Wer seinen Job nicht mehr ausüben kann, gerät schnell in Existenznot. Schutz bietet eine Berufsunfähigkeitsversicherung. Doch es gibt ein Problem. Es ist ein Szenario, das sich niemand gerne vorstellt: Sie erkranken schwer, haben einen Unfall oder sind so sehr am Ende ihrer Kräfte, dass Sie Ihrem Beruf nicht länger nachgehen können. Die Folge: gravierend weniger Einkommen. Womöglich ist sogar Ihre Existenz in Gefahr. Dieses Risiko abzusichern, ist Aufgabe der Berufsunfähigkeitsversicherung. Wir erklären, wie sie funktioniert, für wen sie sich lohnt und was berufsunfähig von arbeitsunfähig unterscheidet. Wie funktioniert eine Berufsunfähigkeitsversicherung? Eine Berufsunfähigkeitsversicherung, kurz BU, springt ein, wenn Sie aus gesundheitlichen Gründen Ihren Beruf zu mindestens 50 Prozent langfristig nicht mehr ausüben können. Sie ersetzt dann den Ausfall des Einkommens, indem Sie eine vereinbarte Monatsrente erhalten. Anders gesagt: Eine BU sichert Ihren Lebensunterhalt, wenn Sie Ihre Arbeitskraft einbüßen. Häufig werden die Begriffe Berufsunfähigkeit und Arbeitsunfähigkeit synonym verwendet. Dabei gibt es einen wichtigen Unterschied: Wer arbeitsunfähig ist, kann in der Regel nach einiger Zeit wieder in seinen Job zurückkehren, es handelt sich nicht um einen Dauerzustand. Mehr zum Unterschied zwischen arbeits- und berufsunfähig lesen Sie hier. Erst wenn Sie gesundheitlich so stark beeinträchtigt sind, dass eine Behandlung Ihren Zustand nicht ausreichend verbessern würde, um zurückzukehren, gelten Sie als berufsunfähig. Und erst dann erhalten Sie auch die Rente aus der Versicherung. Eine Entscheidung darüber fällt Ihre Versicherung anhand verschiedener Unterlagen – etwa Arztberichten und einer Tätigkeitsbeschreibung. Die häufigste Ursache für Berufsunfähigkeit sind inzwischen psychische Erkrankungen. Unfälle liegen hingegen nur einem geringen Teil der bewilligten Anträge zugrunde. Was und wann zahlt die BU? Eine Berufsunfähigkeitsversicherung zahlt Ihnen eine monatliche Rente. Die Höhe ist in der Versicherungspolice vereinbart und richtet sich nach Ihrem Einkommen zum Zeitpunkt des Abschlusses und den Vorgaben des Versicherers. Oft ist es möglich, bis zu 70 Prozent des Bruttogehalts als Rente zu erhalten. Um sie zu bekommen, müssen Sie einen Leistungsantrag stellen. Anschließend folgt die Leistungsprüfung – egal, ob Sie die Rente wegen Krankheit, Unfall oder körperlichem Verschleiß beantragen. Ob Sie tatsächlich berufsunfähig oder "nur" arbeitsunfähig sind, hängt von der medizinischen Prognose ab. Kann sich Ihr Zustand noch bessern, etwa indem Sie eine Reha machen, gelten Sie noch nicht als berufsunfähig. Folglich erhalten Sie keine Leistungen aus der Berufsunfähigkeitsversicherung, sondern Krankengeld – zunächst sechs Wochen lang vom Arbeitgeber, anschließend von der Krankenkasse. Gesetzlich Versicherte haben darauf höchstens 78 Wochen innerhalb von drei Jahren Anspruch. Das Krankengeld beträgt maximal 70 Prozent Ihres Bruttolohns. Mehr zum Krankengeld lesen Sie hier. Nicht nur für Familien: Wann sich eine Risikolebensversicherung lohnt Vertragsart entscheidet: So müssen Sie Ihre Lebensversicherung versteuern Laut dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) werden 80 Prozent aller Anträge auf Berufsunfähigkeitsrente bewilligt. Häufigster Streitpunkt bei den abgelehnten Fällen ist die Frage, ob Sie wirklich zu mindestens 50 Prozent Ihren Beruf nicht mehr ausüben können. Im Jahr 2023 war das bei 44 Prozent aller Ablehnungen der Grund. 