Über 50 Prozent Sozialabgaben bis 2035? Eine arbeitgebernahe Studie sieht kaum Entlastung durch die Reformen. Doch eine positive Folge ist gar nicht eingerechnet. Beschäftigten und Arbeitgebern drohen deutlich steigende Sozialabgaben. Zu diesem Ergebnis kommt eine Projektion des Forschungsinstituts IGES. Derzeit fließen 42,8 Prozent des Bruttolohns in die Sozialversicherung, also in Renten-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung. Den größten Teil davon tragen Arbeitnehmer und Arbeitgeber jeweils zur Hälfte. Um die Kassen ohne weitere Reformen zu finanzieren, wären bis 2035 rechnerisch 48,8 Prozent nötig. Entwickeln sich Beschäftigung und Löhne ungünstig, wären es 51,6 Prozent. Die 50-Prozent-Marke wäre dann schon 2033 überschritten. Mehr als zwei Drittel des Anstiegs entfallen der Studie zufolge auf die Renten- und die Arbeitslosenversicherung. Die geplanten Reformen in Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung bremsen den Anstieg demnach nur um rund ein Fünftel. Wer hinter der Studie steht Auftraggeber ist die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), eine Lobbyorganisation, die von den Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektroindustrie finanziert wird und sich seit Jahren für niedrigere Lohnnebenkosten einsetzt. Steigende Sozialbeiträge verteuern die Arbeit für Unternehmen. Welche Szenarien errechnet und wie die Ergebnisse dargestellt werden, sollte man daher vor diesem Hintergrund einordnen. Wichtig für die Einordnung: Das IGES-Institut weist sogenannte ausgabendeckende Beitragssätze aus. Sie zeigen, wie hoch die Beiträge sein müssten, damit die Kassen nach Abzug der Bundeszuschüsse ohne Rücklagen und Darlehen auskommen. Eine Prognose der tatsächlichen Beitragssätze ist das nicht. Diese legt die Politik fest. Sie kann Lücken etwa mit höheren Steuerzuschüssen schließen. Die Belastung verschwindet dadurch nicht, sie verlagert sich aber von den Beitragszahlern auf die Steuerzahler. Der Ausgangswert von 42,8 Prozent beruht dagegen überwiegend auf den Beitragssätzen, die 2026 tatsächlich erhoben werden. Diese sind teils künstlich niedrig. Die Rentenversicherung zehrt derzeit ihre Rücklagen auf. Laut Studie lasten auf der Krankenversicherung Darlehen und Schulden von knapp sechs Milliarden Euro, auf der Pflegeversicherung von knapp fünf und auf der Arbeitslosenversicherung von rund zehn Milliarden Euro. Ein Teil des Anstiegs bis 2035 steckt also schon heute als verdeckte Finanzierungslücke im System. Krankenkasse: Ruhe nur bis 2028 Für die gesetzliche Krankenversicherung hat der Bundestag im Juli das Beitragssatzstabilisierungsgesetz (BStabG) beschlossen . Die meisten Maßnahmen greifen ab Januar 2027. Kliniken und Ärzte bekommen geringere Vergütungszuwächse, Versicherte zahlen höhere Zuzahlungen. Die Beitragsbemessungsgrenze steigt einmalig um zusätzliche 300 Euro im Monat . Arbeitgeber zahlen für Minijobber mehr. Ab 2028 sollen bestimmte bisher beitragsfrei mitversicherte Ehepartner einen eigenen Beitrag zahlen . Laut IGES hält das Gesetz den Beitragssatz 2027 und 2028 bei 17,7 Prozent inklusive Zusatzbeitrag stabil. Das gelingt allerdings nur, wenn die Einsparungen tatsächlich in der angenommenen Höhe eintreten. Danach öffnet sich die Lücke wieder. Bis 2035 wären rechnerisch 18,8 Prozent nötig, im ungünstigen Fall mehr als 20 Prozent. Pflege: Entlastung mit Ablaufdatum Ähnlich sieht es in der Pflegeversicherung aus. Das Bundeskabinett hat Ende September das Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG) beschlossen, über