufklärung und Einflussnahme. t-online: Herr Ludwig, wie gut schlafen Sie derzeit? Ralf Ludwig: Weniger, als ich möchte. Ist das der gegenwärtigen politischen Situation geschuldet? Es liegt daran, dass wir als MDR unfreiwillig zum Thema im Wahlkampf gemacht worden sind. Das ist schon eine herausfordernde Situation. Da geht es schließlich auch um viele Kolleginnen und Kollegen. Und diese Gedanken werden intensiver, wenn man zur Ruhe kommt. In ihrer Albtraum-Anmutung erinnert Ihre Erzählung an die schwarzen Bildschirme, die Sie Ihren Zuschauern nun vor Augen führen, um zu zeigen, was ohne den MDR fehlen würde. Für viele Menschen wäre das ein Albtraum. Und diese Menschen wollen Sie mit den Schwarzblenden wachrütteln? Wir wollen sachlich aufzeigen, was passieren und fehlen würde, wenn es den MDR in Sachsen-Anhalt nicht mehr gäbe. Leidtragende wären die Menschen. Seitdem wir das gemacht haben, erreichen uns viele Fragen: 'Ist das wirklich wahr, dass der MDR abgeschafft werden soll? Das haben wir so noch gar nicht gehört!' Schwarzes Bild im MDR: Was es mit dieser Aktion auf sich hat Geht es Ihnen dabei auch um Ihre rund 4.000 Mitarbeiter und deren Arbeitsplätze? Natürlich. Ich trage als Intendant Verantwortung für diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Hier stehen Existenzen auf dem Spiel. Welche Rolle spielen Ihre Zuschauer? Wir haben als MDR hohe Vertrauenswerte in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Gleichzeitig bekommt laut Umfragen eine Partei sehr hohen Zuspruch, die uns als erste Amtshandlung abschaffen will. Das widerspricht sich. Ich frage mich, ob die Menschen in Sachsen-Anhalt wirklich wissen, was auf dem Spiel steht. Werden wir konkret: Die AfD könnte mit rund 40 Prozent stärkste Kraft werden. Ihr Spitzenkandidat Ulrich Siegmund will die Rundfunkstaatsverträge kündigen. Empfinden Sie das Vorhaben der AfD als undemokratisch? Nein, es findet eine demokratische Wahl statt. Sollte eine Partei die absolute Mehrheit gewinnen und anschließend die Rundfunkstaatsverträge kündigen, wäre das ihr demokratisches Recht. Die Rundfunkstaatsverträge sehen ausdrücklich Kündigungsmöglichkeiten und -fristen vor. Deshalb würde ich in einem solchen Vorgehen per se zunächst nichts Undemokratisches sehen. Sie haben das Vorgehen der AfD allerdings als Angriff auf einen Grundstein der Demokratie bezeichnet. Und dabei bleibe ich auch. So etwas hat es in der Bundesrepublik Deutschland noch nie gegeben: dass eine Partei so radikal vorgehen und die Axt an einen Grundpfeiler der Demokratie legen will. Was passiert konkret, wenn Sachsen-Anhalt den MDR-Staatsvertrag kündigt? Eine wirksame Kündigung würde frühestens zum 1. Januar 2029 greifen. Bis dahin gilt der MDR-Staatsvertrag auch in Sachsen-Anhalt weiter. Die Bürgerinnen und Bürger müssten weiterhin den Rundfunkbeitrag entrichten, und wir würden selbstverständlich unseren Auftrag erfüllen. Und danach? Die AfD spricht von einem sogenannten Grundfunk, den sie schaffen will. Sachsen-Anhalt müsste ein neues öffentlich-rechtliches Modell vorlegen, das der Verfassung entspricht. Ich kenne das AfD-Modell nicht im Detail. Wenn Unterhaltungs- oder Sportangebote beispielsweise über ein gesondertes Abomodell hinzugebucht werden müssten, entspräche das aus meiner Sicht nicht den verfassungsrechtlichen Vorgaben. Und wenn die AfD es trotzdem umsetzt? Wenn wir zu der Einschätzung kommen, dass das Modell nicht der Verfassung entspricht, werden wir dagegen juristisch vorgehen. Sie würden also gegen das Land Sachsen-Anhalt klagen? Wenn die Voraussetzungen dafür vorliegen: ja. Aber ist Ihre Schwarzbild-Aktion nicht selbst Wahlkampf gegen die AfD? Nein, wir begegnen damit einem Informationsdefizit bei unserem Publikum. Wir informieren und liefern die publizistische Einordnung, was es faktisch bedeuten würde, wenn der MDR weg wäre. Sie greifen mitten im Wahlkampf ein Thema aus dem Sofortprogramm einer einzelnen Partei heraus. Wo endet Aufklärung, wo beginnt politische Einflussnahme? Wir ordnen sachlich ein, was passieren könnte. Das ist unsere publizistische Aufgabe. Eine Demokratie