In Äthiopien flammt der alte Konflikt zwischen den Rebellen im Norden und der Zentralregierung wieder auf. Auch Premier Abiy Ahmed Ali gerät in die Kritik. Der Rahmen bei der Verleihung des Friedensnobelpreises in Oslo war feierlich. "Es gibt Menschen, die den Krieg nie erlebt haben, ihn aber verherrlichen und romantisieren", sagte Nobelpreisträger Abiy Ahmed Ali in seiner Dankesrede. Er schob aber umgehend nach: "Diese Menschen haben die Angst nicht gesehen, sie haben die Erschöpfung nicht gesehen, sie haben die Zerstörung und das gebrochene Herz nicht gesehen, und sie haben auch nicht die schwermütige Leere des Krieges nach dem Gemetzel gespürt. Für alle Beteiligten ist der Krieg der Inbegriff der Hölle." Das war 2019. Äthiopiens Regierungschef Abiy Ahmed erhielt den Nobelpreis für seine Aussöhnung mit dem Nachbarland Eritrea . Hoffnung auf eine friedliche Entwicklung keimte auf. Doch schon 2020 flammte in Äthiopien erneut ein Bürgerkrieg auf. Je nach Schätzung starben bei dem Bürgerkrieg zwischen Kämpfern der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) im Norden des Landes und den Regierungstruppen von Premier Abiy Ahmed allein in den ersten beiden Jahren zwischen 162.000 und 600.000 Menschen. Ein Abkommen beendete die Kämpfe 2022. Aber nur vorübergehend. Seit Ende September intensivieren sich die Kämpfe wieder. Der Anwalt Amdegebreal Admassu sagte dem Sender Deutsche Welle (DW): "Wir beobachten Fälle, in denen diese Einrichtungen – die den Bewohnern auch als Schutzräume dienen – entweder versehentlich getroffen oder gezielt angegriffen werden." Sudan: Trumps Kürzung bei USAID trifft ein Land besonders Abiy Ahmed: Äthiopiens Regierungschef ausgezeichnet Die seit Langem bestehenden Spannungen zwischen der Regierung und den Behörden im nördlichen Regionalstaat Tigray sind mit den neuerlichen Angriffen auf Afar und Amhara eskaliert. Die TPLF, die am vergangenen Sonntag eine Allianz mit sechs weiteren bewaffneten Gruppen zum Sturz der Regierung geschmiedet hatte, spricht von einem neuen Krieg gegen die Regierungstruppen. Die Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) warnte schon vor zwei Jahren in einer Analyse: "Die Beziehungen zwischen den größten Volksgruppen sind in Bewegung ebenso wie deren Verhältnis zur Regierung. Dem Staat mangelt es in zentralen Regionen des Landes an Legitimität, sein Gewaltmonopol ist umstritten und er verfügt kaum über finanzielle Ressourcen, um die Bevölkerung flächendeckend zu versorgen." Strategisch wichtiger Flughafen in der Hand von Rebellen Die Gefechte verstärkten sich, als Tigray-Rebellen der TPLF den strategisch wichtigen Flughafen der Stadt Mekelle einnahmen. Vor der Eroberung des Flughafens hatte ein heterogenes Bündnis mehrerer Oppositionsgruppen erklärt, Abiys Regierung stürzen zu wollen. Zu dem Bündnis gehört auch die TPLF. Abiys Partei PP (Prosperity Party) hatte im Juni die Wahl in dem zweitbevölkerungsreichsten Land Afrikas klar gewonnen. In Tigray wurde die Wahl nicht abgehalten. Menschenrechtsgruppen kritisierten, die Wahl sei nicht frei und fair gewesen, denn die Anführer mehrerer Oppositionsparteien blieben in Haft. Abiy Ahmeds Regierung antwortete mit einer Gegenoffensive. In der Provinz Afar habe es in der Nacht "heftige Kämpfe" rund um die Stadt Abala gegeben, hieß es zuletzt aus Kreisen humanitärer Helfer. Die Armee der Zentralregierung habe die Rebellen daran gehindert, in die Stadt einzudringen. Im Norden des Landes kam es zu Stromausfällen. Zuvor wurden auch aus dem Gebiet Nord-Wollo in Amhara Kämpfe gemeldet, wo sich Äthiopiens berühmte mittelalterliche Felsenkirchen befinden, die zum Unesco-Weltkulturerbe zählen. Die äthiopische Armee teilte unterdessen mit, mehr als 700 Tigray-Rebellen in der Region Amhara getötet zu haben. Zu Toten innerhalb der Armee oder der Zivilbevölkerung äußerte sie sich zunächst nicht. Furcht vor Übergriffen auf Zivilbevölkerung Die Organisation Netblocks meldete am Freitag eine Störung der Internetverbindungen im Norden Äthiopiens. In der Region Tigray gebe es Berichte über einen "vollständigen Telekommunikationsausfall". Das Internationale Rote Kreuz zog Teams aus der Region ab. Zugleich erhob Anwalt Amdegebreal Admassu schwere Vorwürfe wegen Übergriffen auf die Zivilbevölkerung und zivile Einrichtungen. "Sowohl nach internationalem Recht als auch nach dem Strafgesetzbuch unseres Landes werden solche Handlungen als Kriegsverbrechen eingestuft", sagte er der Deutschen Welle. Auch das Nachbarland Eritrea könnte nach Ansicht von Experten auf der Seite der Rebellen in den Konflikt eintreten. "Ich rechne nicht damit, dass dies wieder zu einem ruhigen, niedrigschwelligen Konflikt zurückkehrt", erklärte die Leiterin der Nichtregierungsorganisation Acled, Clionadh Raleigh, in einem Bericht. "Es sind jetzt zu viele Interessen im Spiel." Äthiopien droht in einem blutigen Chaos zu versinken.