Am Tag vor den Midterms tritt Trump nicht vor jubelnden Anhängern auf. Stattdessen eröffnet er ausgerechnet den Reflecting Pool wieder, der ihm viele Negativschlagzeilen gebracht hat – und baut dabei für eine mögliche Niederlage vor. Julia Naue berichtet aus Washington Mehr als 20 Minuten redet Donald Trump über etwas ganz anderes. In seiner letzten großen Rede vor den wichtigen Zwischenwahlen am Dienstag spricht der US-Präsident ausführlich über Algen, Vandalismus, Granit und Abflüsse, aber erst einmal nicht über die Wahl. Trump hält seine Rede am frisch renovierten Reflecting Pool, dem weltberühmten Wahrzeichen im Herzen der US-Hauptstadt. Trump ließ das rund 600 Meter lange Wasserbecken kostspielig renovieren – doch das Prestigeprojekt wurde zur Posse für den US-Präsidenten. Nun öffnet Trump das Spiegelbecken offiziell wieder für Besucherinnen und Besucher – fast wirkt das wie ein Ablenkungsmanöver. Ein zweifelhaftes, allerdings. Umfragen zufolge könnten Trumps Republikaner bei den Kongresswahlen die Mehrheit im Repräsentantenhaus und möglicherweise sogar im Senat verlieren. Das weiß auch Trump. Schon mehrfach hat er gesagt, die Midterms gingen auch für "großartige Präsidenten" schlecht aus. Und genau diese Botschaft sendet der US-Präsident mit "USA"-Kappe auf dem Kopf auch an diesem Montag. Dieses Mal allerdings nicht nicht auf einer Kundgebung, sondern vor einer Sehenswürdigkeit, die zum Sinnbild für Trumps Pannen, Probleme und Rückschläge geworden ist. Trump sagt, wenn alle, die ihn bei der Präsidentschaftswahl 2024 gewählt hätten, ihm auch am Dienstag seine Stimme geben würden, würden die Republikaner einen "Erdrutschsieg" einfahren. Das werde aber nicht passieren, fügt er sofort hinzu. Denn: Normalerweise gewinne der amtierende Präsident, ob Republikaner oder Demokrat, schlechter oder großartiger Präsident, "aus irgendeinem Grund" die Zwischenwahlen nicht. "Wir haben es ernsthaft versucht", fügt er fast resigniert hinzu. Und dann beginnt Trump seine angeblichen Erfolge aufzulisten. Dennoch klingt es, als würde er für eine Niederlage bei den Midterms vorbauen. Die Botschaft: An mir liegt es dann allerdings nicht. Eine steile These. Schlechtes Zeugnis für Trump Gewählt werden bei den Midterms das Repräsentantenhaus und ein Teil des Senats, nicht der Präsident. Dennoch rief Trump die Wähler dazu auf, so abzustimmen, als stünde er selbst auf dem Wahlzettel. Das ist angesichts historisch schlechter Popularitätswerte für Trump eine riskante Strategie. Einer Auswertung mehrerer Umfragen durch die "New York Times" zufolge heißen nur 38 Prozent der Befragten die Politik des Republikaners gut. Rund 60 Prozent der Befragten zeigten sich mit der Arbeit des US-Präsidenten nicht zufrieden. Auch beim Blick auf einzelne Politikfelder fällt das Zeugnis für Trump schlecht aus: Eine Befragung des Umfrageinstituts Siena Research Institute im Auftrag der "New York Times" zeigt, dass 61 Prozent der Befragten mit Trumps Zollpolitik unzufrieden sind. 65 Prozent sind unzufrieden damit, wie Trump im Iran-Krieg vorgeht und 69 Prozent finden, Trump mache bei den Lebenshaltungskosten keinen guten Job. Gewinne von Demokraten wahrscheinlich Angesichts dieser Zahlen sollte Trump eher darauf hoffen, dass die Wählerinnen und Wähler nicht abstimmen, als stünde der US-Präsident persönlich auf dem Wahlzettel. Eine "blaue Welle", also große Erfolge der Demokraten bei den Midterms, wäre eine Schlappe für Trump. Es gilt als wahrscheinlich, dass die Mehrheit im US-Repräsentantenhaus an die Demokraten fällt. Auch im US-Senat können sich die Demokraten Chancen ausrechnen, allerdings gilt das als schwieriger. Dafür müssten die Demokraten in mehreren US-Bundesstaaten gewinnen, die eigentlich fest in republikanischer Hand sind. Dass es in tiefroten Bundesstaaten wie Texas oder Kansas dennoch eng für Trumps Republikaner werden könnte, deutet auf die Schwäche des US-Präsidenten hin – und auf