Die AfD hatte bei der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern fest mit Platz 1 gerechnet. Doch ihr könnte ein Dämpfer drohen. Für ihren Ministerpräsidenten-Kandidaten könnte das Folgen haben. Leif-Erik Holm steht am Donnerstagabend in einem Bürgersaal in Waren an der Müritz. Die Veranstaltung wurde als "Wahlkampffinale" beworben. Holm tritt hier mit einem in Parteikreisen prominenten Gast auf: René Springer, Brandenburger AfD-Chef. Doch vor Springer und Holm sitzen nur rund 50 Besucher, mehr als ein Drittel der Plätze bleibt leer. Und manch einer wäre offensichtlich lieber woanders gewesen. Eine Frau in rotem Oberteil und langem Pferdeschwanz sagt am Ende der Veranstaltung, sie habe sich eigentlich heute Abend für ein Abendessen mit Manuela Schwesig interessiert. Nur im Kreise von Frauen habe das stattfinden sollen. "Und bist du reingekommen?", fragt der Ministerpräsidentenkandidat der AfD in Mecklenburg-Vorpommern. "Leider nein", sagt die Frau. Holm lacht. Doch der Eindruck ist ungünstig. Denn es ist ein Gefühl, das sich durch Holms Wahlkampf zieht. Von Anfang an und erst recht an seinem Ende: dass Holm nur die zweite Wahl ist. In seinem Landesverband lauert seit Langem Konkurrenz für ihn. Nun wird er zudem zwangsweise mit Ulrich Siegmund verglichen, dessen Team in Sachsen-Anhalt den bisher erfolgreichsten Wahlkampf der AfD abgeliefert hat. Und schlimmer noch: Schwesigs SPD schickt sich auf den letzten Metern an, der AfD in Mecklenburg-Vorpommern den Rang als stärkste Kraft abzulaufen. Irgendwer sei eben immer "schneller, schöner, besser", sagt einer von Holms treuen Wahlhelfern schulterzuckend. Doch bei diesem Wahlkampf könnte das Konsequenzen haben – für Holm, der seit 13 Jahren fast ohne Unterbrechung den AfD-Landesverband im Norden anführt. Und für die gesamte AfD. Die Erwartungen in der AfD waren groß Holms Wahlkampf lief zum großen Teil unter dem Radar der Öffentlichkeit ab. Im Windschatten von Sachsen-Anhalt, wo die Zustimmungswerte für die AfD von Anfang an noch ein Stück besser und die erste AfD-Alleinregierung realistischer war. Doch die Erwartungen an die AfD Mecklenburg-Vorpommern waren parteiintern ähnlich hoch. Denn schon seit einem Jahr liegt der Landesverband eigentlich auf Platz 1 der Umfragen und überspringt die 30-Prozent-Marke seither weit. Bis auf 38 Prozent hinauf kletterte der Zustimmungswert zeitweise. Und das schon ganz ohne Wahlkampf. Tino Chrupalla sagte t-online im Dezember , er halte Mecklenburg-Vorpommern fast für "einen Tick interessanter" für die AfD. "Von hinten durch die Brust ins Auge", so drückte der AfD-Bundeschef es aus. Damit formulierte Chrupalla eine Hoffnung, die in der Rechtsaußen-Partei viele hatten: Die Sachsen-Anhalter sollten aufsehenerregend vorlegen. Und die AfD in Mecklenburg-Vorpommern diesen Aufwind zwei Wochen später nutzen und gleichziehen. Oder das Ergebnis sogar noch übertreffen. Ein Doppelsieg für die AfD im Osten, gesichert zwei Mal stärkste Kraft, womöglich sogar zwei Mal Chance auf eine Alleinregierung – so malte man sich das aus. Das für die AfD einzigartige Momentum nutzen, mit Erschütterungen bis nach Berlin . Zumindest bis zum Jahr 2029, wenn in drei Ost-Ländern und im Bund gewählt wird. Doch das war vor Monaten. Ein paar Tage vor der Wahl blickt man in der Regel sehr viel nüchterner auf diesen Wahlsonntag. Auch im Norden selbst. Vermutlich werden sie ihr Ergebnis von 2021 mindestens verdoppeln. Das schon. Doch aus der Alleinregierung werde nichts. Und womöglich auch nichts aus der stärksten