Bei "Caren Miosga" will Ex-Vizekanzler Robert Habeck eigentlich den Elder Statesman geben. Seine offenen Rechnungen mit Unionspolitikern kommen ihm in die Quere. Caren Miosga beschränkte sich am Sonntagabend in ihrer ARD-Talkshow auf einen einzigen Gast. Robert Habeck , der ehemalige grüne Hoffnungsträger und Bundeswirtschaftsminister der Ampelregierung unter Olaf Scholz, durfte zu den drängenden Fragen der Zeit Stellung nehmen – von der Schrumpfung der politischen Mitte in Deutschland bis hin zur geopolitischen Bedeutung der Arktisregion. An den Nordpol habe ihn die Suche nach Abstand zum öffentlichen Leben in Deutschland geführt, erklärte Habeck. Von dort aus betrachte er mittlerweile die Geschehnisse in Deutschland und der Welt. Dass ihn diese Distanz in die Lage versetze, manche große Entwicklungslinie klarer zu erkennen als noch zu Zeiten, als er Teil der Bundesregierung war, schwang in den Ausführungen des ehemaligen Spitzenpolitikers unausgesprochen mit. So erläuterte Habeck beispielsweise, man dürfe sich nicht in die Tasche lügen und glauben, wenn man konkrete Probleme wie die Rente mit 63 oder die Streitfragen rund um die Wärmepumpe löse, die seine eigene Amtszeit geprägt hatten, werde man das Erstarken der politischen Ränder stoppen. Habeck vermisst Zukunftsplan der Mitte Vielmehr sei diese Entwicklung in vielen westlichen Ländern zu beobachten, die als Industrienationen angesichts des globalen Wettbewerbsdrucks ihr grundlegendes Wohlstandsversprechen nicht mehr einlösen könnten. Daraus erwachse der Zorn breiter Schichten, die, anders als etwa Staatsbeamte, nicht in geschützten Arbeitsbereichen tätig seien. "Man muss ja wirklich sagen, dass wir Angst haben müssen, dass uns das System auseinanderfliegt", warnte Habeck. Der politischen Mitte riet er vor diesem Hintergrund zu einer weniger defensiven Sprache. Es gehe darum, nicht nur zu sagen, was man verteidigen oder schützen wolle, sondern einen eigenen Zukunftsplan herauszuarbeiten. Geht es nach dem ehemaligen Grünen-Vorsitzenden, dürfte die deutsche Christdemokratie die Hauptleidtragende der gegenwärtigen politischen Verschiebungen seien. "Die CDU hat Grund zur Beunruhigung, nicht nur weil sie selber Probleme hat und so ist, wie sie ist, und viele Wahlversprechen sich als falsch erwiesen haben", führte Habeck aus. Die Situation der Volksparteien hierzulande passe sich mit einer gewissen Verspätung schlicht an das an, was in vielen anderen europäischen Ländern längst Normalität sei. Ex-Vizekanzler teilt gegen Merz aus Eine deutliche Kritik an der CDU und ihrem Vorsitzenden Friedrich Merz konnte und wollte sich Habeck dennoch nicht verkneifen. Im Gegensatz zum Kanzler habe er, auch in schwer umkämpften Zeiten, seine Leute und seine Partei stets hinter sich gehabt. "Das hat er ja nun auch offensichtlich gar nicht mehr", beschrieb der ehemalige Grünen-Politiker den mangelnden Rückhalt des Kanzlers in den eigenen Reihen. Besonders erstaunt zeigte sich Habeck über alle, die Merz ins Amt gewählt oder seinen Aufstieg befördert hätten und jetzt über dessen Auftreten und Charakter erstaunt seien. Besonders von einigen nicht näher benannten Medienvertretern verlangte der ehemalige Grünen-Chef, sich diesbezüglich ehrlich zu machen. Diese hätten Merz "ganz schön hochgeschrieben". Auf die Nachfrage der Moderatorin, wen er damit meine, antwortete Habeck nur: "Da werden sich schon ein paar angesprochen fühlen." Mit echter Besserung schien der Ex-Minister aber nicht zu rechnen. Der Antrieb, die Dinge ins Lot zu setzen und Selbstkritik zu üben, sei im politischen Raum nicht besonders ausgeprägt, sagte der Ex-Minister. Habecks Rückblick auf die eigenen politischen Taten und Leistungen fiel bei seinem Solo-Talkshow-Auftritt gemischt aus. "Ich war Teil des Rumgestreites, und es ist uns nicht gelungen, am Ende Lösungen zu geben, die groß genug sind für das Problem", erklärte er zum Chaos in der konfliktreichen Regierungskoalition aus SPD , Grünen und FDP . Habeck wirft Israel "Kriegsverbrechen" vor Die harten Worte, die er 2025 pünktlich zum eigenen Rücktritt aus der Politik gegenüber der Tageszeitung "taz" über den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) und die Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) geäußert hatte, wollte Habeck hingegen weder zurücknehmen noch relativieren – allen Versuchen der Moderatorin zum Trotz, ihn zu einer Entschuldigung zu bewegen. "Das war das erste Interview der Freiheit. Da konnte ich mal sagen, was ist", ordnete der ehemalige Grünen-Politiker das Gespräch ein, in dem er Söder "fetischhaftes Wurstgefresse" vorgeworfen und Klöckner als "Fehlbesetzung" beschrieben hatte, die "mutwillig oder aus Dämlichkeit" die Gesellschaft spalte. Er habe keine Pläne, keine Strategie und kein Verlangen, in die Politik zurückzukehren, stellte Habeck klar und trat damit Gerüchten entgegen, er plane eine neue Partei mit seinem ehemaligen Kabinettskollegen Volker Wissing . Auf lange Sicht ausschließen wollte der 57-Jährige ein Comeback aber auch nicht ganz. Das jedenfalls legte sein "Das kann ich mir im Moment nicht vorstellen" als Antwort auf die Nachfrage der Moderatorin nahe. Dass Habeck das nationale und internationale politische Geschehen mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, ließ sich in der Sendung an seinen Ausführungen zum Antisemitismus-Problem der Berliner Linken, zur Schwierigkeit, sich über die "Kriegsverbrechen" der israelischen Regierung in Gaza zu äußern, und zur sicherheitspolitischen Bedeutung der Arktis ablesen, über die er jüngst ein Buch verfasst hat.