die Stärke einiger demokratischer Kandidaten, die in diesen Staaten ins Rennen gehen, wie zum Beispiel James Talarico in Texas. Eine Reportage über Talaricos Wahlkampf lesen Sie hier . Trump dürfte sich vom Kongress nicht bremsen lassen Trump droht also nach den Zwischenwahlen die Blockade durch den US-Kongress, der eigentlich eine Kontrollinstanz für US-Präsidenten ist. Das bedeutet, für ihn dürfte es schwierig bis nahezu unmöglich werden, Gesetze im Kongress verabschieden zu lassen. Trump müsste bei wichtigen Themen zu weitgehenden Kompromissen bereit sein. Das gilt angesichts von Trumps Politikstil allerdings als unwahrscheinlich. Der US-Präsident hat ohnehin bisher größtenteils über sogenannte Exekutivanordnungen regiert. Diese ermöglichen es dem US-Präsidenten, ohne die direkte Zustimmung des Kongresses rechtsverbindliche Anweisungen an Bundesbehörden zu erlassen. Diese Anordnungen werden zwar regelmäßig vor Gericht angefochten – und nicht selten auch vorerst oder sogar final gekippt. Doch das hat Trump bisher nicht davon abgehalten, so durchzuregieren. Und das, obwohl seine Republikaner aktuell die Mehrheit in beiden Kongresskammern halten. Mehr als 25 Kundgebungen in einem Monat Es ist daher nicht davon auszugehen, dass Trump seinen Regierungsstil ändern wird. Im Gegenteil. Ein Erfolg der Demokraten bei diesen Midterms hätte also vor allem eine symbolische Bedeutung und dürfte der Partei neues Selbstbewusstsein mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen 2028 geben. Gleichzeitig dürfte ein Erfolg der Demokraten Trump erzürnen. Eine mögliche Folge: Eine "Jetzt erst recht"-Mentalität. Schließlich hat der 80-Jährige als "lame duck" in den kommenden Jahren wenig zu verlieren. Trump hat sich dennoch im Wahlkampf voll eingebracht. Mehr als 25 Kundgebungen vor Tausenden Anhängern hat der US-Präsident im vergangenen Monat in zahlreichen Bundesstaaten abgehalten, um die republikanischen Kandidaten dort zu unterstützen. Bis zuletzt war er im ganzen Land unterwegs. Über seine Kundgebung vor einigen Tagen in Florida lesen Sie hier. Trump schimpft über Vandalismus Umso trister wirkte nun sein Auftritt vor dem Reflecting Pool in Washington . Das riesige Areal um das Wasserbecken entlang der Parkanlage National Mall, an der viele berühmte Denkmäler stehen, war wegen der Renovierungsarbeiten monatelang weiträumig abgesperrt. Auch Trumps Rede fand nun in einem riesigen, von Zäunen umschlossenen – fast menschenleeren – Bereich statt. Wer Trump zuhören wollte, musste den Fernseher einschalten. Statt jubelnder Anhänger saßen einige Parkpolizisten aufgereiht auf Stühlen vor dem Präsidenten. Denen präsentierte der US-Präsident riesige Fotos von Schäden am Pool, die nun angeblich beseitigt worden seien. Dem Pool wollte Trump einst einen blauen Schimmer verleihen. "Ein sanftes Dunkelblau, das für eine schöne Reflexion sorgt", beschrieb er die ausgesuchte Farbe für den Pool nun bei seinem Auftritt. Nur wenige Tage nach dem Ende der Arbeiten vor einigen Monaten hatten Algen das Wasser aber grün gefärbt, die Farbe blätterte ab. Die Renovierungsarbeiten zogen sich – bis jetzt. Trump machte damals Vandalismus für die Schäden verantwortlich. Eine spätere Untersuchung kam jedoch zu dem Ergebnis, dass die Schäden an der Beckenauskleidung auf gravierende Baumängel zurückgingen, für die das von Trumps Regierung beauftragte Bauunternehmen verantwortlich war. In US-Medien hieß es, der Vergabeprozess sei nicht korrekt verlaufen. Die Firma sei nicht nur zu teuer, sondern für so ein großes Projekt auch gar nicht qualifiziert gewesen. Davon wollte Trump – wie üblich – aber nichts wissen. Auch jetzt wetterte der US-Präsident wieder über Vandalen, die absichtlich seinen schönen Pool zerstört hätten. Über "massive Vandalismusschäden" sprach Trump und hielt Fotos in die Höhe, die das belegen sollten. Alles wie immer bei Trump also: Wenn etwas schiefläuft, sind andere schuld.