Kraft, heißt es da. Inzwischen spricht man lieber erwartungsvoll über das Ergebnis für die CDU als über das eigene. Die CDU nämlich steht in Umfragen nur bei sieben Prozent. So schlecht, dass es vielleicht wenigstens mit den Erschütterungen bis nach Berlin noch etwas wird. Schwesigs Aufholjagd überraschte viele Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Die aktuelle Ministerpräsidentin Manuela Schwesig hat eine Aufholjagd gestartet, mit der man nicht gerechnet hatte in der AfD. Stark in den sozialen Medien, hart und teils populistisch in der Attacke. "Eigentlich ist sie der Siegmund dieses Wahlkampfs", sagt einer, der Holm unterstützt. Soll heißen: die mit dem sehr viel stärkeren Wahlkampf. "Die Frau gegen Blau", wie Schwesig sich landesweit in tiefrot plakatieren lässt, greift Holm auch in TV-Debatten unnachgiebig an. Der wirft ihr, in den TV-Studios wie auf seinen Wahlkampfveranstaltungen, Lügen vor. "Pinacchia-Manu", nennt er sie in Anlehnung an "Pinocchio-Fritze", eine Beleidigung für den Kanzler. Die "mit der langen Nase". Doch der 56-Jährige ist kein guter Populist. Er wirkt nicht wütend, wird fast nie laut und übertreibt selten. Wenn er große Versprechen macht, dann schränkt er sie rasch wieder ein. Unaufgeregt und relativ realistisch tritt er auf. Als Hauptthema im Wahlkampf setzt er auf Bildung. Ungewöhnlich für AfD-Politiker – zumindest für die erfolgreichen. Damoklesschwert Siegmund Und dann ist da der Vergleich mit Ulrich Siegmund, der wie ein Damoklesschwert über Holm hängt. Er ist ein wenig fies, das muss man sagen. Denn auch jeder andere AfD-Wahlkämpfer bisher würde in diesem Vergleich schlecht abschneiden. Siegmund und sein Team lieferten ein Gesamtpaket , wie es bisher noch kein anderer AfD-Landesverband lieferte: maximale Motivation, hohe Professionalisierung, treibende Inhalte, neue Kommunikationswege. Sie entfesselten so einen Personenkult um Siegmund . Dieser Wahlkampf gilt schon jetzt als neuer Goldstandard in der AfD. Auch wenn sie in der Partei eingestehen: Einen wie Siegmund an der Spitze zu haben, sei ein seltener Glücksfall. Er habe die Ausstrahlung eines "Volkstribuns", der die Massen mitreiße. In der heißen Wahlkampfphase standen die Menschen teils stundenlang Schlange, um Selfies und Autogramme von ihm zu erhalten. Bei Holm sieht das anders aus. An einem Infostand vor einem Edeka in Schwerin am Freitag ist kaum Betrieb. Ein paar Jungen, die gerade von der Schule kommen, holen sich Info-Material, Kugelschreiber, Becher. Eine ältere Passantin reckt Holm beide Daumen entgegen. Interesse zu reden aber haben nur wenige. Wenn AfDler über Holm sprechen, dann fallen oft die Wörter "nett" oder "gemütlich". Ein guter, ein sympathischer Kerl, aber … Und dieses "Aber" wird lauter. Auch in Holms eigenem Verband. Radikale Strippenzieher stützen Holm nicht Dabei ist dieser Verband ein Grund für Holms durchschnittlichen Wahlkampf. Seit 13 Jahren schon ist er dort Co-Chef. Es ist der einzige Verband der AfD im Osten, den der Verfassungsschutz nicht als "gesichert rechtsextrem" einstuft. Holms Auftreten dürfte damit einiges zu tun haben, aber auch die Mentalität im Norden. Hier ticke man eben anders, zu viel Härte im Auftreten, im Parteiprogramm schade eher, sagen selbst die Radikaleren dort. Die gibt es in Holms Verband dennoch zuhauf, viele von ihnen sind einflussreiche Strippenzieher. Sie heißen Dario Seifert , Thore Stein, Nikolaus Kramer oder Daniel Fiß. Die Älteren von ihnen sind in rechten Burschenschaften sozialisiert, die Jüngeren waren Mitglieder der