Braucht Deutschland wirklich so viele Beamte? Dieser Frage geht "Tagesthemen"-Moderatorin Jessy Wellmer nach. Im t-online-Interview schildert sie ihre Sichtweise. Die meisten kennen Jessy Wellmer als Nachrichtensprecherin. Seit 2023 steht sie für die "Tagesthemen" vor der Kamera. Jetzt beschäftigt sich die Journalistin in einer ARD-Dokumentation mit der Notwendigkeit von Beamten. Rund 1,8 Millionen Staatsdiener gibt es in Deutschland. Die Frage nach der Gerechtigkeit wird bei vielen Bürgern immer lauter. Gerade jetzt, wo überall gespart werden soll, wird darüber diskutiert, dass Beamte nicht in die Sozialversicherungssysteme einzahlen und milliardenschwere Pensionen erhalten. Im t-online-Interview spricht Wellmer unter anderem darüber, ob das Beamtentum abgeschafft werden sollte und welche Staatsdiener in Zukunft in die Rentenkassen einzahlen sollten. t-online: Frau Wellmer, wie fällt Ihr persönliches Urteil nach der Arbeit für die Doku aus? Sollten wir das Beamtentum abschaffen? Jessy Wellmer: Es gibt sehr gute Gründe dafür, das Beamtentum für bestimmte Berufsgruppen zu erhalten. Es macht Sinn, dass Polizisten, Feuerwehrleute oder auch Steuerfahnder dem Staat und der Verfassung verpflichtet sind und nicht einfach so die Arbeit niederlegen können, um zu streiken. Sie halten das Land am Laufen, begeben sich in Gefahr. Für hoheitliche Aufgaben ist der Beamtenstatus richtig und wichtig. Können Sie nachvollziehen, dass sich so viele Bürger über das Beamtentum ärgern? Es gibt bei vielen die Wahrnehmung einer Zweiklassengesellschaft. Das weckt ungute Gefühle. Gerade wenn es der Wirtschaft weniger gut geht, ploppt das Beamten-Thema hoch. Deswegen lohnt sich ein differenzierter und vielfältiger Blick auf das Beamtentum und darauf, ob und welche Reformen notwendig wären. Staatsdiener: Diese Vorteile und Nachteile hat der Beamtenstatus Rentenkommission will weniger Beamte: Wer künftig nicht mehr verbeamtet werden soll Welche Vorurteile über Beamte konnten Sie in ihrer Doku widerlegen, welche haben sich bestätigt? Es ging uns nicht darum, mit Beamtenklischees um uns zu werfen. Wir haben viele Beamte getroffen, die seit Langem mit Engagement ihren Job machen. Klar, es gibt immer die, die es gerne schleifen lassen. Und sicher verführt das System einige dazu, es sich bequem zu machen. Das ist aber nicht die Mehrheit. Fragen Sie mal Polizisten oder Feuerwehrleute in Berlin , ob die zu wenig zu tun haben. Da sind viele schon lange am Anschlag. In welchen Bereichen sind Beamte Ihrer Meinung nach noch nötig und welche Privilegien sind noch gerechtfertigt? Wo hingegen sind sie überflüssig oder obsolet? Wirklich hoheitliche Aufgabenbereiche sollten geschützt werden. Das habe ich schon ausgeführt. Viele Gespräche im Film werfen die Frage auf, ob es nötig ist, Lehrer zu verbeamten. Sie machen gut ein Drittel des gesamten Beamtentums aus. Sie verdienen gut und bekommen demnach auch hohe Pensionen, die die Staatskasse jetzt schon immens belasten, in Zukunft noch mehr. "Die wahre Mama": Das ist der Mann von ARD-Moderatorin Jessy Wellmer Besonderer Status: Wie viel Steuern zahlen Beamte? Hat sich Ihr Blick auf das Beamtentum durch die Doku verändert? Es lohnt sich immer, einen tieferen Blick in ein Thema zu wagen. Sonst bleibt man an der Oberfläche und klebt an Klischees. Mein Gefühl ist, dass heutzutage Differenzierung und Versachlichung weniger erwünscht sind, weil wir uns – verstärkt durch die sozialen Medien – gerne mit emotionalen Botschaften übertrumpfen. Die werden einfach besser geklickt. Der Film ist ein Versuch, ein emotionsgeladenes Thema anzugehen, ohne plakativ zu urteilen. Wir haben viele Menschen getroffen, die ihren Job lieben, obwohl sie längst nicht so viel verdienen, wie oft angenommen wird. Wie haben Sie die Stimmung in Deutschland wahrgenommen: Ist die Mehrheit des Landes gegen das Beamtentum? Eine Infratest-dimap-Umfrage für unseren Film zeigt, dass bei einer Mehrheit der Befragten Beamte durchaus Ansehen genießen. Die meisten sind aber der Ansicht, dass nicht mehr so viele Menschen verbeamtet werden müssen. Da sind viele in den Bereichen Schule, Uni, Verwaltung eher skeptisch. Und eine große Mehrheit ist dafür, dass Beamte in die gesetzliche Rentenversicherung integriert werden. Glauben Sie, eine Abschaffung wäre realistisch? Eine Abschaffung wäre weder realistisch noch sinnvoll. Aber es gäbe durchaus Reformbedarf. Regierungen der vergangenen Jahrzehnte haben sich da kaum rangetraut, obwohl das Thema immer mal wieder drängend erschien. Gerade mit Blick auf die wachsenden Pensionslasten, die aus der Staatskasse zu zahlen sind, wird der Reformbedarf deutlich. Bleibt nur die Frage, ob diese Bundesregierung diesmal die Kraft dafür hat. "Deutschland, deine Beamten: Zeit für Reformen" ist in der ARD-Mediathek abrufbar und läuft am 19. Oktober ab 20.15 Uhr in der ARD .