lebt von aufgeklärten Wählerinnen und Wählern. Gleichzeitig müssen wir eine ausgewogene und qualitativ hochwertige Wahlberichterstattung gewährleisten. Und ich kann Ihnen versichern: Genau das tun wir. Obwohl die AfD Ihren Sender abschaffen will? Auch dann. Das ist unser Job. Und obwohl MDR-Journalisten von der AfD zum Feindbild gemacht werden? Wenn bei einzelnen Wahlveranstaltungen Bilder von Kolleginnen und Kollegen des MDR hochgehalten werden und diese Menschen vor Publikum als Feindbild dargestellt werden, macht das etwas mit ihnen. Das sind Methoden, die wir aufs Schärfste verurteilen. Was macht das mit den Kolleginnen und Kollegen? Einige haben großes Unbehagen, rauszugehen. Das Thema begleitet uns schon seit geraumer Zeit. Bei Pegida-Demonstrationen wurden Journalisten "Lügenpresse"-Aufkleber auf den Rücken geklebt, es gab tätliche Angriffe. Das hat sich fortgesetzt. Was haben Sie dagegen unternommen? Wir haben bei entsprechenden Demonstrationen und Veranstaltungen mittlerweile zum Beispiel einen Sicherheitsdienst dabei, damit unsere Teams professionell arbeiten können. Weil sie körperlich angegriffen werden? Ja. Das führt zu teils gefährlichen Übergriffen. Trotzdem können wir nicht sagen: Dann berichten wir eben nicht mehr. Es ist unsere Aufgabe, dort hinzugehen. Wenn unsere Leute körperlich an der Arbeit gehindert werden, müssen wir sie schützen. Wie soll ein Journalist, der auf einer AfD-Veranstaltung als Feindbild präsentiert oder körperlich attackiert wurde, am nächsten Morgen noch neutral über diese Partei berichten? Das ist schwierig. Natürlich thematisieren wir das intern. Wir müssen professionell damit umgehen. Eigene Gefühle oder Befürchtungen dürfen nicht die Berichterstattung beeinflussen. Ein Arzt kann sich auch nicht aussuchen, welche Patienten er behandelt. Er hat die Verpflichtung, alle Menschen zu behandeln, die krank zu ihm kommen. Und genauso haben wir als öffentlich-rechtlicher Rundfunk die Verpflichtung, verantwortungsvoll mit unserer Berichterstattung umzugehen. Sie verteidigen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sehr entschieden. Aber hat der ÖRR nicht auch selbst Vertrauen verspielt? Ich kann nur für den MDR sprechen. Pauschale Vorwürfe wie "zu links" oder "zu grün" muss man konkret machen: an einzelnen Sendungen oder Äußerungen. Was ich aber sehe: Wir müssen noch viel transparenter zeigen, wie unser Programm entsteht und wie Nachrichten entstehen. Dank des Rundfunkbeitrags können wir redaktionell frei und unabhängig arbeiten, das müssen wir stärker erklären. Warum erst jetzt? Wir fangen damit nicht erst jetzt an. Aber offenbar haben Sie viele Menschen bislang nicht ausreichend erreicht. Natürlich verändern sich gesellschaftliche Bedingungen, und darauf muss man reagieren. Wir gehen stärker raus, in kleinere Gemeinden, suchen den direkten Kontakt. Ich bin selbst mehrmals im Jahr dabei. Und da hören wir manchmal: Wir hätten gar nicht gedacht, dass ihr so arbeitet und ganz normale Menschen seid. Das gibt mir zu denken. Ist das nicht ein vernichtendes Urteil? Wenn Bürger überrascht sind, dass beim MDR "ganz normale Menschen" arbeiten? Es sagt mir, dass wir noch mehr erklären und uns noch mehr zeigen müssen. Die Beitragsfinanzierung ist ein Privileg. Dieses Privileg müssen wir jeden Tag mit guten Argumenten rechtfertigen. Was hat der MDR denn konkret falsch gemacht? Natürlich sind wir nicht fehlerfrei. Bei uns arbeiten Menschen, und Menschen machen auch mal Fehler. Entscheidend ist, wie man damit umgeht. Wir sind dabei sehr transparent. Und Publikumsfeedback fließt direkt in die Redaktionsarbeit ein. Auch bei der AfD-Berichterstattung? Wir hatten vor Kurzem eine "Exakt"-Sendung über die AfD und ihr Wahlprogramm. Darauf gab es auch Kritik – etwa die Frage, warum man sich in dem Format so gezielt mit nur einer Partei beschäftigt. Wir haben das redaktionell intern ausgewertet und konnten keine Verfehlung feststellen. Also wir halten fest: Der MDR macht zwar auch mal Fehler, hat aber kein grundsätzliches Problem. Wie gesagt, Fehler gehören zum Handwerk. Entscheidend ist, ob dahinter