das der Bundestag noch beraten muss. Kinderlose sollen ab 2027 einen höheren Zuschlag zahlen , nämlich 0,9 statt 0,6 Prozent. Auch hier zahlen Gutverdiener künftig mehr , und für mitversicherte Ehepartner ist ab 2028 ein Zuschlag geplant . Zugleich wird der Zugang zu den unteren Pflegegraden enger gefasst. Wer bereits eingestuft ist, behält seinen Pflegegrad. Ohne das Gesetz müsste der Beitragssatz laut IGES bis 2028 von knapp 3,9 auf 4,5 Prozent steigen, bis 2035 auf rund 4,8 Prozent. Mit dem PNOG bliebe er zunächst weitgehend stabil und läge 2035 bei etwa 4,0 Prozent. Eine dauerhafte Lösung ist das aus Sicht der Forscher nicht. Die Regierung sieht das offenbar ähnlich: Eine Strukturkommission soll bis Ende Januar 2027 weitere Vorschläge erarbeiten. Rente ist der größte Kostentreiber Am stärksten wächst laut Studie der Finanzbedarf der Rentenversicherung. Grund sind vor allem die Babyboomer, die in Rente gehen. Der Beitragssatz könnte von heute 18,6 Prozent bis 2035 auf knapp 21 Prozent steigen. Die Bundesregierung will die Empfehlungen der Alterssicherungskommission umsetzen, die im Juni 33 Vorschläge vorgelegt hat. Dazu gehören: Das Rentenalter soll ab 2031 an die Lebenserwartung gekoppelt werden . Von jedem zusätzlichen Lebensjahr sollen acht Monate auf das Arbeitsleben entfallen und vier Monate auf den Ruhestand. Der sogenannte Nachhaltigkeitsfaktor in der Rentenformel soll wieder greifen und verstärkt werden . Weitere Gruppen wie neue Selbstständige sollen in die Rentenversicherung einbezogen werden. Kernstück ist eine gesetzliche Kapitalrente nach schwedischem Vorbild . Ohne die Kapitalrente würden die Vorschläge den Rentenbeitrag 2035 laut IGES auf 20,5 Prozent begrenzen. Der Gesamtbeitrag läge dann bei 47,5 Prozent statt 48,8 Prozent. Kapitalrente: Erst zahlen, später profitieren Bei der Kapitalrente sollen Beschäftigte und Arbeitgeber zusätzlich zwei Prozent des Bruttolohns einzahlen, jeweils zur Hälfte. Der Beitrag soll ab 2028 schrittweise eingeführt werden und 2031 seine volle Höhe erreichen. Das Geld fließt auf individuelle Konten und wird breit gestreut am Kapitalmarkt angelegt. In der Studie steigt der Rentenbeitrag dadurch bis 2035 auf 22,2 Prozent und der Gesamtbeitrag auf 49,3 Prozent. Das ist mehr als im Szenario ganz ohne Reformen. Die Entlastung setzt laut IGES erst nach 2035 ein. Diese Zahl ist allerdings mit Vorsicht zu lesen. Die zwei zusätzlichen Prozentpunkte fließen nicht wie ein gewöhnlicher Rentenbeitrag in die Umlage. Sie werden für jeden Versicherten angespart und gehören ihm. Rechnet man diesen Sparanteil heraus, läge der Umlagebeitrag 2035 rechnerisch bei rund 20,2 Prozent und der Gesamtbeitrag bei etwa 47,3 Prozent. Das wäre sogar etwas weniger als im Reformszenario ohne Kapitalrente. Langfristig hat die Kapitalrente mehrere Vorteile: Die Rente hängt nicht mehr allein davon ab, wie viele Menschen gerade arbeiten und Beiträge zahlen. Ein Teil wird über Erträge am Kapitalmarkt finanziert. Zudem verteilt sich der demografische Druck auf mehr Schultern. Nach Darstellung des Bundesarbeitsministeriums soll das Rentenniveau der heute Jüngeren durch die Kapitalrente langfristig wieder steigen. Wer bald in Rente geht und nur kurz anspart, soll ab 2032 über einen steuerfinanzierten Übergangsfaktor einen Ausgleich bekommen. Unumstritten ist das Modell aber nicht. Sozialverbände wie der Paritätische kritisieren, dass ein Teil der Alterssicherung damit von den Schwankungen der Finanzmärkte abhängt.