NPD-Jugend oder Führungskader der rechtsextremen "Identitären Bewegung". Der Maschinenraum der AfD, auch im Verband des vergleichsweise gemäßigt auftretenden Holms, tickt stramm rechts. Holm pflegt mit einigen von ihnen taktische Bündnisse, die anderen duldet er seit Jahren. Doch er wird nicht breit von ihnen getragen. Das ist vielleicht der wichtigste Unterschied zu Siegmund, dessen Wahlkampf nur als Teamleistung möglich war. Die Radikalen in Sachsen-Anhalt haben sich hinter Siegmund eingereiht, loben ihn unisono als "besten Mann". Und Siegmund lobt sie, wischt ihre teils tiefbraune Vergangenheit einfach vom Tisch, als habe sie keinerlei Bedeutung. Holm hingegen wirkt immer etwas verlegen, wenn es um ihn herum zu radikal wird. An der Demo der AfD-Jugend "Generation Deutschland" in Schwerin nahm er zwar teil, hielt dort eine Rede. Doch als der Demozug der Jungen minutenlang laut "Remigration" skandierte, wirkte er an der Spitze verloren. Wenn er auf Bühnen sitzt, auf denen seine Parteikollegen harte, ausländerfeindliche Reden halten, zückt er oft sein Handy. Als würde er in diesen Momenten lieber nicht sehen, nicht hören wollen, was direkt neben ihm passiert. Die Konkurrenz steht in den Startlöchern Die Radikalen geben Holm das zurück. Sie setzen schon seit einer Weile auf ein anderes, moderates Aushängeschild: Enrico Schult. Der ist neun Jahre jünger als Holm, seit 2021 schon Co-Landeschef an dessen Seite und seit diesem Juni auch Fraktionschef im Landtag. Inhaltlich positioniert er sich ähnlich wie Holm, gilt aber als kooperationsbereiter und weniger eigensinnig. Unter anderem diese Zerrissenheit im Verband hat zu einer Konstellation geführt, die Holm im Wahlkampf immer wieder auf die Füße gefallen ist: Er tritt zwar als Ministerpräsidenten-Kandidat und als Direktkandidat in Schwerin an, im Wahlkreis direkt gegen Manuela Schwesig. Doch auf der Landesliste der Partei taucht er nicht auf. Dort steht Enrico Schult auf Platz 1 und trägt damit den Titel "Spitzenkandidat". Nicht nur Journalisten sprechen die sonderbare Kombination häufig an, auch Schwesig hat das immer wieder zum Thema gemacht. Holm, so ihr Vorwurf, lasse sich eine Hintertür offen. Nach Schwerin wolle er eben nur als Ministerpräsident, ansonsten wolle er lieber weiterhin die Vorzüge als Bundestagsabgeordneter in Berlin genießen, weit weg von zu Hause. Es ist ein schwerer Vorwurf in einem Landtagswahlkampf. Einer, der gut verfangen kann. Kann Holm sich halten? Die letzten zwei Tage vor der Wahl unterstützte Siegmund Holm und Schult. In Neubrandenburg , Demmin und Schwerin trommelte er für seine Kollegen in Mecklenburg-Vorpommern, hielt Reden wie in seinem eigenen Wahlkampf und machte viele, viele Selfies. Die Veranstaltungen waren gut besucht, Hunderte kamen. In Neubrandenburg bildet sich am Freitag eine lange Schlange, um auf der Bühne mit dem Spitzenpersonal ein Gruppenfoto zu schießen. Für wen sie genau hier in der Schlange stehen, mit wem sie unbedingt ein Foto wollen? Von fünfen, die man das fragt, antworten drei: "Uli" oder, etwas verdruckst: "Um ehrlich zu sein: Siegmund". Ob dieser Wahlkampf genügte, um die AfD in einem weiteren Bundesland zur stärksten Kraft zu machen, wird sich am Sonntagabend zeigen. Und in den Monaten danach, ob es genügen wird, um Holm auf Dauer an der Spitze des Verbands zu halten. Siegmund jedenfalls grüßt am Sonntag in einem Video für die sozialen Netzwerke von der Bühne in Schwerin in einer speziellen Reihenfolge: "Ich drücke euch die Daumen, Enrico Schult, Leif-Erik Holm", ruft er da.