möglicherweise ein systemischer Fehler steckt. Einen solchen sehe ich nicht. Und zu groß und teuer ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk auch nicht? Die Höhe des Rundfunkbeitrags legen wir nicht selbst fest, sondern die unabhängige Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten, kurz KEF. Und unseren programmlichen Auftrag bestimmen die Länder. Das klingt bequem: Die Politik bestellt, die Politik soll zahlen – und der MDR kann nichts dafür. Nein. Wir verändern unsere Strukturen seit Jahren, arbeiten innerhalb der ARD stärker zusammen, bündeln Technik und Verwaltung und zentralisieren Aufgaben. Da laufen viele große Reformprozesse gleichzeitig. Und bauen dabei Personal ab. Ja. Wir als MDR bauen gerade rund 300 Stellen ab, in dem wir Renteneintritte nicht nachbesetzen. Die Frage liegt nahe: neun Anstalten, neun Verwaltungsapparate, neun Intendanten. Ist das überhaupt noch nötig? Wir haben aus historischen Erfahrungen heraus in der Bundesrepublik aus gutem Grund eine föderale Struktur, und Rundfunk ist Sache der Länder. Ich bin in der DDR groß geworden und habe bis 1989 in einem anderen System gelebt. Deshalb weiß ich sehr wohl, was es bedeutet, wenn Medien zentral gelenkt werden. Sie vergleichen eine zentrale ARD mit dem DDR-Rundfunk? Ich sage: Bei einem zentralen Rundfunk besteht die Gefahr, dass er aus parteipolitischen Gesichtspunkten missbraucht werden kann. Da hilft ein Blick in die deutsche Geschichte bis 1945. Es reicht aber auch, sich den Rundfunk der DDR bis 1989 anzuschauen. Wie ernst ist die finanzielle Lage des MDR? Sehr ernst. Unsere Rücklagen sind aufgebraucht. Wir sind dabei den Vorgaben der KEF gefolgt. Wir müssen jetzt die laufenden Ausgaben mit den laufenden Einnahmen decken und Prioritäten setzen. Das kennt jede und jeder auch aus dem eigenen Leben. Und deshalb trifft es jetzt ausgerechnet den Dresdner "Tatort" und den Magdeburger "Polizeiruf"? Diese Kürzungen schmerzen ungemein. Wenn ich eine Chance gehabt hätte, das zu verhindern, hätte ich es getan. Sie kürzen beim Tafelsilber. Warum? Wir hatten mit der von der KEF zum 1.1.2025 empfohlenen Beitragserhöhung geplant. Diese wurde aber von den Bundesländern nicht umgesetzt. Dadurch müssen wir zusätzlich zu den rund 160 Millionen Euro, die wir ohnehin einsparen müssen, noch einmal etwa 30 Millionen Euro auffangen, vorausgesetzt die jetzt empfohlene Beitragsanpassung um monatlich 28 Cent ab 2027 kommt. Das lässt sich kurzfristig nicht allein durch Strukturveränderungen schaffen. Deshalb mussten wir an die großen Programmetats. War das auch eine strategische Entscheidung? Wenn Sie eine Verwaltungseinheit streichen, interessiert das kaum jemanden. Beim "Tatort" spricht ganz Deutschland darüber. Nein. "Tatort" und "Polizeiruf" sind regional geprägte Sendungen. Die Vorstellung, wir hätten solche Maßnahmen bewusst ergriffen, um bundesweite Aufmerksamkeit zu erzeugen, ist völlig fehl am Platz. Die Alternative wäre gewesen, unsere tägliche regionale Berichterstattung massiv zu schwächen. Das kam nicht infrage. Beim Schlager sparen Sie dagegen nicht. Florian Silbereisens große Shows bleiben. Auch dort haben wir deutlich reduziert. Wir haben schon länger keine eigenen Sendungen mit Florian Silbereisen mehr im MDR-Fernsehen. Es gibt nur noch vier Zulieferungen pro Jahr für Das Erste, die mehrere ARD-Häuser gemeinsam finanzieren. Der "Schlagerboom" ist also sicher, der "Tatort" nicht. Warum muss der Beitragszahler Florian Silbereisen finanzieren? Weil Unterhaltung ausdrücklich zu unserem Auftrag gehört. Und Millionen Menschen lieben diese Shows, in allen Altersgruppen. Bis wann sind die Silbereisen-Shows gesichert? Bis Ende 2028. Danach hängt es auch davon ab, wie es mit dem Rundfunkbeitrag aussieht. Einige Privatsender dürften ihn mit Kusshand nehmen. Haben Sie Angst, dass er bald weg ist? Was heißt Angst? Wir würden Florian Silbereisen gerne länger an die ARD binden. Aber für einen Vertrag braucht es immer zwei Partner. Wir werden das in Ruhe miteinander besprechen, wenn es so weit ist. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Ludwig.