Das Dilemma der Parteien: Sollen sie ihren frustrierten ehemaligen Wählern nachlaufen? Oder finden sie eine "eigene Geschichte", die sie erzählen können? Die Altkanzlerin ist erschüttert: "Mir als CDU-Mitglied blutet das Herz", kommentierte die langjährige Parteivorsitzende am Dienstag bei einer Digitalkonferenz in Köln den Wahlsieg der AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Angela Merkel forderte ihre Partei auf, künftig nicht mehr auf die AfD zu starren, sondern ihre "eigene Geschichte zu erzählen". Was aber kann die neue Geschichte der CDU sein? Unter Angela Merkel hat die CDU die Mitte der Gesellschaft neu vermessen und sich in dieser Mitte eingerichtet: Die Partei wurde koalitionsfähig für SPD und Grüne, sie dehnte ihre Machtoption aus, und betrachtete das Kanzleramt lange Jahre als Erbhof. Dieser Weg wurde durch die Überzeugung geprägt, dass die Christdemokraten auf der rechten Seite des politischen Spektrums nie mehr Stimmen verlieren könnten, als links der konservativen Komfortzone zu gewinnen waren. Die Folge: Auch wer rechts wählte, bekam linke Politik. Spürbar wurde das besonders in der Umwelt-, Klima-, Sozial-, Frauen- und Familienpolitik. Eine "eigene Geschichte" hat die CDU unter Angela Merkel nur in Ausnahmefällen erzählt. Ihr Rezept war es, mit den Geschichten der anderen zu gewinnen. Wer die Merkel-CDU nicht mochte, blieb zu Hause Es war wie ein Geniestreich. Die CDU wurde für das progressive Milieu nicht nur wählbar. Sie blieb an der Regierung. Die Kanzlerin wurde von Grünen und Sozialdemokratinnen zeitweise mehr geschätzt als von den eigenen Leuten. Wer nicht einverstanden war, ging halt nicht mehr zur Wahl und störte nicht weiter. Doch dann verschob sich die Mitte. Sie wurde konservativer. Die Migrationskrise, die Corona-Pandemie und zuletzt das Heizungsgesetz der Ampelregierung wirkten als Katalysatoren der Verbitterung. Der Mainstream, der jahrelang von aufgeklärten und gebildeten Großstädterinnen formuliert worden war, verfinsterte sich. Und dann gab es ja die AfD. Welche Optionen gibt es jetzt, die "eigene Geschichte" wiederzufinden und zu erzählen? Für die CDU ist die Sache besonders schwierig. Sie hat zwei Möglichkeiten. Sie kann der Mitte nachziehen und Politiker-Persönlichkeiten wie Innenminister Alexander Dobrindt (CSU), die wirtschaftsliberale Wirtschaftsministerin Katherina Reiche oder auch die erzkonservative frühere Familienministerin Kristina Schröder stark machen, anstatt sie an die Ränder zu drücken. Das könnte sie retten, allerdings auch um die aktuelle Machtoption bringen. Die Koalition mit der SPD könnte scheitern. Die Mitte ist nicht rechtsradikal Der zweite Weg wäre der Versuch, die Mitte in das eher progressive Spektrum zurückzuführen. Diesen Vorschlag macht die Altkanzlerin mit der Formulierung "die eigene Geschichte zu erzählen" und dafür Mehrheiten zu begeistern. Das ist entschieden der mutigere Weg und wäre vermutlich eine gute Alternative für Deutschland. Ob es allerdings der Weg des amtierenden Kanzlers Friedrich Merz sein kann, muss bezweifelt werden. Auch Sozialdemokraten hätten durchaus Möglichkeiten, "ihre" Leute wieder zu finden und für sich zu gewinnen. Dazu müssten sie allerdings das Image abstreifen, die Interessen von Transferempfängern und des öffentlichen Dienstes stärker zu vertreten als die der "hart arbeitenden Mitte". Die fühlt sich von ihrer einstigen Traditionspartei verraten. Eine andere Mitte, die sich neu gewinnen ließe, steht der SPD leider nicht zur Verfügung. Die nämlich hat sich längst bei den Grünen eingerichtet. Bleibt die AfD, die sich im Augenblick gar keine Sorgen macht, einen Teil ihrer Wählerinnen wieder einzubüßen, indem sie sich weiter radikalisiert. Genau darin liegt ihr größtes Risiko. Die soziokulturelle Mitte mag nach rechts gerückt sein. Doch radikal rechts ist sie nicht. Sie ist Mitte. Und genau deshalb möglicherweise doch erreichbar für das, was die Altkanzlerin mit der "eigenen Geschichte" meint.