Am 11. September 2001 verliert Howard Lutnick seinen Bruder und 657 weitere Mitarbeiter und Freunde. Heute ist er einer der mächtigsten Männer in Donald Trumps Regierung. Howard Lutnick steht am Morgen des 11. September 2001 vor der Schule seines Sohnes. Es ist dessen erster Tag im Kindergarten. Währenddessen klingelt immer wieder sein Handy. Lutnick geht genervt ran, doch jedes Mal bricht die Verbindung ab. Später erfährt er, wer ihn erreichen wollte: sein jüngerer Bruder Gary. Der sitzt in den Büros von Cantor Fitzgerald, Lutnicks Finanzunternehmen, im Nordturm des World Trade Centers – oberhalb der Stelle, an der kurz zuvor ein von Terroristen gesteuertes Flugzeug eingeschlagen ist. Es gibt keinen Fluchtweg für ihn. Gary Lutnick erreicht schließlich die gemeinsame Schwester und verabschiedet sich von ihr. Howard Lutnick verpasst den letzten Anruf seines Bruders. Der 11. September prägt Lutnicks politisches Denken bis heute. Der Terroranschlag formte ein Weltbild, das sich in auch in der Politik des aktuellen Handelsministers niederschlägt: Abhängigkeit macht verwundbar. Sicherheit entsteht durch Stärke, Kontrolle und die Fähigkeit, im Ernstfall aus eigener Kraft weiterzumachen. Newsblog zur US-Politik : Alle Entwicklungen im Überblick Nahost : Rubio und Vance bereiten Trump auf Krieg bis 2029 vor 658 Tote bei Lutnicks Firma Cantor Fitzgerald Cantor Fitzgerald verliert am 11. September 2001 658 seiner 960 New Yorker Mitarbeiter – mehr als jedes andere Unternehmen. Unter den Toten sind Lutnicks Bruder und sein bester Freund. Für Howard Lutnick folgen Jahre der Trauer. Gleichzeitig muss der damals 40-Jährige seine Firma retten. Schon wenige Tage nach den Anschlägen gründet er mit seiner Schwester einen Hilfsfonds für die Angehörigen. Cantor Fitzgerald verpflichtet sich später, über Jahre einen Teil seiner Gewinne an die Familien der Opfer weiterzugeben. Der Wiederaufbau der Firma wird zu einem zentralen Teil von Lutnicks Biografie: ein schwerer Schlag, danach der Versuch, mit unerbittlicher Härte stärker zurückzukommen. So gelingt es ihm sein Unternehmen zu retten. Politisch führte ihn 9/11 zunächst keineswegs automatisch zu den Republikanern. Noch 2016 unterstützte Lutnick auch Hillary Clinton . Sie habe New York nach den Anschlägen geholfen, begründete er das später. So etwas vergesse er nicht. Loyalität gegenüber Menschen, die in einer Krise an seiner Seite standen, spielt in Lutnicks Denken eine große Rolle. Der 7. Oktober 2023 als zweiter Einschnitt An Donald Trump schließt sich Lutnick erst nach dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 an. Trumps Reaktion habe eine klare moralische Haltung gezeigt, sagt er später. Im Wahlkampf um die US-Präsidentschaft 2024 verknüpft er das ausdrücklich mit seiner eigenen Geschichte. Er erzählt vom Tod seines Bruders und seiner Mitarbeiter am 11. September und sagt, deshalb wisse er, was islamistischer Terror bedeute. Die USA müssten entschlossen gegen ihre Gegner vorgehen. Dieses Denken überträgt Lutnick auch auf die Wirtschaft. Als Handelsminister argumentiert er, Amerika dürfe bei zentralen Gütern nicht vom Ausland abhängig sein. Ein Land könne keinen Krieg führen, wenn es seinen Stahl nicht selbst herstelle. Beim Sender CBS formuliert er dieselbe Vorstellung noch grundsätzlicher. Die Handelspolitik sei eine Frage der nationalen Sicherheit. Amerika müsse Medikamente, Halbleiter, Schiffe, Stahl und Aluminium selbst herstellen können. Die USA müssten anfangen, sich "selbst zu schützen". Darin findet sich ein Motiv wieder, das Lutnicks Biografie seit dem 11. September 2001 durchzieht: Sicherheit entsteht für ihn durch Stärke, Kontrolle und die Fähigkeit, nach einem Schlag aus eigener Kraft weiterzumachen. Nach 9/11 verfolgte er dieses Prinzip zunächst bei Cantor Fitzgerald. Heute überträgt er es auf ein ganzes Land. Amerika müsse wieder lernen, sich selbst zu schützen, lautet seine Botschaft. Trump lieferte die ökonomische Theorie Trotzdem wäre es falsch, zu behaupten, der Terroranschlag habe Lutnick zum Anhänger von Strafzöllen gemacht. Er selbst widerspricht einer solch vereinfachten Erzählung. Noch Jahre später habe er von Zöllen wenig verstanden, sagt Lutnick 2025. Erst Donald Trump habe ihm das Thema nähergebracht. Mehr als ein Jahr lang hätten beide gemeinsam an der späteren Zollpolitik gearbeitet. 9/11 machte Lutnick also nicht zum Anhänger von Strafzöllen, aber zum Verfechter einer Politik, die knallhart die Interessen der USA durchboxt. Und sei es mit Strafzöllen.