25 Prozent der Antragsstellenden hatten im Laufe des Verfahrens nicht mehr auf die Ansprache des Versicherers reagiert – etwa weil es ihnen gesundheitlich wieder besser ging. Weitere 10 Prozent hatten die Gesundheitsfragen bei Vertragsabschluss nicht der Wahrheit entsprechend beantwortet und damit die sogenannte vorvertragliche Anzeigepflicht verletzt. Es gibt auch Berufsunfähigkeitspolicen, die bestimmte Leistungen ausschließen. Haben Sie zum Beispiel bereits eine starke Sehschwäche, könnte die Versicherung die Augen ausschließen – und müsste dann im Fall einer Erblindung nicht einspringen. Achten Sie bei der Wahl des Tarifs zudem darauf, dass Sie die Höhe der Rente bei Bedarf ändern können. Das funktioniert zum Beispiel mit einer sogenannten Nachversicherungsgarantie. Dann erhöht sich die Rente automatisch bei bestimmten Anlässen wie Heirat, Geburt, Gehaltserhöhung oder Start in die Selbstständigkeit. Vereinbaren Sie eine Leistungsdynamik, steigt Ihre Rente von Jahr zu Jahr, nachdem Sie berufsunfähig geworden sind. Sollte das gesetzliche Renteneintrittsalter im Laufe Ihrer Versicherungszeit steigen, ist das kein Problem für Sie, sofern Ihr Vertrag eine Anhebung der Regelaltersgrenze vorsieht. Dann verlängert sich die Versicherung entsprechend. Ist eine Berufsunfähigkeitsversicherung sinnvoll? Eine Berufsunfähigkeitsversicherung ist grundsätzlich für jeden sinnvoll, der auf sein Arbeitseinkommen angewiesen ist. Denn die gesetzliche Erwerbsminderungsrente vom Staat reicht meist nicht zum Leben. 2023 gab es laut Deutscher Rentenversicherung im Schnitt 1.059 Euro. Wie viel für Sie derzeit herumkommen würde, können Sie Ihrer jährlichen Renteninformation entnehmen. Eine volle Erwerbsminderungsrente erhalten Sie zudem nur, wenn Sie in den vergangenen fünf Jahren mindestens 36 Monate in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt haben und wenn Sie in keinem Beruf länger als drei Stunden arbeiten können. Sind Sie noch in der Lage, drei bis sechs Stunden pro Tag zu arbeiten – egal in welchem Job, haben Sie nur auf die halbe Erwerbsminderungsrente Anspruch. Sparen können Sie sich eine BU hingegen, wenn Sie bereits über ausreichend Vermögen verfügen oder über Ihre Familie abgesichert sind. Ist das nicht der Fall, lohnt sich die Versicherung immer. Das Problem ist allerdings: Viele können sich die BU nicht leisten oder bekommen sie erst gar nicht (mehr dazu unten). Was kostet eine Berufsunfähigkeitsversicherung? So sinnvoll eine Berufsunfähigkeitsversicherung auch ist, günstig ist sie nicht. Die Höhe Ihrer Beiträge hängt von mehreren Faktoren ab: Höhe der vereinbarten BU-Rente Risikogruppe Ihres Berufs Ihr Alter bei Vertragsabschluss Alter, bis zu dem die Rente gezahlt werden soll Risikoprüfung und Ihr Gesundheitszustand Vereinbarung einer Karenzzeit, in der der Versicherer noch nicht zahlen muss Berufsunfähigkeitsversicherungen unterscheiden zwischen zwei Beitragsarten: dem Netto- und dem Bruttobeitrag. In manchen Verträgen ist auch von Zahl- und Tarifbeitrag die Rede. Der Unterschied ist folgender: Den Netto- oder Zahlbeitrag zahlen Sie ab dem Start der BU-Versicherung. Er kann aber bis zur Höhe des Brutto- oder Tarifbeitrags steigen, falls Ihr Anbieter nicht gut kalkuliert hat. Das heißt: Je größer die Spanne zwischen den Beiträgen, desto höher das Risiko, dass Sie später deutlich mehr pro Monat zahlen müssen. Die Stiftung Warentest hat sich zuletzt im Mai 2024 die verschiedenen Angebote angeschaut. 38 von 67 Versicherungen im Test schnitten mit "sehr gut" ab. Ganz vorne liegen demnach Angebote von den Versicherern DBV (Axa), Europa, Hannoversche, HDI und LV1871. Die Kosten für die sieben Verträge mit den besten Bedingungen reichen bei den Zahlbeiträgen pro Jahr von 664 Euro bis 1.404 Euro für einen Controller (Endalter 67 Jahre, 2.000 Euro Rente), von 803 Euro bis 1.491 Euro für einen Mechatroniker (Endalter 67 Jahre, 1.500 Euro Rente) und von 551 Euro bis 1.113 Euro für einen Medizinischen Fachangestellten (Endalter 67 Jahre, 1.000 Euro Rente). Wenn Sie finanziell dazu in der Lage sind, sollten Sie bereits für Ihr Kind eine BU abschließen. Empfehlenswerten Schutz gibt es laut Stiftung Warentest schon ab 10 oder 15 Jahren. Die Versicherer stufen das Berufsrisiko eines Schülers in der Regel als niedrig oder mittel ein. Das senkt die Kosten für den Vertrag. Zudem stehen die Chancen auf guten Schutz in jüngeren Jahren besser, da Kinder meist weniger Krankenhausaufenthalte haben. Wer bekommt überhaupt noch eine Berufsunfähigkeitsversicherung? Je später Sie eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen, desto teurer wird sie. Doch selbst wenn Sie die Beiträge stemmen könnten, nehmen Anbieter nicht jeden potenziellen Kunden an. Manchmal gibt es ein Höchsteintrittsalter, das je nach Anbieter von 64 bis 55 Jahren reicht. Manchmal sind aber auch die Konditionen derart schlecht, dass es sich für Sie schlicht nicht lohnen würde, das Angebot anzunehmen – etwa weil viele Leistungen ausgeschlossen werden. Je nach Vorerkrankung wird Ihnen zudem überhaupt kein Angebot gemacht. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn Sie in psychotherapeutischer Behandlung sind oder waren. Auch viele Handwerker haben es oft schwer, eine gute BU zu bekommen. Nichtsdestotrotz sollten Sie die Fragen zur Gesundheit unbedingt wahrheitsgemäß beantworten. Sonst stehen Sie am Ende womöglich ohne BU-Rente da, obwohl Sie jahrelang Beiträge gezahlt haben. Was sind Alternativen zur BU? Es gibt verschiedene andere Versicherungen, über die Sie nachdenken können, wenn Sie keine Berufsunfähigkeitsversicherung bekommen oder bezahlen können. Allerdings bietet keine davon so umfangreichen Schutz wie eine BU. So zahlt zum Beispiel eine private Erwerbsunfähigkeitsversicherung erst, wenn Sie weniger als drei Stunden in irgendeinem Beruf arbeiten können. Ein Elektriker, der noch als Lkw-Fahrer arbeiten kann, könnte also keine Ansprüche geltend machen. Eine weitere Alternative kann eine sogenannte Dread-Disease-Versicherung sein. Sie bekommen dann keine monatliche Rente, sondern einen vereinbarten Geldbetrag auf einen Schlag. Voraussetzung ist, dass ein Arzt eine schwere Krankheit wie etwa Krebs oder Schlaganfall bei Ihnen diagnostiziert, die im Vertrag genannt sein muss.